Bushido und sein Rechtsanwalt in der vergangenen Woche. 
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BerlinLandgericht Berlin, Tag vier im Prozess gegen Arafat Abou Chaker und seine Brüder Rommel, Yasser und Nasser. Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem vor, den Gangsta-Rapper Bushido beleidigt, bedroht, verletzt und seiner Freiheit beraubt zu haben.

Nachdem die Verteidiger bislang vergeblich beantragten, sämtliche polizeilichen Vernehmungsprotokolle von Bushido und seiner Frau Anna-Maria Ferchichi lesen zu dürfen, wurde der Rapper um 13.45 Uhr endlich in den Zeugenstand gerufen.

Dort berichtete er von dem, was er seit Juni 2004 als sein Geheimnis mit sich herumgetragen, was er weder seiner Frau, noch seinem Anwalt, noch sonst irgendjemandem anvertraut hatte – bis vor einem Jahr, als er bei der Polizei darüber eine Aussage machte. Vor dem Landgericht beschrieb er nun erneut jene Phase im Jahre 2003, in der er sich von seinem damaligen Label „Aggro Berlin“ trennen wollte und schließlich dem Clanchef Arafat Abou Chaker in die Arme lief.

Die drei Label-Inhaber hatten Bushido 2001 einen Künstler-Exklusivvertrag angeboten, den der Gangsta-Rapper zwei Jahre lang erfüllte. Dann gab es Streit mit Halil E., der auch Inhaber des Schöneberger Szene-Ladens „Downstairs“ ist. Dieser beanspruchte als Mitinhaber von „Aggro Berlin“ die kompletten Rechte an Bushidos altem Album „King of Kingz“, eine Forderung, die der Rapper als Vertrauensbruch und als Hindernis für eine weitere Zusammenarbeit betrachtete.

Mit Hilfe eines Anwalts bot Bushido seinem damaligen Label an, die kompletten Rechte an den bei „Aggro Berlin“ produzierten Alben abzutreten, wenn man ihn im Gegenzug aus seinem Vertrag entlassen und nicht mehr die Rechte an „King of Kingz“ beanspruchen würde. Doch die Label-Inhaber hätten sich auf dieses Angebot nicht eingelassen.

Selbst als Bushido die Schöneberger Straßen-Gangs fragte, ob die nicht mal mit „Aggro Berlin“ reden könnten, fand der Rapper kein Gehör: Die Label-Inhaber, so ist es Bushidos Schilderung zu entnehmen, hatten offensichtlich den besseren Draht zur Straße. Arafat Abou Chaker kannte er damals noch nicht: „Man hatte den Namen schon mal gehört. Man hatte definitiv Respekt davor gehabt“, sagte Bushido im Zeugenstand. Ein Hip-Hop-begeisterter Cousin des Clanchefs, den er aus der Schöneberger Szene kannte, machte die beiden schließlich miteinander bekannt. Man traf sich zunächst vor der Diskothek „Matrix“ in der Warschauer Straße.

Abou Chaker habe damals uninteressiert gewirkt und sei düster drauf gewesen. Er habe Bushido kurz gemustert, dessen Kinn in die Hand genommen und einen verächtlichen Blick auf die Tätowierungen des Rappers geworfen. In einem von Nasser Abou Chaker betriebenen Café in der Katzbachstraße trafen sich die beiden dann ein zweites Mal. Bushido schilderte dem Clanchef sein Anliegen: Er wolle nur, dass ein seiner Meinung nach fairer und von seinem Anwalt bereits vorbereiteter Aufhebungsvertrag unterschrieben werde.

Bei ihrem dritten Treffen begleitete der Clanchef schließlich den Rapper zum Büro von „Aggro Berlin“. Mit den Worten „Hier unterschreiben!“ zwang er „Specter“, den ersten der drei Inhaber, zur Unterschrift. Dann zitierte Arafat Abou Chaker den zweiten Inhaber, Halil E., ebenfalls ins Büro. Als dieser ihm nur drei Kreuze angeboten habe, gab der Clanchef ihm eine Ohrfeige – so erinnert sich Bushido. „Spaiche“, der dritte Inhaber, fragte Bushido: „So soll das laufen? So willst du das machen?“ Auch er habe sich der Drohkulisse gebeugt.

Bushido war nun frei und wusste, dass er dafür bezahlen musste. Das besprach er mit dem Clanchef bei ihrem vierten Treffen. Der Rapper bot 20.000 Euro an. Arafat Abou Chaker habe darauf mit Flüchen und Verwünschungen reagiert. Für diese Summe wäre er niemals das Risiko eingegangen, sich alleine mit den Label-Inhabern auseinanderzusetzen. Er fühle sich betrogen und ausgenutzt. Bushido erhöhte sein Angebot um 5000 Euro. Vergeblich. „Wenn ich du wäre“, soll Arafat Abou Chaker schließlich gesagt haben, „würde ich dich prozentual beteiligen.“ Er verlangte 30 Prozent an sämtlichen Einnahmen Bushidos. Damit sei er „gerade mal zufrieden“, berichtete der Rapper. „Dann habe ich gesagt: Okay.“

Nach außen hin habe er immer so getan, als seien er und der Clanchef dicke Freunde. „Wir haben es immer so gehalten, dass es so aussieht.“Aber der Clanchef sei niemals sein Freund und Manager gewesen. Er selber sei zu dieser Partnerschaft gezwungen worden. Das Geld habe er Arafat Abou Chaker schwarz und in bar übergeben müssen, das bedeutet, er habe 30 Prozent der Einnahmen abgetreten, dieses Geld aber selbst versteuern müssen.

Am Mittwoch will Bushido mehr über die gemeinsamen Jahre an der Seite von Arafat Abou Chaker erzählen – bis er sich im Herbst 2017 von diesem löste. Eigentlich sollte Nebenkläger Anis Ferchichi alias Bushido am Montag darüber berichten, weshalb und wie er sich Ende 2017 von seinem langjährigen Freund und Geschäftspartner Arafat Abou Chaker trennte. Doch die Abou Chakers haben sämtlich Verteidiger bezahlt, die in diesem Strafverfahren ihre Aufgabe sehr ernst nehmen. Sie fordern vehement und so auch wieder am Montag von der Staatsanwaltschaft, alle Vernehmungen von Bushido und seiner Ehefrau Anna-Maria Ferchichi einsehen zu dürfen, um die Glaubwürdigkeit des Nebenklägers beurteilen zu können.

Aufgrund der Angaben des Ehepaares wird gegen den Clanchef derzeit noch wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz, wegen Betruges und Körperverletzung ermittelt. Wahlweise seien auch seine Brüder Hassan, Mohammed sowie Rommel beteiligt gewesen. „Es kann nicht auf eine Vielzahl von Vernehmungen verzichtet werden“, argumentiert Martin Rubbert, der Verteidiger von Arafat Abou Chaker. Dies verletze den Grundsatz der Fairness, es müsse Waffengleichheit herrschen.

Oberstaatsanwältin Petra Leister hält dagegen, dass sie aus ermittlungstaktischen Gründen keine Unterlagen aus den noch laufenden Verfahren herausgeben könne. Außerdem bearbeite sie gar nicht alle der angesprochenen Verfahren. „Ich gehe davon aus, dass Herr Ferchichi seine Geschichte komplett erzählen wird.“ Ihrer Meinung nach würde Bushido also sowieso alles berichten, was er auch bei der Polizei ausgesagt hat: Er könne ja nicht wissen, was für dieses Verfahren wichtig ist und was für ein anderes.

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