Groß-Schönebeck - Im schattigen Wald fällt fahles Mondlicht durch die Baumkronen. Schemenhaft bewegt sich ein rätselhaftes Wesen durchs Unterholz. Dann richtet es sich zu einem großen Ungetüm auf. Es schleppt seinen haarigen, monströsen Körper in Richtung eines Kindes, das durch den Wald schlendert und mit seinem Kopftuch und dem Körbchen unschwer als Rotkäppchen zu erkennen ist.

Kein Klischee haben die Ausstellungsmacher im neuen Brandenburger Wolfsinformations- und Herdenschutzzentrum in der Schorfheide (Barnim) ausgelassen, um die Besucher zu Beginn des Rundgangs erst einmal mit lebensgroßen Schattenspiel-Animationen emotional hineinzuziehen in das Thema „Mensch und Wolf“. Dabei haben sie auf das Know-how von Computerspiel-Entwicklern zurückgegriffen, um die Grenzen zwischen imaginärer und realer Welt scheinbar aufzulösen.

„Das haben wir ganz bewusst so gemacht“, sagt Imke Heyter, die Geschäftsführerin des Wildparks Schorfheide, auf dessen Gelände sich das Besucher- und Weiterbildungszentrum befindet. „Wir wissen, die Märchen vom bösen Wolf haben auch im Brandenburg des 21. Jahrhunderts noch immer ihre Strahlkraft. Da setzen wir an, aber wir begegnen den Mythen natürlich mit Fakten und fundiertem Wissen.“

Brandenburg ist wieder Wolfsland – zumindest diese Feststellung ist unbestritten. Für Natur- und Artenschützer ist es ein Glück. Für viele Landwirte, Tierhalter und einen Teil der Bevölkerung ist die Wiederkehr des Wolfs ein Gräuel. Seit rund 20 Jahren siedeln sich die Tiere vor allem auf den Weiten einstiger Truppenübungsplätze an.

Nach aktuellen Zählungen leben in der Region derzeit 37 Rudel und ein einzelnes Wolfspaar in freier Natur. Das ist etwa die Hälfte aller in Deutschland registrierten Wölfe. Ihre Rückkehr in ihr einstmals angestammtes Gebiet ist zu einem emotional hoch aufgeladenen Dauerstreitthema geworden. Denn immer wieder reißt der Wolf Tiere, insbesondere Schafe. Meldungen von vermeintlichen Bissattacken auf Menschen gibt es immer wieder. Bestätigt haben sie sich bislang nie.

„Ich bin Wolfsfreund, Tierhalter und Jäger in einem“

„Es gibt Interessenkonflikte. Daraus mache auch ich keinen Hehl“, sagt Imke Heyter, die im Wildpark seit über 20 Jahren Wölfe hält. Doch es gibt auf dem Gelände auch Schafe, Pferde, Ziegen, Rinder, einheimische Wildtiere und viele weitere einstmals in der Region beheimatete Tierarten. „Ich bin Wolfsfreund, Tierhalter und Jäger in einer Person“, sagt die 46-jährige Parkchefin, die auf dem 105 Hektar großen Gelände das Erbe ihres Vaters fortführt. „Ich stehe sozusagen in der Mitte des Für und Wider und will die Seiten mit meinen Möglichkeiten zusammenführen.“

Genau dafür gibt es das neue Wolfszentrum. Gut eine Million Euro Fördermittel aus europäischen Fonds hat das Land Brandenburg für das Wolfszentrum bewilligt, weil es auch Anliegen des Landes ist, die verhärteten Fronten zwischen Wolfsschützern und Wolfsgegnern aufzubrechen.

„Der Mensch hat nicht das Recht, ein Tier auszurotten“, sagt Brandenburgs Umweltminister Jörg Vogelsänger bei einem Besuch des Zentrums. „Wir wollen ihm die Angst vor dem Tier nehmen und bei wirtschaftlichen Schäden für Unterstützung sorgen.“

Seminare und praktische Schulungen

So lädt die Ausstellung in der neuen Begegnungs- und Beratungsstätte zum einen auf multimediale, populäre Weise zum Sehen, Hören und Fühlen ein. Sie macht unter der Überschrift „Wo der Wolf läuft, wächst der Wald“ auf anschauliche Art den Kreislauf des Lebens, den Zusammenhang von Artenvielfalt und intakter Natur deutlich, wovon auch der Mensch profitiert. Zum anderen wendet sich das Kompetenzzentrum aber nicht nur an den Laien, sondern auch an Fachbesucher.

Auf dem Außengelände wird ab diesem Frühjahr Herdenschutz demonstriert. Schutzzäune verschiedenster Art sind dort zu sehen. Zudem wird ein Training mit Herdenhunden offeriert. „Wir bieten mit Fachleuten zu allen relevanten Fragen Seminare und praktische Schulungen an“, sagt Imke Heyter. So wolle man auch besorgte Landwirte und Viehzüchter erreichen. „Ich bin mir bewusst, dass wir die eingefleischten Wolfshasser damit auch nicht umstimmen werden. Aber wir hoffen, die ansprechen zu können, die sich informieren und auf Kompromisse einlassen wollen.“

Denn das Brandenburger Wolfs- und Herdenschutzzentrum ist auch ein Ort, an dem es aus erster Hand Informationen zu Förder- und Ausgleichsmaßnahmen für Schäfer und andere Tierhalter gibt. Dafür stellt das Land insgesamt rund eine Million Euro im kommenden Jahr zur Verfügung. Auch die EU hat grünes Licht gegeben, sodass entsprechende Fördermittel nicht als unzulässige Subventionen gelten.