Distanz zu anderen Menschen kann auch etwas Befreiendes haben. 
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Berlin - Auf dem Weg zum Supermarkt mache ich einen Umweg. Es ist so schön draußen. Demnächst werde ich vielleicht nur noch auf den Balkon gehen können. Zum Glück habe ich einen.

Vor vielen Hauseingängen stehen Kartons. Darin: Bücher, Kleidung, Geschirr, Kram. Die Leute nutzen wohl die viele Zeit zu Hause zum Ausmisten. Ich habe früher viele schöne Sachen in solchen Kisten gefunden. Aber heute nehme ich nichts mit. Ich möchte hier draußen nichts mehr anfassen. Zu gefährlich.

Neue Distanz als Befreiung von sozialen Bedürfnissen

Auch das Sozialverhalten hat sich geändert. Wenn ich Bekannten begegne, winken wir uns zu, aber bleiben nicht stehen, um ein paar Worte zu wechseln. Es scheint, als ob durch den Wegfall einer Begrüßung, durch Händeschütteln oder Umarmung, auch der Anreiz wegfiele, überhaupt miteinander zu sprechen. Oder als ob allein das schon gefährlich wäre.

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Ich empfinde die neue Distanz aber nicht als unangenehm, eher als Befreiung. Die Befreiung vom Bedürfnis, Dinge haben zu wollen und Menschen zu berühren. Es fühlt sich ein bisschen wie Schweben an, das neue Leben. Ich vermeide direkten Kontakt, wo es nur geht. Wenn ich im Supermarkt nach dem Warenkorb greife, ziehe ich mir vorher den Pulloverärmel über die Hand. Im Supermarkt sind nicht viele unterwegs, die Großeinkäufe sind ja in den vergangenen Tagen gemacht worden.

Ohne Warentrenner und bitte kontaktloses Zahlen

Die Regale sind wieder relativ gut gefüllt, alles scheint normal. Ich kaufe so wenig wie möglich, da überall gesagt wird, es sei unsolidarisch zu hamstern und man müsse keine Angst haben, dass es keinen Nachschub mehr geben könnte. Auch das ist eine Befreiung. Besonders wenig zu kaufen. Vielleicht mit dem Hintergedanken, noch in den nächsten Tagen, einen Grund zum Rausgehen zu haben, wenn vielleicht wirklich empfohlen wird, das Spazierengehen zu unterlassen.

An der Kasse fehlen die Warentrenner. Das ist gut, noch ein Ding weniger, dass man anfassen müsste. Man trennt seinen Einkauf jetzt durch Abstand von dem der anderen. Ich zahle wie immer mit Karte. Kontaktlos.