Mohrenstraße, Ecke Friedrichstraße. 
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BerlinSeit einigen Jahren will eine Aktivistengruppe die Berliner Mohrenstraße wegbenennen, weil der Name Menschen afrikanischen Ursprungs beleidige. Das ist nicht der Fall. Denn die fragliche Straße ist Teil der unter König Friedrich I. vor mehr als 300 Jahren errichteten Berliner Friedrichstadt. In deren Mitte verlaufen daher die Friedrichstraße und parallel dazu die Charlottenstraße, benannt nach Friedrichs Gattin Sophie Charlotte. Die Regierungszeit beider steht für das wirtschaftliche und geistige Wiedererwachen Berlins nach den menschlichen und materiellen Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges. Die neue Vorstadt wurde schachbrettartig angelegt. Grundstruktur und Straßennamen haben sich bis heute erhalten.

Da König und Königin städtischen Fortschritt herbeiwünschten, ehrten sie besonders die protestantischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die Hugenotten. An sie erinnern die Französische Straße und der Französische Dom auf dem damals neu geschaffenen großen Friedrichstädter Markt, seit 1799 Gendarmenmarkt genannt. Damit unterstrichen Regent und Regentin ihre damals höchst ungewöhnlichen Staatsziele Glaubensfreiheit, Toleranz und Vielfalt. Zu diesem Konzept gehörte auch die Errichtung des Deutschen Doms. Dort nämlich sollten die untereinander verfeindeten protestantischen Glaubensrichtungen der Lutheraner und der Reformierten in friedlicher Ökumene gemeinsam ihre Gottesdienste feiern.

Zu den Querstraßen dieses Viertels zählen die Jäger-, Tauben-, Krausen-, Schützen-, Kronen-, Koch- und Zimmerstraße. Alle diese Straßennamen bezeichnen aufstrebende Berufsstände und Aktivitäten des entstehenden Bürgertums – und mitten drin finden wir die Mohrenstraße.

Sie hob diese Fremden, die sich damals in Berlin aufhielten, in den Rang eines freundlich begrüßten neuen Standes. Wie die anderen Namen der Friedrichstädter Straßen hatte die Mohrenstraße niemals einen herabsetzenden Beiklang. Vielmehr symbolisierte sie die Achtung vor anders sprechenden, anders aussehenden Menschen. Und genau diese Haltung gilt es für die gewiss bunte Zukunft Berlins zu bewahren.

Berlin ist arm an historischer Substanz. Immerhin erhielten sich in den Namen von Straßen und Plätzen wichtige Schriftdenkmale. Sie widerstanden wilhelminischer Großmannssucht, Hitlers Germania-Plänen, Bombenkrieg und nazistischem Endkampf; sie überdauerten den Furor der autogerechten Stadt, der nach 1945 in beiden Stadthälften Berlins zu weiteren großflächigen Zerstörungen führte. Retten wir also, was zu retten ist!

Das Berliner Gesetz zum Denkmalschutz schließt nicht nur Bauwerke ein, sondern auch „Denkmalbereiche“. Laut Paragraf 2, Absatz 3 umfassen sie „eine Mehrheit baulicher Anlagen einschließlich der mit ihnen verbundenen Straßen und Plätze“. Dazu gehören in der Grundstruktur erhaltene städtische Ensembles wie die Friedrichstadt und selbstverständlich die historischen Straßennamen.

Es wäre gut, wenn das Berliner Abgeordnetenhaus dieses Gesetz entsprechend präzisierte. Denn schon versucht Stadträtin Sabine Weißler (Grüne, Bezirk Mitte) – unterstützt von Mitgliedern ihrer schon im Afrikanischen Viertel kenntnisarm tätigen Geheimjury –, in der winzig klein gewordenen historischen Substanz Berlins herumzupfuschen.