Ganz schön groß, so ein Hubschrauber, so ein Super-Puma. Das ist der erste Eindruck. Drei riesige Maschinen kreisen an diesem Donnerstagvormittag, 10.25 Uhr, über dem Olympiastadion, fliegen nach Süden, unterwegs zum zugeschneiten Maifeld auf der Westseite. Sie kommen näher, kommen runter. Jetzt schnell. Etwa ein Dutzend Journalisten hasten zum Feld, mit Fotokameras und Schreibblöcken. Die Bundespolizei hat uns eingeladen. Wir sollen (und wollen) sehen und dokumentieren, wie die Hubschrauber landen, dann die etwa 70 Bundespolizisten an Bord aussteigen und dann im Laufschritt zum S-Bahnhof Olympiastadion.

Dort werden sie schon von Kollegen erwartet. Sie sollen mithelfen, Fußballrowdys aus einer S-Bahn festzunehmen. Die Rowdys sind Rowdy-Darsteller, alles ebenfalls Polizisten. Ist ja eine Übung. Die Polizei will vorführen, wie schnell und effektiv sie Gewalt eindämmen kann, dass sie keinen Aufwand scheut, um dafür zu sorgen, dass auch große Sportveranstaltungen mit zehntausenden Besuchern friedlich ablaufen. Hertha hat keine größeren Probleme mit Gewalt unter der Anhängerschaft, zumindest nicht bei den Heimspielen. Aber falls sich das ändert, dann ist sind die Sicherheitskräfte vorbereitet. Das soll das Thema sein an diesem Tag. Eigentlich.

Die Hubschrauber sind brutal laut. Der erste setzt zur Landung an. Der brüllende Rotor wirbelt den Schnee vier, fünf Meter hoch, das Fluggerät ist dahinter fast nicht mehr auszumachen. Man muss sich schon zwingen, zur Schneewand hinzusehen. Eigentlich passiert dort ja auch nichts Spektakuläres. Landender Hubschrauber? Tausend mal gesehen im Fernsehen.

Der zweite Helikopter schwebt in der Luft, bis der Schnee sich gelegt hat. Dann landet auch er, vielleicht 30 Meter vom Piloten aus gesehen rechts daneben. Das ist ziemlich nahe, auf dem riesigen Maifeld wäre sicher Platz für zehn landende Super-Pumas.

Plötzlich fliegen Trümmer

Dann kommt auch schon die dritte Maschine. Ihr Pilot wartet nicht so lange wie Nummer 2. Vielleicht ist das ja Teil der Übung, gäbe es tatsächlich Randale am S-Bahnhof, dann müsste ja auch alles so schnell gehen wie nur möglich. Der Hubschrauber landet, irgendwo hinter der Schneewand. Plötzlich knallt es, nicht ohrenbetäubend, aber immerhin so massiv, dass man zusammenschreckt, auch wenn man sich in der Sekunde gerade abgewandt hat, um den Schnee nicht ins Gesicht zu bekommen. Gegenstände fliegen durch die Luft, Plastik- und Metall teile, ein paar kleinere knallen gegen den Zaun am Marathontor an der Westseite des Stadions. Dorthin hatte sich der Autor mit ein paar Kollegen vor dem Schnee zurückgezogen, ungefähr fünfzig Meter vom Landeplatz entfernt.

Runter in die Hocke, zusammenkauern, Hände über den Kopf. Hinlegen? Ach was, so schlimm scheint es nicht zu sein. Offensichtlich fliegt nichts mehr durch die Gegend. Nach ein paar Sekunden sagt der Instinkt, dass alles okay ist. Dann umdrehen – der erste Blick aufs Maifeld: Hubschrauber Nummer 3 liegt auf der Seite, offenbar ist er bei der Landung mit Nummer 1 kollidiert. Die Rotoren sind zerbrochen. Teile stehen ab. Nummer 1 steht schwer demoliert daneben, die Pilotenkanzel zerstört, das Dach aufgerissen. Wie sich später herausstellen wird, ist der Pilot dieses Hubschraubers bei dem Unfall gestorben.

Schrott liegt im fast kniehohen Schnee. Die Polizisten, die eben noch mit uns gewartet haben, rennen auf die Hubschrauber zu. Wir Journalisten laufen mit. Sind wir auch sicher? Kann da etwas explodieren? Diese Fragen stellen sich in dem Moment nicht.

Und dann: Was ist mit Markus Wächter, dem Fotografen der Berliner Zeitung? Er war näher dran, zusammen mit einem Kollegen, um gute Bilder zu kriegen. Sie hatten sich wegen des Schnees hinter ein Polizeiauto gekauert, das am Eingang zum Maifeld stand. Hätte sich einer von ihnen aus der Deckung gewagt, hätte er mitten im Trümmerhagel gestanden.

Da läuft Markus. Er rennt zum umgekippten Hubschrauber. Wir sehen uns, rufen uns zu. Alles okay? Alles okay! Ein Glück!

Ein Polizist klettert auf den umgekippten Super-Puma. Die Tür der Pilotenkanzel öffnet sich, jemand kriecht heraus. Der Pilot? Was ist mit dem Rest der Crew? Eine weitere Klappe geht auf. Die ersten Polizisten klettern raus. Verletzt? Man weiß es nicht. Immerhin können sie sich bewegen. „Hier ist alles okay“, ruft ein Polizist, der als einer der ersten aus dem Wrack kriecht.

Inzwischen sind mehr Polizisten eingetroffen, rübergerannt vom nur ein paar hundert Meter entfernten S-Bahnhof, wo die Übung stattfinden sollte und vom Coubertinplatz, wo die zahllosen Polizeiautos geparkt sind.

Bitterer Ernst

Was ist mit der Frau los, die da auf dem Boden liegt? Eine Journalistin? Nein, eine Mitarbeiterin der Pressestelle der Bundespolizei. Vor einer Viertelstunde hat sie noch mit uns im Pressezelt am S-Bahnhof gewartet. Sie war mit rübergekommen, die Landung anschauen. Sie hatte auf dem Vorplatz vor dem Marathontor gestanden, mitten im Schneewirbel. Dort ist sie offenbar getroffen worden von einem umherfliegenden Teil. Jetzt liegt sie auf dem kalten Boden und krümmt sich vor Schmerzen. Ein Fuß steht zur Seite ab. Ihre Kollegen betten ihren Kopf hoch. Sie ist bei Bewusstsein. Immerhin. Es ist eine fast unwirkliche Situation. Aus einer Übung ist bitterer Ernst geworden.

„Sanitäter. Wir brauchen Sanitäter“, ruft eine. Leichte Panik in der Stimme. Unter den zum Unfall rennenden Polizisten sind endlich die ersten Sanitäter mit Notfallrucksäcken. Sie hetzen durch die Gegend, versuchen sich Überblick zu verschaffen. Was ist passiert? Wie viele Leute sind wie schwer verletzt?

Auch auf den Stufen am Marathontor ruft ein Polizist um Hilfe. Bei ihm sitzt ein Kollege, um ihn herum Blut. Auch er ist bei Bewusstsein. Blutspuren im Schnee auch ganz in der Nähe der Stelle am Zaun, wo sich die Journalisten vor dem Schnee verschanzt hatten.

Jetzt geht alles schnell. Immer mehr Polizisten eilen zur Unfallstelle. Falls sie in Panik sind, ist sie ihnen nicht anzumerken. „Gehen Sie weg! Verlassen Sie den Platz“, rufen die Einsatzkräfte uns Journalisten zu. Schließlich räumen sie den Platz vor dem Maifeld, später den gesamten Stadionbereich. Die Übung wird abgebrochen.

Während des Gehens tauschen wir aus, was wir gesehen und gehört haben: Mindestens zwei Schwerverletzte haben wir gesehen; angeblich sind es vier. Von irgendwo kommt das Gerücht, es gebe einen Toten. Dass ein Pilot umgekommen ist, erfahren wir erst auf dem Rückweg.

Später, am Nachmittag, erscheint auf der Homepage Hertha BSC eine Erklärung. Man bedauere den Unglücksfall sehr, das ganze Mitgefühl gelte der Familie und den Kollegen des Unfallopfers. Die Erstliga-Profis trainierten zum Zeitpunkt des Unglücks auf ihrem Trainingsgelände, nur ein paar Hundert Meter vom Maifeld entfernt. Die Helikopter waren über sie hinweggedonnert, von der anschließenden Katastrophe aber bekamen die Spieler nichts mit. Dabei ging es ja eigentlich um sie und darum, dass bei ihren Spielen niemand zu Schaden kommt.