Aufsichtsrat arbeitet BER Flughafendebakel auf: Berliner Airport eröffnet erst im März 2013

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Klaus Wowereit ist einer der ersten, der am Mittwochmorgen in einer schwarzen Limousine auf die Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens rollt. Für 11 Uhr hat der Vorsitzende des Flughafen-Aufsichtsrats den Projektausschuss einberufen, dem als Vertreter der Flughafengesellschafter auch der brandenburgische Wirtschaftsminister Ralf Christoffers (Linke) und der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Rainer Bomba, angehören, dazu die Flughafen-Betriebsrätin Claudia Heinrich. Der Projektausschuss soll die Sitzung des Aufsichtsrats vorbereiten, die für den Nachmittag angesetzt ist.

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Wowereit will die Sache hinter sich bringen, die vor gut einer Woche über ihn hereingebrochen war. Er weiß, dass es ein langer Tag werden wird. Die verpatzte Flughafeneröffnung ist wahrscheinlich die größte Pleite seiner Regierungszeit. Schon einmal, im Juni 2010 und peinlich genug, musste der Aufsichtsrat die für Ende Oktober 2011 geplante Eröffnung verschieben. Der neue Termin, der 3. Juni 2012, stand seitdem unverrückbar fest. Jede Frage, ob er zu halten sei, nervte Wowereit sichtlich. Bis zum 8. Mai, als er seinen Irrtum eingestehen musste.

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Im Projektausschuss am Mittwoch müssen sich an diesem Tag Flughafenchef Rainer Schwarz und der für den Bau zuständige Geschäftsführer Manfred Körtgen erste kritische Fragen gefallen lassen. Der Tagungsort, ein Container der Bauüberwachung auf dem Flughafengelände, ist mit Bedacht gewählt. Die Ausschussmitglieder sollen sich selbst ein Bild von der unfertigen Baustelle machen können, wenngleich der geplante Rundgang ausfällt. Vor allem bleibt hinter dem Bauzaun die Öffentlichkeit ausgesperrt. Die ersten Journalisten versammeln sich am Vormittag in der Airportworld am Bahnhof Schönefeld. Irgendwann nach 18 Uhr soll die Presse informiert werden, heißt es zunächst. Im Ausschuss fragt man sich: Wie konnte es zu der Pleite kommen? Gegen 14 Uhr haben Schwarz und Körtgen den ersten Teil überstanden.

Nichts darf mehr schief gehen

Bis 15.30 Uhr treffen auch Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck und die anderen Aufsichtsratsmitglieder ein. In der Feuerwache Ost, die schon in Betrieb und für die Sicherheit der Baustelle zuständig ist, geht es jetzt richtig los. Im schmucklosen Konferenzraum der Wache soll geklärt werden, wie die Pannen mit der Brandschutzanlage im Terminal behoben werden können. Im Laufe des Nachmittags und Abends treffen auch Projektplaner, Vertreter von Baufirmen und der Fluggesellschaften Lufthansa, Air Berlin und Easyjet ein. Sie müssen in den Büros der Feuerwache warten, bis sie hineingerufen und befragt werden.

Auch Schwarz und Körtgen geben immer wieder Auskunft. Punkt für Punkt arbeitet der Aufsichtsrat nach Angaben eines Teilnehmers die letzte Controllingliste ab, bei der so viele Einzelprojekte als kritisch, mit einer gelben Ampel, gekennzeichnet waren. Genau wird geklärt, wann und wie jedes Einzelproblem gelöst werden kann. Es darf nichts mehr schief gehen. Der neue Eröffnungstermin muss stehen, diesmal wirklich. Denn schon seit Tagen ist klar, dass der Flughafen auch bei einer Eröffnung am 3. Juni noch für viele Monate eine Baustelle geblieben wäre.

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Immer wieder legt der Aufsichtsrat Pausen ein. Dreimal wird das Catering nachbestellt. Es gibt Suppe, Schnittchen und Buletten, dazu Rotwein, Bier oder alkoholfreie Getränke. Währenddessen sitzen die Journalisten in dem provisorischen Pressezentrum. Die TV- und Radio-Reporter haben es besonders schwer. Sie müssen aktuell berichten, auch wenn es nichts zu berichten gibt. „Nach wie vor hat sich niemand zu uns bequemt“, spricht der rbb-Journalist Boris Hermel um 21.45 Uhr leicht in die Live-Kamera.

Die Welt schon fast wieder in Ordnung

Eine Stunde später kommt das Signal vom Aufsichtsrat, dass an diesem Tag mit Ergebnissen nicht mehr zu rechnen sei. Gegen 2 Uhr am Donnerstagmorgen räumen die Aufsichtsratsmitglieder ihre Sachen zusammen. Sie haben es geschafft, sind aber aufgekratzt. Körtgen ist gefeuert, weil er die die Probleme nicht rechtzeitig gesehen und kommuniziert habe. Der Vertrag mit dem Planungsbüro wird gekündigt, weil es auch für die technische Gebäudeausrichtung einschließlich der Brandschutzanlage zuständig war.

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Schnell verlassen die Sitzungsteilnehmer am westlichen Ausgang das Gelände. Ein Teil des Aufsichtsrats, darunter Wowereit und Platzeck, legt noch einen Halt an der Dorfkneipe von Selchow ein. Es dämmert fast, als sie den Weg nach Hause finden.

Am Mittag geben Wowereit, Platzeck, Bomba und Schwarz Auskunft über ihren Arbeitstag und darüber, wie es weitergeht. Ein früherer Termin als der 17. März sei nicht möglich gewesen, sagt Wowereit. Erst vor wenigen Tagen teilte das Bauamt von Dahme-Spreewald der Flughafengesellschaft mit, dass ein Antrag für die Nutzung des Terminals „mit Interimsmaßnahmen wie zum Beispiel die Mensch-Maschine-Schnittstelle“ nicht zum Erfolg führen werde. Anders ausgedrückt: Provisorien werden nicht mehr hingenommen. Bis Ende Dezember soll das Terminal nun fertig sein. Es folgen die technischen Abnahmen, danach, vielleicht ab Februar, sollen noch zehn Massentests stattfinden.

Eine Mitschuld des Aufsichtsrats sieht Wowereit nicht. „Wir sind unserer Verantwortung nachgekommen“, sagt er und das sagt auch Platzeck. Die Welt ist schon fast wieder in Ordnung.

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