Herr Kirchner, dem neuen Sozialatlas zufolge hat sich nirgendwo die Sozialstruktur so stark verbessert wie in Pankow. Ist Ihr Bezirk das neue Reichenviertel von Berlin?

Nein, das würde ich nicht sagen, da überwiegend Mittelstand nach Pankow zieht. Reiche sind eher die Ausnahme. Die Menschen kommen hierher, weil die Lebensqualität hoch ist. Wir haben viel Grün, Kultur, Einkaufsmöglichkeiten und eine schnelle Verkehrsanbindung in die Innenstadt.

Welche Menschen zieht es denn nach Pankow?

Wir haben jedes Jahr 5 000 Zuzügler, meist mittel- bis gutverdienend, mit unterschiedlichen Lebensentwürfen. Es gibt eine Tendenz, dass Menschen in Pankow ihren Alterssitz einrichten. Ich hatte neulich ein Gespräch mit einem Mann aus Dithmarschen, der seinen Kindern hinterherziehen will, die schon in Pankow wohnen. Er will sich eine Wohnung am Falkplatz kaufen und wollte wissen, ob er mit Lärmbelästigung vom Mauerpark rechnen muss.

Können sich Arbeitslose, Rentner oder Studenten eine Wohnung im Bezirk noch leisten?

Wenn sie noch alte Mietverträge haben, dann sind sie relativ sicher. Wir haben unlängst einen Vertrag mit der Gesobau abgeschlossen, die 400 Mieter besonders schützen soll. Es stimmt aber, dass es für Geringverdiener immer schwieriger wird, neu nach Pankow zu ziehen.

Was müsste man im Moment zahlen?

Am Kollwitzplatz oder in Pankow City geht die Nettokaltmiete pro Quadratmeter in den zweistelligen Bereich. In Buch findet man Wohnungen im unteren einstelligen Bereich. In Weißensee gibt es noch bezahlbaren Wohnraum, das liegt daran, dass der Anteil von städtischen Wohnungsbaugesellschaften dort größer ist.

Wie hoch ist die Quote an Eigentumswohnungen in Ihrem Bezirk?

In Prenzlauer Berg sind in einigen Gebieten inzwischen rund 30 Prozent aller Wohnungen Eigentumswohnungen. Das ist besorgniserregend, weil sich das innerhalb kürzester Zeit entwickelt hat. Der Bezirk ist zum Investitionsplatz geworden. Da gab es Exzesse. Insgesamt sind wir aber noch unter dem bundesdeutschen Durchschnitt von 45 Prozent.

Der starke Zuzug hat Pankow sehr verändert. Gibt es eigentlich noch Berührungspunkte zwischen dem Rentner und dem Porsche-Cayenne-Fahrer? Oder driftet der Bezirk auseinander?

Diese Meinung gibt es – ich kann sie allerdings nicht bestätigen. Bei Bürgerversammlungen, ob nun in Prenzlauer Berg oder Niederschönhausen, treffen Menschen aus verschiedensten gesellschaftlichen Schichten aufeinander und kümmern sich gemeinsam um ihren Kiez: Junge und Alte, Reiche und Arme. Die Zugezogenen identifizieren sich schnell mit ihrem Stadtteil, sie wollen sich einbringen und ehrenamtlich Verantwortung übernehmen. Das ist eine beglückende Erfahrung.

Da schwingt jetzt viel Lokalstolz mit.

Ja, das stimmt. Ich wohne seit Anfang der achtziger Jahre selbst hier und freue mich, wie sich Pankow rausgemacht hat. Der Bezirk ist nicht umsonst so beliebt, die Atmosphäre stimmt. Das geht sogar so weit, dass schon die Zugezogenen anfangen zu berlinern. Icke och, sagen sie dann. Ulkig ist das.

Vor einem Jahr hat Ihr Bezirk eine Verordnung erlassen, die Luxussanierung verbietet. Funktioniert das?

Ja, es gelingt immer besser, die angestammte Bevölkerung zu schützen. Wir wollen demnächst fünf weitere Wohngegenden als soziale Erhaltungsgebiete ausweisen. Wir hoffen auch, dass auf Landesebene endlich die Verordnung erlassen wird, die die Umwandlung in Eigentumswohnungen genehmigungspflichtig macht. Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen ist einer der wichtigsten Motoren für Verdrängung: Mietshäuser werden an Investoren verkauft, in Eigentumswohnungen aufgeteilt und weiterverkauft. Die Käufer wollen natürlich, dass die Mieten möglichst schnell steigen, damit sich ihre Investition auch lohnt. Der Altmieter ist da nur im Weg. Wir müssen diese Verwertungskette stoppen.

Sie sind dafür kritisiert worden, dass Sie Einbauten wie ein zweites Bad als Luxussanierung verboten haben.

Da wird viel diskutiert. Einmal hatten wir einen Familienvater, der darunter litt, dass er sich das Bad zu Hause mit seiner Frau und zwei Töchtern teilen musste. Das habe ich verstanden. In bestimmten Lebenssituationen sind zwei Bäder existenziell. Bei Neubau und Dachgeschossausbau gelten die Vorschriften übrigens nicht, da kann jeder so viele Bäder einbauen, wie er möchte.

Das Gespräch führte Sabine Rennefanz.