Berlin - Der Gedanke ist lange gewachsen, ein paar Jahre lang, und auf einmal war er zu groß, als dass ich ihn länger verdrängen konnte. Also mit dem Auto einmal Odessa und zurück. Ich hätte fliegen können, über Wien, es hätte einen halben Tag gedauert. Aber darum ging es nicht. Es ging um die Grenzen, und wie die Leute dahinter leben, um die Fahrt durch Gebirge und Steppen, um die Dinge, die passieren würden. Nichts ist so unwiderstehlich wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. So fuhr ich los.

Pass, Kreditkarten, Euro und Landkarten

Erster Tag. Freitag, morgens auf der Autobahn nach Dresden. Immer wieder der Gedanke: Was könnte ich vergessen haben. Aber es scheint alles da zu sein. Pass, Kreditkarten, Euro, Dollar in kleinen Scheinen für interessierte Grenzwächter ab der Ukraine, eine Tasche voller Landkarten. Später, in Zittau, die erste Grenze. Es geht schnell. Danach ein Kilometer durch Polen bis Tschechien und weiter nach Hradec Kralove, früher Königgrätz, in Nordböhmen.

Abends Einfahrt in die Stadt. Im Internet hatte ich ein schönes Hotel gefunden. Es kostet 80 Euro, aber es ist egal. Wer weiß, was noch kommt. Ich ahne, was es sein wird. Es werden kleine oder große Absteigen darunter sein, vielleicht auch Rattenlöcher. Aber hier in der Altstadt ist es schön. Die Stadt hat ihre österreichisch-ungarische Vergangenheit restauriert. Es sieht aus, als würden gleich Kutschen um die Ecke biegen. Spätes Abendbrot im „U Radnice“. Das ganze böhmische Programm, Krautsuppe, Wildbraten mit Knödel, Palatschinken mit Eis und Heidelbeeren, Pilsner Bier, Slivowitz. So schwer wie das Essen sind nur noch die gestärkten Tischdecken. Geld tauschen war nicht nötig, man nimmt Euro.

„Zum ersten Mal das Gefühl, schon weit weg zu sein“

Zweiter Tag. Die Straßen zur Slowakei sind leer. Ich fange an, das „R“ zu rollen, wenn ich nach der Richtung oder der nächsten großen Stadt frage. Andernfalls verstehen mich die Leute kaum. Hier kommen jetzt die ersten Berge, die Wälder hängen an ihnen wie dicke, dunkelgrüne Teppiche. Die Slowaken überholen gern vor Kurven und Bergkuppen. Zum ersten Mal das Gefühl, schon weit weg zu sein. Ich hatte befürchtet, ein wichtiges Fußballspiel nicht sehen zu können. Es hat jetzt keine Bedeutung mehr.

Am frühen Abend nach Kosice hinein, Kaschau, damals in der Donaumonarchie. Wie immer fahre ich den Türmen nach. Wo die Kirchen stehen und die Rathäuser, da ist die alte Innenstadt.

Die Pension aus dem Internet kostet 30 Euro. Sie ist einfach und sauber. Abendessen auf dem prächtigen, lang gezogenen Hauptplatz mit Kathedrale und Theater. Schweinebraten mit globalisierten Knödeln, deren Ausgangspulver vermutlich in Südkorea oder Thailand gemischt wird. In der Stadt sind Tausende Leute in den Nationalfarben unterwegs und brüllen „Down with Russia“. Die Slowakei und Russland stehen im Endspiel um die Eishockey-Weltmeisterschaft.

Dritter Tag. Früh um acht auf dem Weg in die Ukraine und in die Karpaten. Der übliche Griff in die vier Hosentaschen. Rechts hinten ein paar Dollar, links hinten fünfzig Euro, vorn rechts die Visa-Karte, vorn links Landeswährung. Nur falls mir jemand das Auto abnimmt. Unterwegs in den Dörfern Maibäume mit buntem Flitter in den vertrockneten Ästen. Die alten Frauen mit schwarzen Kopftüchern, in den Gehöften Weinlauben. Die letzten zwanzig Kilometer fahre ich allein zur Grenze. Kein Autoverkehr mehr. Die slowakischen Beamten winken mich gleichgültig durch. Die Ukrainer aber sind stark an mir interessiert. Dreimal den Kofferraum öffnen, dreimal die Fahrzeugnummer prüfen. Hast du Rauschgift, hast du Pistolen? Wo ist deine Zollerklärung? Hier hast du Talontschik.

Talontschik. Die Erfindung des Verderbens. Sie wird mich über die nächsten sechs Grenzen begleiten. Ein Talontschik ist ein kleiner Zettel, oft irgendwo abgerissen, vielleicht drei mal drei Zentimeter groß, der abgestempelt und/oder unterschrieben werden muss. Ohne Talontschik geht der letzte Schlagbaum nicht hoch.

So geschieht es hier. Der Zettel vom Zoll ist da, aber der vom Passbeamten nicht. Also vom Schlagbaum wieder zurück zu den Baracken. Dort radebrechen über den fehlenden Talontschik. Dort Aufregung einer größeren ukrainischen Abordnung von Pass-und Zollbeamten. Ein Talontschik fehlt, das hat die Welt noch nicht gesehen. Nach längerer Diskussion wird ein neuer Zettel abgerissen, ordnungsgemäß ausgefertigt und im Namen der ukrainischen Republik von ihren Dienern zum Talontschik erklärt. Nun darf ich ins Land.

Hier braucht man Grivni, also Geld tauschen in Ushgorod. Ein Halbwüchsiger stellt sich dazu und sieht Scheine in meiner Hand. Er glaubt, dass es zu viele sind und will ein paar. Schießt dann auch noch ein paar Fragen raus, wohin fährst du, welche Stadt, welches Hotel? Ich antworte vorsichtshalber „Ungarn“. Ungarn beginnt fünfzehn Kilometer südlich von Ushgorod. Ich aber fahre nach Osten.

In Chust zum ersten Mal an der Theiß entlang. Rechts an der Straße stehen blau-gelbe Grenzpfeiler der Ukraine. Auf der anderen Seite ist Rumänien, nur hundert Meter entfernt. Die Karpaten beginnen jetzt. Rechts und links am Weg steile, bewaldete Berghänge. Die Sonne ist weg, und der Nebel hängt in Höhe der Baumwipfel. Drüben in Rumänien zieht ein bepelzter Schäfer mit seiner Herde über die Hänge. Kurz vor Rachiv, an einer Theiß-Biegung, steht ein Denkmal. Es bezeichnet den geografischen Mittelpunkt Europas. „Locus Perennis“, der ewige Ort, ist in den Sandstein gemeißelt, im Jahr 1887 von den Landvermessern des kaiserlich-königlichen militärgeografischen Instituts in Wien. Das Zentrum Europas in den Waldkarpaten ist menschenleer. Es regnet. Zum ersten Mal überhaupt findet der Suchlauf meines Autoradios keinen Sender.

In Mukatschewo, wo ich nach dem Weg fragte, hatten sie mich gewarnt. „Fahr da nicht lang“, rieten sie mir, aber auch wegen Transkarpatien war ich losgefahren. Hinter Tjaciv beginnt es nun. Vor vier Jahren hatte das Theiß-Hochwasser die Gegend zerstört. Fünfzig Kilometer lang erlaubt die transkarpatische Verkehrswegebeschaffenheit durchschnittlich acht Kilometer pro Stunde. Aber manchmal kann ich mir die Menschen ansehen.

Es ist Sonntag, und als die Sonne wieder scheint, kommen die Leute in ihrer besten Kleidung aus den Häusern. Sie spazieren die Dorfstraße entlang. Die Jugend steht auch hier im Bushäuschen. Alte Frauen führen Kühe und Gänse aus.

Nach acht Uhr abends über den Prut nach Czernowitz hinein. Vor vier Jahren im November hatten wir hier Schneesturm und minus zwanzig Grad. Jetzt brennt ein heißer Tag runter. Ich bin immer noch in der alten Donaumonarchie. Czernowitz war die Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina. Nach Kiew ist es kaum weiter als nach Wien. Das „Tscheremosch“ ist das Hotel geblieben, das es war. Die Empfangshalle abgedunkelt wie vor einem Fliegerangriff. Gleichgültige Rezeptionistinnen. Die schmalen Betten durchgelegen. Tristesse für fünfzig Dollar die Nacht.

Also schlafen bis acht Uhr, Frühstück mit Bliny in saurem Rahm und Tee und weiter nach Moldawien. So ist es gedacht. Aber der Autoschlüssel ist nicht dort, wo er sein sollte, Hosentasche vorne links. Auch sonst ist er nirgends, und der Ersatzschlüssel liegt zu Hause. Die letzte Hoffnung ist das Auto selbst. Es ist offen, und der Schlüssel steckt außen in der Tür. Dort war er die ganze Nacht, gut sichtbar für jeden freischaffenden Autohändler der Region.

Vierter Tag. Heute nur 300 Kilometer, nach Kishinew, Moldawien. Am Weg Birkenalleen wie aus russischen Erzählungen. Die Gehöfte in den Dörfern von Bäumen und Büschen zugewachsen. Die Leute hier brauchen viel Schatten. Wasser holen sie vom Ziehbrunnen vor dem Tor. Wie vorher in der Ukraine stehen überall fast fertige Kirchen. Gott ist zurückgekehrt, aber der Kampf tobt anscheinend weiter. Bei Tarivtsi ist in eine große Scheibe aus Beton gehauen, dass man immer dem Weg Lenins folgen soll.

Die ukrainisch-moldawische Grenze. Das Spiel beginnt wieder. Dreimal auf jeder Seite den Pass zeigen, die Fahrzeugpapiere, den Kofferraum, die Fahrzeugnummer im Auto. Wo ist die Zollerklärung von Ushgorod? Pistolen und Rauschgift dabei? Wie viel Geld in welcher Währung?

Ich schätze die Summe nur, und das ist ein Fehler. Sie sind an den Details interessiert und finden ein paar Rubel und slowakische Kronen. Das ist nicht gut, es scheint sogar schlecht zu sein. Es fallen ihnen viele Fragen ein, und ich muss schlau antworten. Ich will meinen Talontschik. Nach anderthalb Stunden habe ich ihn. Anderthalb Stunden für einen leeren Grenzübergang.

Die Piste nach Kishinew ist ein Hauptverkehrsweg durch Moldawien, und ich habe noch nie so eine einsame Straße gesehen. Einmal gibt es einen Wegweiser. Die Buchstaben müssen zum letzten Mal unter dem seligen Breschnew nachgezogen worden sein. Aber es ist egal. Es ist egal, ob noch mal ein Schild kommt. Oder wie viel Kilometer noch. Der Tag ist schön. Die Zeit verliert ihre Bedeutung. Am Abend wird es sicher eine gute Suppe geben.

In Kishinew, kurz vor der Nacht, ist es wie in jeder anderen Stadt. Hotel suchen, duschen und umziehen. Dann hinaus in die Straßen. Auf dem „Stefan Cel Mare“-Boulevard sieht sie aus wie Bukarest. Die Häuser im gleichen Stil, die gleichen Schatten spendenden Bäume.

Abendessen in einem rustikalen Restaurant. Es gibt guten Borschtsch und den großen Zuica für einen Euro. An den Wänden hängen hundert Jahre alte Fotos vom alten Bessarabien. Vor mir sitzen ein paar Moldowaner und geigen und akkordeonen. Ich bin jetzt nah dran. Ich bin fast da und werde etwas melancholisch. Vielleicht ist es der große Zuica, vielleicht auch nicht. Ich sehe mir jedes Foto an. Meine Großeltern und Urgroßeltern sind nach Kishinew zum Großeinkauf gefahren. Auch nach Odessa. Meine Vorfahren sind Bessarabiendeutsche, die am Schwarzen Meer lebten.

Fünfter Tag. Heute kommt Transnistrien. Ich hatte geglaubt, man könne es umfahren. Die Region hatte sich 1991 nach der Unabhängigkeitserklärung der früheren Sowjetrepublik Moldawien von dem neuen Staat abgespalten. Reisende empfehlen, die Gegend zu meiden. Die Rezeptionistin im Hotel glaubt nicht, dass es gefährlich ist. „Aber sie werden Geld von Ihnen verlangen. Geben Sie nichts. Gar nichts. Sie haben ein moldawisches Visum.“

Bis Odessa sind es nur 175 Kilometer, aber auf dem Weg liegen drei Grenzen. Die erste bei Tighina. Es ist mehr eine Straßensperre. Die Abtrünnigen wollen vier Dollar, nun gut. Bei der Ausfahrt aus Transnistrien steht ein professioneller Checkpoint. Die Herren erkundigen sich nach einer bestimmten Bumaga. Bumaga ist gleichfalls eine Bescheinigung von anscheinend äußerster Bedeutsamkeit, aber ich habe sie nicht. Ich weiß auch nicht, wer sie mir hätte geben sollen. Gut, sagen sie, zahlen Sie 76 Grivni. In Moldawien gilt der Leu, in Transnistrien gilt der Rubel, aber sie wollen jetzt ukrainische Währung. Als ich das Geld schon aus der linken Hosentasche ziehen will, fallen mir alte Drohungen ein. Die Ukrainer hatten mir an der Grenze zu Moldawien eingeschärft: Bringen Sie jeden Grivna wieder mit, den Sie in der Tasche haben. Andernfalls gäbe es große Probleme. Was also tun? Ich versuche es mit Lautstärke. „Nitschewo“, brülle ich, „nichts, ich zahle gar nichts.“ Ich kann nicht gut brüllen. Aber vielleicht reicht es schon, sich der Wegelagerei zu verweigern. Sie lassen mich fahren.

Nach einem Kilometer Niemandsland warten die Ukrainer. Also noch mal das Ganze. Dann ist der Weg nach Odessa frei. Einfahrt am frühen Nachmittag. Das Hotel „Passage“ liegt in guter Gegend an der Fußgängerzone und ist ein großartiger Bau aus der Zarenzeit. Im breiten Treppenhaus Marmor und riesige Spiegel, in denen sich die gute Gesellschaft beim Gang zum Souper noch einmal betrachten konnte. Die Türen haben Intarsien. In den hohen Zimmern liegen Dielen. Es muss ein Adelsnest gewesen sein, aber das ist lange her. Das „Passage“ ist heruntergekommen. Es gibt kein Frühstück, die Zimmer werden nicht gemacht, und warmes Wasser gibt es auch nicht. Beim Zähneputzen sollten Leute mit empfindlichem Magen nicht in den verschlammten Ausguss sehen.

Das Auto kann man vor der Tür stehen lassen. Witali Rostschuk wird für zwanzig Grivni, ungefähr vier Euro, in der Nacht aufpassen. Als er von meiner Herkunft hört, sagt er nur ein Wort: „Chonecker“. Dem kann man erst einmal nicht viel entgegensetzen. Weshalb, fragt man sich nur, fängt er jetzt mit Erich Honecker an?

Aber Rostschuk kommt ins Plaudern. Früher war er Milizionär und hatte Honecker bei einem Besuch in Moskau gefahren. Er holt ein Foto aus der Tasche. Es zeigt ihn in seiner Uniform. Er lächelt auf dem Bild wie ein Mann mit Zukunft, und er lächelt, als er es zeigt. Es muss seine beste Zeit gewesen sein.

Sechster Tag. Früh um sechs klingelt mich jemand aus dem Bett. Eine tiefe Stimme spricht mit rollendem „R“ ins Telefon: „Maschina normal.“ Dann wird aufgelegt.

Maschina normal, nun gut. Morgens um sechs kann ich solche Bemerkungen nicht leicht deuten. Ich muss überlegen. Wie spät ist es? In welcher Stadt bin ich? Und was hat der Mann sagen wollen? Es dauert ein bisschen, bis ich auf Rostschuk komme. Er wollte nur ausrichten, dass mit dem Auto alles in Ordnung ist. Er ist immer noch der disziplinierte Milizionär.

Am späten Vormittag hinaus aus der grünen Stadt Odessa, nicht sehr weit nach Süden, über den Dnjestr hinweg, und dann auf die alte Poststraße nach Tarutino. Hier sind meine Großeltern mit Pferd und Wagen zum Einkauf nach Odessa gefahren. An einem Kreuzweg liegt Monaschi, ein Dorf. Kinder spielen in den Höfen. Die Alten sitzen auf der Bank vor dem Tor und verwarten ihr Leben. So sieht es aus. „Können sie sich an Alisowka erinnern“, frage ich eine Bäuerin. „Der deutsche Name war Halle.“

„Ja“, sagt sie, „es war gleich dort hinter dem Flüsschen“.

„Welchen Weg muss ich nehmen?“

„Fahren Sie die erste Straße rechts und dann über den Hügel. Dort ist es. Bleib gesund, Söhnchen.“

Ich fahre die erste Dorfstraße rechts über das Flüsschen Alkalija und über den Hügel. Dahinter liegt eine kleine Bodensenke mit einem Getreidefeld. Hier ist es. Mehr gibt es nicht, nur ein Feld. Hier standen die Häuser, in denen meine Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten gelebt haben. Es ist still. Der Wind rauscht in den Bäumen, und ich stehe eine halbe Stunde zwischen den Halmen. Es war hier, wo die alten Familiengeschichten spielten. Von den Schneestürmen, die im Winter die Häuser zuwehten. Wie die Wölfe ins Dorf kamen. Von den Wassermelonen auf den Feldern und den Vorratskellern voller Räucherschinken, Weinfässer und Schafskäse.

Zwei Männer kommen vom Feld, und wir reden über Woher und Wohin. „Dort hinten ist ein Rest vom Friedhof“, sagt einer, „sehen Sie, dort“. Sie gehen weiter, und ich suche den Ort, den sie gemeint haben könnten. Da ist kein Mauerrest, keine Säule, nur ein Gebüsch in der Mitte des Feldes. Ich laufe durch den Roggen, knicke die Halme und biege am Ende die Büsche zur Seite. Irgendwann finde ich einen halben Grabstein. Eine Inschrift ist nicht mehr zu lesen, aber es ist der Friedhof von Halle. Die ukrainischen Bauern lassen seit vielen Jahren die Büsche mitten im Getreide stehen, als Erinnerung daran, das hier Bessarabiendeutsche bis zu ihrem Auszug 1940 ihre Toten bestattet haben.

Siebter Tag. Jetzt drehe ich das Auto um, von nun an führt der Weg nach Westen, nach Hause. Der Grenzübergang von der Ukraine nach Moldawien liegt diesmal mitten in den Feldern bei Stare Kasatsch. Es ist eine Einöde, niemand außer mir fährt hier. Die Ukrainer machen keine Probleme, sie fragen nur nach ein paar Dollar für ihre Kinder. Ich ziehe die letzten kleinen Scheine aus der Tasche. Aber einen Kilometer weiter liegen die Moldawier. Ein Posten mit einem Stempel hat seinen Tisch an den Straßenrand gestellt. Zwei Betten stehen im Schatten der Bäume. Rechts steht der Roggen gut, links wächst Mais. Die Wiese am Straßenrand ist mit Gänseblümchen und Butterblumen gesprenkelt. Es könnte schön sein, wenn sich nicht acht Personen mit mir befassen würden. Es wird gestempelt, dass einem schwindlig wird, meine Daten werden handschriftlich in drei große Kladden eingetragen. Ich habe wieder mehr Euro in der Tasche, als meine Zolldeklaration zulässt, und man empfiehlt mir, das Problem mit ein paar überzähligen Scheinen zu lösen.

Zum Schluss führt man mich in die Baracke des grenzhütenden moldowanischen Veterinärinspektors. Ich weiß nicht warum, ich bin ja nicht mit dem Pferd da. Er sitzt mit zerschlissener, offener Uniformjacke auf einem ungemachten Bett und wirkt wie ein Grenzwächter aus der Operette. Auch er muss stempeln, vermutlich eine Strachowka oder Bumaga. Er öffnet eine Schublade. Sie ist leer, bis auf den Stempel und eine halb aufgerauchte Zigarette, die er sich vielleicht beim Sonnenuntergang gönnen wird. Der Veterinärinspektor spricht nicht, nicht „Guten Tag“ oder „Auf Wiedersehen“, er stempelt bloß. Es ist früher Nachmittag, als ich nach Kishinew weiterfahren kann. Am Abend wieder im Hotel „National“.

Achter Tag. Von Kishinew hundert Kilometer zum Grenzort Leuseni. Auf dieser Strecke sehe ich acht Autos, am Straßenrand Weinberge, Äcker, Wald. Über eine Prut-Brücke fahre ich nach Rumänien hinein. Im Niemandsland weiden Kühe. Mein Auto wird durch eine Art Dusche geschleust, und eine Rumänin will vier Dollar für die Desinfektion. Hinter der Grenzstation, in den rumänischen Dörfern, gibt es jetzt wieder kleine Bistros, und an den Straßen stehen wieder regelmäßig Hinweisschilder. Bei Comanesti liegen die rumänischen Karpatenpässe vor mir, hohe Tannen, dunkle Berge, niedrige Wolken. Die Sonne ist weg, der Himmel auch.

Am frühen Abend Einfahrt im siebenbürgischen Sighisoara, auf Deutsch Schäßburg. Auf dem Burgberg liegt eine kleine mittelalterliche Stadt, auch ein Hotel. In den Herbergen der letzten Nächte war es sehr bescheiden zugegangen. Und jetzt dies, in Schäßburg in Rumänien, die „Casa du Cerb“, das „Haus mit dem Hirschgeweih“ aus dem 17. Jahrhundert. Es ist eines der schönsten Hotels meines Lebens. Die Nacht kostet nur 22 Euro, aber mein Bad und mein Zimmer haben wie jeder andere Raum und jeder Gang ein Kreuzgewölbe. Die Handtücher sind weich und weiß und die Fenster stößt man nach draußen zum Burgplatz auf. Im Nachbarhaus wurde Vlad Tepes (Vlad, der Pfähler) geboren, der als Vorlage für die Blut saugende „Dracula“-Figur gilt.

Abendbrot vor dem Haus auf dem Platz mit der großen Linde und der großen Kastanie. Siebenbürger Fleisch mit Nockerln, auch hier war mal Österreich-Ungarn. Der Geschäftsführer ist Rumäne und spricht als Siebenbürger wunderbares Deutsch mit leicht österreichischem Akzent. Er hat einen Großteil seines Lebens unter Ceausescu verbracht, nur warum, wo doch sein Urgroßvater Hofgärtner bei Franz Josef in Wien war? Es ging halt so zu, dass der Urgroßvater bei der Pensionierung vom Kaiser ein Stück Land bekam, nicht im Burgenland oder Kärnten, wie es auch hätte geschehen können, sondern in Siebenbürgen, und dann braucht es nur noch einen Krieg und ein paar Grenzverschiebungen, und dann lebt man sein Leben plötzlich in der Diktatur eines rumänischen Schusters.

Neunter Tag. Von Schäßburg nach Eger in Ungarn, so ist der Plan. Noch einmal über die Serpentinen der rumänischen Berge. Die Landschaft wandelt sich kurz vor der Grenze, in Ungarn fahre ich wie über eine Tischplatte. An der Straße stehen keine Anhalter mehr, keine Leute mit schweren Taschen, die zum nächsten Markt wollen. Dafür tauchen wieder Radfahrer auf, auch Kinder mit Skateboards oder Rollerblades. In den Dörfern, in denen ich nach dem Weg frage, wird kein Englisch gesprochen. Nach den ersten Versuchen brauche ich selbst ungarische Orte nicht mehr zu nennen, sie verstehen meine Aussprache nicht. Eger hat eine hübsch rekonstruierte Altstadt, die Läden sehen aus wie zu Hause. Ich weiß hier, dass ich wieder in Mitteleuropa bin, obwohl das Denkmal für die Mitte Europas drei Länder hinter mir steht.

Zehnter Tag. Durch die ungarische Tiefebene über Budapest nach Österreich, durch Wien hindurch und weiter nach Norden, Richtung Tschechien. Der Grenzübertritt bei Neuhagelsberg ist der schnellste der ganzen Reise. Er dauert dreißig Sekunden. Eine Stunde später fahre ich zum letzten Mal nach den Türmen in eine fremde Stadt hinein. Es ist Ceske Budejovice. Budweis. Die Türme bringen mich in die Altstadt, und dort vorn ist auch schon das Zentrum, doch davor liegt eine Fußgängerzone. Aber es ist nach 18 Uhr, sie ist leer, und Polizei ist nicht zu sehen, also hindurch mit dem Auto auf den Hauptplatz zum „Grand Hotel Zvon“.

Die Sonne scheint lange an diesem Abend. Es gibt in Budweis keinen besseren Ort als unter den Schirmen des „Grand Hotel Zvon“. Vor den Tischen liegt der wunderbare Platz mit den schönen Großbürgerhäusern aus der Zeit, als dies noch Österreich-Ungarn war. Der Kellner liefert auf Anfrage noch mal das große böhmische Programm. Zum Nachtisch schaden dann Liwanzen und Powidltaschen auch nichts mehr. Liwanzen sind in Butter gebratene Hefeteigtörtchen mit heißen Waldbeeren und Schlagobers, während Powidltaschen aus gekochtem Kartoffelteig geformt und in heißen, gebräunten Zuckerbröseln gerollt werden.

Als die Sonne untergeht, beginnt die letzte Nacht. Von hier sind es 500 Kilometer nach Hause.

(Die Originalfassung wurde leicht gekürzt)