Es ist nicht das erste Mal, dass vor dem Sitzen gewarnt wird. Es gibt sogar den Slogan: „Sitzen ist das neue Rauchen!“ Das ist ein blöder Spruch.
Foto: dpa/Jena Kalaene

BerlinDie Berliner sitzen zu viel. Ach was, überall sitzen die Menschen zu viel. Das behaupten Forscher aus Madrid, die dazu Umfragen aus ganz Europa auswerteten. In Deutschland gehören 53,7 Prozent der Menschen zu den Dauersitzern und sind damit nach Meinung der Forscher in hohem Maße von Leiden wie Fettsucht, Diabetes, Bluthochdruck und Krebs bedroht. Und Dauersitzen, das heißt der neuen Studie zufolge: mehr als viereinhalb Stunden am Tag.

„Viereinhalb Stunden?“, ruft mein innerer Berliner, der wie immer Zweifel anmeldet. „Ja, jibt et übahaupt noch ville Leute, die wenijer sitzen am Taare? Wo doch heute fast alle am Compjuta arbeeten und so ville im Homeoffice hocken. Und wat is, wenn eena fünf Stunden am Taare sitzt und dann zehn Stunden durch die Jejend flitzt? Jilt der ooch als verfettender Sitzklops?“

Es ist nicht das erste Mal, dass vor dem Sitzen gewarnt wird. Es gibt sogar den Slogan: „Sitzen ist das neue Rauchen!“ Das ist ein blöder Spruch. Wenn der stimmte, müsste man sprachlich einiges ändern. „Mensch, du bist ja’n Rauchriese!“, müsste man etwa rufen, wenn man einen Sitzriesen meint, also einen Menschen, der einen langen Oberkörper, aber kurze Beine hat. Für den ist das Sitzen ein großer Vorteil. Wenn er Chef ist, könnte sogar seine ganze Autorität davon abhängen. Wenn er nämlich sitzt, hat alles Angst. Doch wenn er aufsteht, hört man’s flüstern: „Mensch, ick hab ooch schon mal’n größeren Zwerch jesehn.“

Im Berlinischen spielt das Sitzen eine große Rolle. Man findet es in Sprüchen wie „Du sitzt wohl uff deine Oahn“ (wenn einer nicht zuhört), „Du sitzt da wie’n krummjeschissnes Fragezeichen“, „Du hast ja eenen sitzen“ (wenn jemand betrunken ist) oder einfach: „Der sitzt!“ (wenn jemand im Knast ist). Ich habe gehört, dass es zu Kaiserzeiten sogar Sitz-Redakteure gab. Das waren meist Typen, auf die man in der Redaktion verzichten konnte, die aber als Verantwortliche im Sinne des Presserechts im Impressum standen. Wenn die Zeitung wegen Majestätsbeleidigung verklagt wurde, gingen sie stellvertretend für alle in Haft.

Müsste es heute nicht Rauch-Redakteur heißen? Wenn doch das Sitzen so gefährlich ist. Und hat das Berliner Abgeordnetenhaus künftig nicht mehr 160 Sitze, sondern 160 Rauchplätze? Werden auf Stuhllehnen und alle Sitze im Kino, Theater und der Bahn künftig Bildchen schlimmer Krankheiten geklebt, wie man sie auf Zigarettenpackungen findet? Und wenn man einer Oma in der Bahn seinen Sitzplatz anbietet – bekommt man dann ihre Tasche um die Ohren gehauen mit dem Ruf: „Woll’n se mich umbringen?“

Ich glaube, man sollte etwas Druck aus der Sache nehmen. Wie Mediziner sagen, hilft es schon etwas, die Sitzposition häufig zu ändern und immer mal wieder aufzustehen, um den Stoffwechsel und die Muckis anzuregen. Unsere Lehrer in der Schule haben es einst schon ganz richtig gemacht. Wir mussten ab und zu mitten in der Stunde aufstehen, die Arme und Beine ausschütteln. Es lebe der Hampelmann! Außerdem hatten wir noch richtigen Sportunterricht.