Koffer eines Clowns: Christopher Flade muss seine Auftritts-Requisiten schweren Herzens ruhen lassen.
Foto: Markus Wächter

BerlinSeine knallbunte Ziehharmonika, seine bunten Jonglierkeulen, die Kostüme – Christopher Flade bleibt nichts anderes übrig, als all diese Requisiten vorerst in seinem Lager zu verstauen. Seit Jahren steht der Berliner als Clown Hops mit Partnerin Hopsi auf der Bühne, tritt damit in die Fußstapfen der berühmten Spreepark-Entertainer. „Jetzt, im Frühjahr, sollten wir mit unseren Kinder-Shows in Berlin und Brandenburg auf Tour durch die Kulturhäuser sein – aber alle Veranstaltungen wurden abgesagt“, sagt er.„Hinzu kommen Stornierungen der Auftritte für Schulklassen und Kindergartengruppen, bei Kindergeburtstagen und Stadtfesten. Das Ganze zieht sich derzeit schon bis in den August.“

Flade gehört zu jenen Berlinern, die die Corona-Krise besonders hart trifft - jene, die eigentlich für gute Stimmung sorgen. Den Künstlern, die sonst auf den Bühnen der Stadt gute Laune verbreiten, bleibt derzeit das Lachen im Hals stecken. Weil ihnen sämtliche Engagements und Auftritte wegbrechen. Besonders bitter bei Flade: Gerade erst investierte er eine hohe Summe in eine neue Zaubershow. Das Geld floss in Requisiten, Kulissen, neue Tricks. „Die konnten wir jetzt zweimal spielen, dann kam Corona. Ich bin froh, dass wir noch die Faschingssaison mitnehmen konnten.“

Die Events, auf denen ich arbeite, brauchen alle einen gewissen Vorlauf, niemand bucht für morgen oder übermorgen einen Künstler. Im Moment sind meine Einnahmen weitgehend auf null.

Maik M. Paulsen, Falschspieler

Das Problem vieler Künstler: Die Fixkosten laufen weiter. „Aber wir sind gesund, und das ist wichtig. Es gibt Menschen, denen es derzeit schlimmer geht.“ Um seine Fans bei Laune zu halten, veröffentlicht der Berliner nun Clown-Videos auf Facebook. Doch die kleinen Späßchen können die Angst nicht verdrängen. „Man fragt sich schon, wann man wieder auf die Bühne kann und ob das Virus dann wiederkommt. Und was machen wir, wenn die Leute nach der Krise erst mal kein Geld für unsere Arbeit ausgeben wollen?“

Vor der gleichen Frage steht Maik M. Paulsen, der als Falschspieler für Veranstaltungen gebucht wird und an seinem Spieltisch dann die Gäste unterhaltsam betrügt. „Die Events, auf denen ich arbeite, brauchen alle einen gewissen Vorlauf – niemand bucht für morgen oder übermorgen einen Künstler“, sagt er. „Im Moment sind meine Einnahmen weitgehend auf null.“

Hinzu kommt: Paulsen organisiert für die Berliner Artistenschule alljährlich die Absolventenshow, bei der die aktuelle Abschlussklasse durch Deutschland tourt. Die Premiere sollte im Juni gefeiert werden, Planungssicherheit gibt es nicht. „Wir wissen nicht, ob die Show in diesem Jahr stattfinden kann, was besonders für die jungen Künstler dramatisch ist. Sie verdienen damit ihr erstes Geld, knüpfen Kontakte zu allen großen Varietés. Sie haben im Arbeitsleben noch keine Systematik und sind auf jeden Auftrag angewiesen.“

Maik M. Paulsen unterhält die Gäste von Events am Blackjack-Tisch. Doch im Moment ist an Auftritte nicht zu denken, alle Engagements wurden abgesagt.
Foto: Volkmar Otto

Auch Max Fröhlich und Benno Jacob, die als Jonglage-Duo „Benno & Max“ auf der Bühne stehen, bekommen eine Absage nach der anderen. „Auch schon für Mai und Juni. Wir sollten dieses Jahr auf drei Kreuzfahrtschiffen arbeiten, aber auch das werden wir uns wohl abschminken können“, sagt Fröhlich. Wann das Leben wie gewohnt weitergeht, kann auch er nicht sagen. „Ich denke aber, das Letzte, was nach dem Shutdown wieder reaktiviert wird, werden die Veranstaltungen sein, von denen wir leben. Wir rechnen damit, dass wir bis Herbst nicht mehr auf der Bühne stehen.“ Zumindest etwas Glück hatten die beiden: „Wir hatten den April sowieso als Urlaubsmonat vorgesehen. Aber viele Kollegen sind gerade richtig am Kämpfen.“

Travestie-Entertainerin Margot Schlönzke, die unter anderem im Showpalast „Incognito“ in der Hohenstaufenstraße auftritt, sieht in ihrer Szene vor allem die kreative Weiterentwicklung gefährdet. „Die wirtschaftliche Grundlage unserer Kunst fehlt – und damit wurde vielen der Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt sie. „Wir leben davon, dass wir immer kreativ sind, dass wir Neues entwickeln. Doch um das zu können, braucht man einen freien Geist. Und den hat man nicht, wenn man sich fragen muss: Wie geht es weiter? Kann ich bald meine Wohnung noch bezahlen?“ Auch bei ihr seien alle Aufträge weggebrochen. Hinzu kommt: Das Szene-Magazin „Siegessäule“, bei dem sie neben dem Bühnenjob arbeitet, steht ebenfalls vor dem Aus. Derzeit läuft eine große Rettungskampagne.

Wir leben davon, dass wir immer kreativ sind, Neues entwickeln. Doch um das zu können, braucht man einen freien Geist. Und den hat man nicht, wenn man sich fragen muss: Kann ich bald meine Wohnung noch bezahlen?

Margot Schlönzke, Travestie-Entertainerin

Zwar scheint das Hilfssystem in diesem Fall zu greifen – immer wieder sind Meldungen von Betroffenen zu hören, die tatsächlich unbürokratisch an die Soforthilfe kamen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters will dennoch nachjustieren. Not und Verzweiflung von Kreativen in der aktuellen Krise seien groß, sagt sie. Zudem gebe es Vorbehalte, die Angebote des Sozialschutz-Pakets zu nutzen. „Umso mehr appelliere ich vor allem an die solo-selbstständigen Künstler und Kreativen, jetzt die niedrigschwellige Unterstützung auch in Anspruch zu nehmen.“ Laut einer Umfrage des Berliner Landesmusikrates Berlin haben 60 Prozent der Teilnehmer Soforthilfeprogramme in Anspruch genommen, knapp zwei Drittel empfanden die Hilfen als ausreichend. Sollte es bei den Einschränkungen bleiben, wären allerdings neun von zehn Musikern weiter auf Hilfe angewiesen.

Derzeit stürmt - wie in vielen Bereichen - Bayern voran: Das Land will Künstlern in der Corona-Krise monatlich mit 1000 Euro finanziell unter die Arme greifen. Das kündigte Ministerpräsident Markus Söder  in seiner zweiten Regierungserklärung zur Corona-Pandemie im Landtag in München an. Während kulturelle Einrichtungen mit den bisherigen Maßnahmen bereits schon geholfen werde, gebe es zugegebenermaßen eine Gruppe, die„die durch jedes Raster fällt“. Die rund 30 000 Künstler, die auch in der Künstlersozialkasse organisiert seien, würden daher monatlich 1000 Euro bekommen.

Noch schlimmer als die finanziellen Einbußen ist es für viele aber, dem eigenen Job nicht nachgehen zu dürfen. „Wir wollen Unterhaltung bieten, aber das wurde uns verboten. Da blutet jedem Künstler das Herz.“ Um etwas zu tun, strahlt Schlönzke auf Facebook jeden Sonntag um 19 Uhr eine Kochshow aus. Außerdem sendet sie jeden Sonnabend um 20 Uhr mit mehreren Kollegen aus dem „Incognito“. Die Zuschauer können für die Künstler spenden: „Jeder kann geben, was er möchte. Aber Solidarität zur Künstler-Szene ist jetzt wichtig.“