„Auf den zweiten Blick“ von Sheri Hagen: Sehen und Gesehenwerden

Am Freitag kommt der Film „Auf den zweiten Blick“ in Berlin ins Kino – eine Episodengeschichte, die unaufgeregt, aber berührend Liebesgeschichten um sehbehinderte Menschen erzählt. Ein Film, der durch seine Melancholie den anstehenden November-Blues vorwegnimmt, denn es geht um verwundete Seelen und Einsamkeit im Alltag. Aber: Es geht auch ums Sehen und Gesehenwerden im nicht herkömmlichen Sinne. Der Film ist das Regiedebüt von Sheri Hagen. Dinge, die ihr im Filmbetrieb fehlen, wollte sie nicht länger anprangern – und hat sie stattdessen einfach selbst verwirklicht. So erkennt man die große Leistung des Films erst auf den zweiten Blick: Die dunkle Hautfarbe wird erst gar nicht thematisiert, sondern ist selbstverständlich. Dabei ist es der erste deutsche Film mit so vielen schwarzen Darstellern.

Wie kamen Sie auf das Drehbuch?

Ich hatte die Geschichte von Kay im Kopf; das ist die Hauptfigur, die erblindet ist. Eine wahre Geschichte. Sie lag ein Jahr im Krankenhaus, wurde von ihrem Verlobten verlassen, und ihr Leben änderte sich drastisch. Mich interessierte: Wie ist es, wenn man alles verliert?

Sie sind auch die Regisseurin. Haben Sie sich das einfach so zugetraut?

Ja. Ich kann mir nicht vorstellen, eigene Geschichten abzugeben. Die möchte ich schon selbst realisieren.

Bemerkenswert ist, dass Sie auch die Produzentin des Films sind.

Ich hatte keine Wahl. Der Film wurde bei der Hamburger und bei der Berliner Förderung abgelehnt, aber ich wollte ihn unbedingt machen. So blieb mir nichts anderes übrig, als selbst loszulegen. Ich hatte das Glück, dass mir Menschen geholfen und Lust auf diese Geschichte hatten. Hinzu kam das Crowdfunding, wo viele kleine Summen von privaten Unterstützern nun auch eine Doppel-CD ermöglichen. Auf der einen CD ist die Filmmusik vom genialen Reggie Moore drauf, auf der anderen der Hörfilm.

Was ist ein Hörfilm?

Das ist eine Audiodeskription, die akustische Erläuterung des Films. Dadurch können blinde oder sehbehinderte Menschen den Film besser sehen. Sie hören da nicht nur das gesprochene Wort, auch Darsteller, Mimik, Gestik oder Situationen, Kameraführungen und Schauplätze werden beschrieben.

Eben die Schauplätze. Ist Berlin hier nicht sogar mehr als eine Kulisse?

Die Stadt hat tatsächlich die siebte Hauptrolle. Es hätte auch jede andere Stadt sein können, aber ich lebe nun mal hier und kenne Berlin gut. Ich wollte die Vielfalt von der Straße auch auf der Leinwand.

Sie ärgern sich über die Stereotypisierung schwarzer Schauspieler. Vermissen Sie jene Vielfalt im Fernsehen und Kino? Ist der Film Ihre Antwort?

Ja. Da sind gewisse Klischees, die langweilen mich. Diese ewigen Rollen als Flüchtlinge oder Drogenhändler. Da gibt es nur selten Ausnahmen. Es wundert mich, dass es in Deutschland so viele schwarze Menschen, aber so wenig Rollen für schwarze Schauspieler gibt. Rollen, wo sie stinknormal sein können. Nennen Sie mir doch mal vier schwarze Schauspieler, die Sie in ganz normalen Rollen kennen.

Dennenesch Zoudé…

Okay und weiter.

Pierre Sanoussi-Bliss, der auch in Ihrem Film spielt. Ist der nicht schon ewig als Ermittler im TV?

Aber er kann doch in „Der Alte“ nur zehn Prozent von dem spielen, was er wirklich kann. In meinem Film erfährt man etwas mehr von seiner Vielseitigkeit.

Sehr auffällig in Ihrem Film ist die Leistung von Michael Klammer. Warum kennt man den noch nicht?

Bo Rosenmüller hat ein perfektes Casting gemacht, durch sie habe ich Michael Klammer erst entdeckt. Er kam vom Maxim-Gorki-Theater.

Wie viele schwarze Menschen haben denn am Film mitgewirkt?

Kaum einer weiß, dass es so viele schwarze Schauspieler gibt. Es gab viele Möglichkeiten, am Ende waren es zehn Darsteller, dann noch die Cutterin und der Filmkomponist.

Und wie viele weiße Darsteller?

In den Hauptrollen ist es fifty-fifty. Mir ging es ansonsten auch um Menschen mit Behinderungen.

Ist es der Film geworden, den Sie machen wollten? Oder hat sich seit der Planung 2009 viel geändert?

Ja, es ist der Film geworden. Und ja, es hat sich viel geändert. Noch bei jedem Zuschauen ändert er sich für mich. Aber die Botschaft blieb. Es ist eine Liebesgeschichte, in der Menschen sich begegnen und Ängs-te überwinden, Nähe empfinden und auch Nähe zulassen. Wenn wir nicht mehr sehen und nicht mehr gesehen werden, dann können wir auch nicht aufeinander zugehen und uns nicht mehr austauschen. Das ist aber lebensnotwendig.

Und offenbar auch preiswürdig

Auf den Filmfesten Emden-Norderney und in Recklinghausen habe ich zu meiner eigenen Überraschung zwei Preise gewonnen.

Was erwarten Sie von dem Film?

Dass er viele Zuschauer hat und inspiriert. Ich zeige Menschen, die man sonst so nicht sieht und möchte damit in mehrfachem Sinne Sehgewohnheiten erweitern.

Das Gespräch führte Abini Zöllner.

Auf den zweiten Blick im Babylon Mitte, Rosa-Luxemburg-Str. 30 , am Fr (11. 10.) 22.15 Uhr, Sa (12. 10.) 22 Uhr, Di (15. 10.) 21 Uhr und Mi (16. 10.) 20.45 Uhr.