WENDISCH RIETZ - Früher war die Sauna-Welt noch recht schlicht: Gebraucht wurde ein Raum zum Schwitzen und darin ein heißer Ofen mit vielen Steinen obenauf. Auf diese heißen Steine wurde dann mit einer Schöpfkelle etwas Wasser gekippt, damit es verdampft. Der Aufgussmeister wedelte ein wenig mit dem Handtuch herum, damit sich der Dampf gut verteilt und die Leute schön schwitzen können.

Das Grundprinzip – heiße Steine, Kelle, Wasser, Dampf und Handtuch – ist heute noch immer das gleiche. Aber heutzutage kann das Zelebrieren eines Aufgusses zu einem richtigen Spektakel werden. Und nicht nur das: Es werden sogar Aufguss-Weltmeisterschaften veranstaltet wie vor knapp zwei Wochen in Holland. Dort wurde Janina Lindner mit ihrer Kollegin Sabine Quäschning zur Vize-Weltmeistern bei den Teams gekürt.

Extra Sauna-Theater gebaut

Inzwischen ist die 32-Jährige zurück in Wendisch Rietz am Scharmützelsee (Oder-Spree) und zeigt dort natürlich ihre aktuellen Aufgussshows auch im heimischen Sauna-Resort namens Satama. „Das Wort ist der finnische Begriff für Hafen“, sagt die schlanke blonde Frau.

Dort tritt sie nicht einfach nur in einer der elf Saunas auf, ihr Auftrittsort heißt Satama-Theater. Der Bau hat etwa eine Million Euro gekostet und ist außen mit einem Säulengang versehen. Der Innenraum wirkt wie ein Amphitheater und ist sehr stilvoll mit viel hellem Holz gestaltet. In der Mitte steht das Herzstück: ein fast sechs Meter langer Ofen, drauf einige Tonnen Steine.

Links und rechts sind in einem weiten Oval jeweils vier Zuschauerränge gebaut, die Platz für knapp 200 Saunagänger bieten. „Es ist eine der größten Saunen der Welt“, sagt sie, „und es ist der perfekte Ort für die Shows.“

Bis zu ihrem großen Auftritt hat Janina Lindner an diesem Tag noch etwas Zeit. Sie geht ins Restaurant neben dem Pool. Als sie sieht, dass draußen Regentropfen aufs Wasser fallen, sagt sie: „Oh, schlechtes Wetter, das wird ein guter Tag.“

Was für manche wie ein Scherz klingt, ist die Geschäftsgrundlage für Saunabetreiber, denn deren Hauptsaison ist in den Schlechtwettermonaten von Mitte Oktober bis März. „Wer geht schon gern in die Sauna, wenn draußen die Sonne strahlt?“, sagt sie. Deshalb wurden auch die Aufgussshows erfunden. „Sie sorgen dafür, dass die Leute auch in den Sommermonaten kommen. Es sind messbar mehr Gäste.“

Janina Lindner muss es wissen. Sie sieht in ihrer dunklen Kleidung aus wie eine Chefin und ist auch eine – denn sie ist auch Betriebsleiterin. Solche Doppelfunktionen sind ein Grundprinzip in dieser Sauna. Andere Resorts stellen extra Aufgussmeister ein, die sich nur um den Dampf kümmern. Hier müssen und wollen viele der 50 Mitarbeiter selbst mit ran. „Es ist gut, zwischendurch mal eine Stunde nicht am Computer im Büro zu sitzen oder an der Massagebank zu stehen.“

Zum Sauna-Theater gehören auch ein Kostümfundus und ein Tonstudio

Früher fand sie es nicht so toll, wenn ihre Mutter sie mit in die Sauna nahm. „Als Mädchen hat man da eher ein Schamgefühl“, sagt sie. Eigentlich ist sie studierte Wirtschaftsingenieurin und hat früher nur im Nebenjob in der Sauna gearbeitet. „Dann bin ich hier hängen geblieben. Weil es Spaß macht.“ Zum Sauna-Theater gehören auch ein Kostümfundus und ein Tonstudio. „Wir nehmen die Sache sehr ernst“, sagt sie. Deshalb ist sie auch so erfolgreich. Mit ihrer Kollegin Sabine Quäschning belegte sie diesmal den zweiten Platz bei den Teams. Die beiden waren aber auch schon mal Weltmeister und sie holten bei der Heim-WM am Scharmützelsee 2013 den dritten Platz. „Deutschland und Italien sind führend bei den Aufgussshows“, sagt sie. „In anderen europäischen Ländern beginnt der Trend erst richtig.“

Kurz danach betritt Janina Lindner die heiße dunkle Sauna. Sphärische Musik erklingt, einige kleine rote Scheinwerfer sorgen für Orientierung in der Dunkelheit. Nun trägt sie nicht mehr ihre streng wirkende Chef-Kleidung, sondern ein wallendes weißen Kleid. Nun ist sie eine Weiße Hexe.

Auf dem Rand des großen Ofens stehen die Utensilien für die Show bereit. Vor allem Eimer mit Wasser und mit Schneebällen aus der hauseigenen Eismaschine. In langen, schmalen Schalen lodern Feuer.

Standing Ovations in der Sauna

Auf den Rängen sitzen an diesem Tag etwa 80 Leute – nackt oder mit Badetüchern um den Bauch. Janina Lindner läuft um den Ofen herum, verteilt die Schneebälle auf dem heißen Steinen. Dampf steigt auf. Sie schüttet mit ihrer Kelle noch mehr Wasser auf die Steine. Noch mehr Dampf steigt auf. Sie trägt einen weißen Handschuh, der mit Feuerzeugbenzin getränkt ist. Sie einzündet ihn an den Feuerschalen. Ein Raunen geht durchs Publikum.

Schnell löscht sie die brennende Hand wieder, greift zum Handtuch und wedelt es kunstvoll durch die Luft, damit sich der Dampf verteilt. Immer wieder gießt sie neues Wasser auf, tanzt zur Musik und wedelt ihr weißes Handtuch, als sei es ein riesiger Fladen Pizzateig.

Die Show dauert 15 Minuten, danach schwitzt sie deutlich mehr als ihre Zuschauer. Beifall erklingt, sogar Zugabe-Rufe gibt es. Also dreht sie noch eine Wedel-Runde um den Ofen. Hinterher erzählt sie, dass es auch schon mal Standing Ovations gab. „Es ist natürlich etwas sehr spezielles, wenn ein paar Dutzend nackte Leute nach deiner Show aufstehen und jubeln.“