Die Autobahn A100 (hier in Wilmersdorf) gehört zu den am stärksten befahrenen Bundesfernstraßen in Deutschland. In weniger als vier Jahren soll sie über Neukölln hinaus bis nach Treptow führen.
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BerlinDie Erwartungen sind düster. „Wir werden ein Verkehrschaos ohnegleichen bekommen“, befürchtete Bernd Kalweit, der an der Straße Am Treptower Park lebte. „Die Wohnviertel werden mit Autos überschwemmt“, sagte Harald Moritz, seit vielen Jahren Grünen-Abgeordneter in Treptow-Köpenick.  Nicht mal vier Jahre noch, dann wird die Autobahn A100 mitten in Treptow enden – und viele tausend Kraftfahrer pro Tag werden dann versuchen, von dort weiterzukommen. Doch die Elsenbrücke, die nach früheren Planungen einen Großteil des Verkehrs aufnehmen soll, wird bis 2028 eine Baustelle sein. Nun lässt der Senat prüfen, ob sich das drohende Chaos abwenden ließe – und wie das möglich wäre. Eine Idee lautet: Auf der Autobahn könnten bis 2028 Fahrstreifen gesperrt werden.

Er kommt immer näher. Seit 2013 sind Bautrupps dabei, den Stadtring über die Neuköllner Grenzallee hinaus in Richtung Treptower Park zu verlängern. Gebäude mit mehr als hundert Wohnungen wurden abgerissen, rund 300 Kleingärten abgeräumt, zirka 450 größere und unzählige kleinere  Bäume gefällt. Inzwischen haben es die Bauleute schon ziemlich weit geschafft.

A100: Teuerste Fernstraße im Land

Aus dem Planertraum, die Autobahn am 22. 2. 2022 zu eröffnen, wird zwar nichts mehr werden: Ein Vergabeverfahren muss wiederholt werden, im Boden schlummern mehr giftige Altlasten als erwartet. Doch inzwischen gibt es einen neuen Terminplan für die 3,2 Kilometer lange Neubaustrecke, die mit geschätzten Kosten von 500 Millionen bis 600 Millionen Euro Chancen hat, die teuerste Autobahn Deutschlands zu werden.    

Nun soll der 16. Bauabschnitt der A100 Ende 2023 ans Netz gehen, sagte Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne) bei dem „Kiezgespräch“, zu dem Harald Moritz eingeladen hatte. Auch Streese zeigte sich besorgt, dass sich die Autobahnverlängerung negativ auswirkt. „Die Wohngebiete dürfen nicht mit Autos überflutet werden“, warnte er  in der überfüllten Galerie Kungerkiez.  

Der 16. Abschnitt der A100 ist seit 2013 im Bau. Er wird die Ringbahn unterqueren.
Foto: Bernd Friedel

Schon seit Jahrzehnten ist absehbar, dass auf diesen Teil des Berliner Südostens ein großes Problem zurollt. Die Verlängerung der A100, die zu den am stärksten befahrenen Bundesfernstraßen Deutschlands zählt, ist kein neues Vorhaben.  Die damaligen Planer wollten die Verbindungen in den Osten Berlins verbessern. Sie sehen den 16. Abschnitt nach Treptow im Zusammenhang mit dem 17. Abschnitt, der weiter bis zur Frankfurter Allee und zur Storkower Straße führen soll. Die Fortsetzung der Ringautobahn nach Lichtenberg soll Strecken verkürzen, die östliche Innenstadt sowie  Wohnviertel entlasten – so die Theorie. 

Doch für den 17. Bauabschnitt, der einmal über die Spree und unter dem Bahnhof Ostkreuz hinweg nach Norden führen soll, gibt es noch keine detaillierten Pläne – geschweige denn einen Planfeststellungsbeschluss, mit dem das bisher auf rund 531 Millionen Euro taxierte Großprojekt genehmigt würde. Die rot-rot-grüne Koalition in Berlin lehnt das Bundesvorhaben vehement ab.  

Verkehr auf der Elsenstraße wird stark zunehmen

Damit ist klar, dass die neue Autobahn auf Jahre hinaus an der Straße Am Treptower Park enden wird. Der Abgeordnete Moritz schilderte die Folgen anhand offizieller Prognosen: „Auf der Elsenstraße wird der Verkehr von rund 37.700 auf 68.400 Kraftfahrzeuge pro Tag anwachsen. Auf der Elsenbrücke, wo bislang täglich 51.400 Fahrzeuge gezählt wurden, sollen es 74.300 sein.“

Zwar soll ein kurzer Abschnitt der Straße Am Treptower Park auf insgesamt neun Fahrstreifen verbreitert werden, um den Ansturm ableiten zu können. Doch schon an der Kreuzung mit der Elsenstraße könnte es täglich zum Verkehrskollaps kommen. So steht es in einem Gutachten, das der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg beim Ingenieurbüro Durth Roos in Auftrag gegeben hatte. Zu erwarten sei auch, dass ein weiterer Knotenpunkt kollabiert und sich Verkehr auf Nebenstraßen sowie in benachbarte Stadtteile verlagert - für die Beteiligten ein Albtraum. „Wie das funktionieren soll, ist mir ein Rätsel“, sagte Harald Moritz, der übrigens den Beruf des Kraftfahrzeugmechanikers erlernt hat – aber kein Fan des städtischen Autoverkehrs ist.

Die A100-Verlängerung.
Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: Senat

Ab Frühjahr nur noch drei Fahrspuren auf der Elsenbrücke

Inzwischen ist zu allem Überfluss ein weiterer Chaosfaktor hinzugekommen. Vor neun Jahren konnten die Gutachter noch nicht ahnen, dass in der Elsenbrücke einmal ein fast 25 Meter langer und 1,8 Millimeter breiter Riss aufplatzen wird. Seit August 2018 dürfen nur noch Fußgänger und Radfahrer den östlichen Teil der Spreequerung passieren. Der Autoverkehr wird seitdem auf dem westlichen Überbau konzentriert, auf derzeit noch zwei Fahrspuren pro Richtung. Fest steht, dass die Brücke in Etappen abgerissen und an derselben Stelle in derselben Breite neu gebaut wird – was rund 50 Millionen Euro kosten und bis 2028 dauern soll. Das neue Bauwerk wird für den Einbau einer Straßenbahntrasse vorbereitet.

Klar ist auch, dass auf der Elsenbrücke von diesem Frühjahr an noch weniger Kapazität zur Verfügung stehen wird, denn wie berichtet soll die Leistungsfähigkeit weiter eingeschränkt werden. Weil auf dem westlichen Überbau mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger geschaffen soll, bleibt dem Kraftfahrzeugverkehr in einer Richtung nur noch ein Fahrstreifen – voraussichtlich stadteinwärts. Auch die Behelfsbrücke, die den östlichen Überbau zeitweise ersetzen soll, werde insgesamt nur drei Fahrspuren haben, sagte Streese.

Wie ließe sich das Chaos rund um die A100 zumindest begrenzen? Dafür habe der Senat noch kein Rezept, doch er hole sich professionellen Rat, kündigte der Grünen-Politiker an. „Wir brauchen ein neues Verkehrsgutachten für diesen Bereich und gerade dabei, es zu konzipieren. Der Auftrag soll bald ausgeschrieben werden.“ Eine Option, über die dann aber noch mit dem Bund zu sprechen wäre, sei die Drosselung des Verkehrs auf der neuen Autobahn – und deren Verschmälerung auf einen Fahrstreifen pro Richtung, bis die neue Elsenbrücke steht. Das Gutachten soll 2021 fertig sein. Dann ließe sich absehen, was zu tun ist.

„Es wird furchtbar“, sagte Sven Heinemann, SPD-Abgeordneter aus Friedrichshain. Er frage sich, wie ein Verkehrskonzept aussehen könnte. Von dem drohenden Verkehrskollaps könnte der Bund profitieren, befürchtete er: Gut möglich, dass der Druck wachse, die Autobahn nun doch nach Friedrichshain und Lichtenberg weiterzuführen.

Dann aber dürfte der Senat den östlichen Teil der Elsenbrücke nicht wie geplant neu bauen, sagte Harald Moritz. Der östliche Überbau wäre dem 17. Bauabschnitt im Weg. Der Grünen-Abgordnete ist gespannt, wie die Diskussion mit der künftigen Autobahn GmbH des Bundes verlaufen wird.