Berlin - Manchmal überlegt Angie, was wäre, wenn sie ihren Job 2001 angetreten hätte. „10,98 Euro pro Stunde, etwa 450 Euro im Monat: Damals waren die Mieten billig, das Semesterticket für Studenten kostete 109 Euro im Monat“, sagt die 26-Jährige, kein negatives Licht auf ihren Forschungsbereich werfen will und deswegen ihren Nachnamen lieber verschweigt. „Heute zahlen Studierende 400 Euro für ein Zimmer, das Semesterticket kostet 194 Euro, die Inflation hat das Leben verteuert.“ Doch das Gehalt für eine studentische Mitarbeiterin wie Angie ist nicht gestiegen. 10,98 Euro sieht der Tarifvertrag vor – wie vor 17 Jahren.

„Das Gehalt zeugt von fehlender Wertschätzung“, sagt Angie. Genau wie viele andere Tutoren, IT-Berater und Bibliotheksmitarbeiter ist sie am Dienstag nicht zur Arbeit gegangen. Stattdessen stehen die jungen Leute auf dem Bebelplatz, blasen in Trillerpfeifen und halten Plakate in die Luft. Die studentischen Mitarbeiter der zwölf öffentlichen Berliner Hochschulen streiken. Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren.

Die Verantwortung wächst

Etwa 1100 Menschen sind gekommen, insgesamt arbeiten in Berlin rund 8000 Studenten als Hilfskräfte für die Unis. „Ihr Verantwortungsbereich wächst“, sagt Angie, die an der Freien Universität (FU) Neuere Deutsche Literatur und Tanz studiert. „Viele denken, Hilfskräfte kopieren nur Zettel und stellen Vorlesungsmaterial ins Netz. Dabei sind wir mittlerweile oft direkt an der Forschung beteiligt.“

Angie erzählt, sie habe gerade ein Lehrprojekt mitkonzipiert, das die FU mit dem Lehrpreis auszeichnete. Dennoch fühlt sie sich wenig unterstützt von ihrer Uni, im Gegenteil: „Ich hatte Bedenken, zu der Kundgebung zu kommen. In einem Rundschreiben drohte das FU-Präsidium vergangene Woche mit Abmahnungen, der Streik sei rechtswidrig.“

Organisiert haben den Protest Verdi und die Berliner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Vorausgegangen waren fünf gescheiterte Verhandlungsrunden über einen neuen Tarifvertrag für die studentischen Mitarbeiter. Die Gewerkschaften fordern einen Stundenlohn von 14 Euro. Auch wollen sie die Entlohnung künftig dynamisch an die Entwicklung der Gehälter im öffentlichen Dienst koppeln. Dort steigt der Lohn, den etwa wissenschaftliche Mitarbeiter beziehen, laut GEW um etwa zwei Prozent jährlich.

Enttäuscht von den bisherigen Verhandlungen

Die Gegenseite weist die Forderungen der Gewerkschaften als überhöht zurück. „Wir haben eine schrittweise Erhöhung des Gehalts um 14 Prozent angeboten, bis auf 12,50 Euro pro Stunde im Jahr 2022“, sagt Claudia Pfeiffer zur Berliner Zeitung. Sie ist Geschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverbands Berlin (KAV), der die Hochschulen in den Tarifverhandlungen vertritt.

Zudem könne man die Urlaubstage auf 30 pro Jahr aufstocken und den Lohn im Krankheitsfall acht statt sechs Wochen weiterzahlen. „Auch eine Koppelung an den Tarif des öffentlichen Dienstes lehnen wir nicht ab – aber nicht ausgehend von 12,50 Euro, wie es die Gewerkschaften fordern. Das wird schlicht zu teuer.“

Manuel Benz schmunzelt über solche Aussagen. „Die Unis versuchen doch alles, um noch mehr Mitarbeiter zu Hilfskonditionen anzustellen“, sagt der 28-Jährige, der am Dienstag auch auf dem Bebelplatz steht. Er studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität und pflegt im Forschungsmanagement eine Website, hilft Professoren bei Problemen mit einer Datenbank und nimmt Hotline-Anrufe entgegen. „Ein Verwaltungsjob. Die HU könnte mich ebenso gut nach dem Verwaltungstarif bezahlen. Aber dann hätte ich Anspruch auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld.“ Benz beobachtet, dass immer mehr studentische Jobs entstünden und vermutet, dass die Uni so Vollzeitstellen einsparen will.

Der Student ist enttäuscht von den bisherigen Tarifverhandlungen und hofft, dass es bald zu einer Einigung kommt. Das würde ihn entlasten: „Für 60 Stunden im Monat bekomme ich aktuell 610 Euro. Das reicht nicht.“ Benz bezieht kein Bafög, für das Studium musste er einen Kredit aufnehmen. Er spielt wie viele hier mit dem Gedanken, sich einen neuen Nebenjob außerhalb der Uni zu suchen.