Berlin - Abdul Rahim Nagibulla war mal ein Bauernjunge aus den afghanischen Bergen. Dann trat er auf eine Mine, verlor ein Bein und sah einem Leben in Armut entgegen. Nagibulla sitzt an diesem Novemberabend eingezwängt in seinem Rennrollstuhl auf der Sprintstrecke im Sportforum Hohenschönhausen. Er trägt einen Fahrradhelm und dicke Lederhandschuhe, hinten am Rollstuhl hängen fünf Kilo Gewicht.

Auf der 400-Meter-Bahn drehen Kinder ihre Runden, Stabhochspringer üben den Umgang mit der Stange. Nagibulla trainiert für Gold. Für Deutschland will er bei den nächsten Paralympics in Brasilien die Medaille holen. „Konzentrier’ dich noch mehr auf deine Arme“, fordert Bernd Scheermesser, sein Trainer, und Nagibulla rollt los. „Seine Anfahrgeschwindigkeit muss besser werden“, sagt Scheermesser, „aber es ist auch unmöglich, die perfekt in diesem alten Rollstuhl hinzukriegen. Sein Oberkörper ist so gut wie austrainiert.

Die Spitzenathleten sehen auch nicht anders aus. Aber er braucht einen anderen Rollstuhl, um mit der Weltspitze mithalten zu können.“ Um die 5 000 Euro kostet so ein moderner Rennrollstuhl. Sein eigenes Land kennt Nagibulla nur im Krieg. Erst war Krieg zwischen Afghanistan und Russland, dann der afghanische Bürgerkrieg, dann kamen die Taliban an die Macht. Seit mittlerweile zwölf Jahren sind ISAF-Truppen im Land.

Drei Jahre dolmetschte er in Kabul

Der Krieg hat Nagibulla sein rechtes Bein genommen, da war er sieben oder acht. Es folgten Jahre in Krankenhäusern, zur Schule konnte er nicht mehr gehen. Mit 15 wurde er durch eine Hilfsorganisation ins Klinikum Harlaching in München verlegt und blieb dort fast drei Jahre. Er lernte deutsch, von den Ärzten, Therapeuten, Krankenschwestern und durchs Fernsehen. Zufällig erfuhr ein deutscher Soldat davon. Der suchte Deutsch sprechende Afghanen als Sprachmittler, wie es bei der Bundeswehr heißt. So ging Nagibulla zurück in den Krieg, in sein Land, für die Bundeswehr.

Drei Jahre dolmetschte er in Kabul und in Masar-i-Scharif. Die Arbeitszeit war genau geregelt, nicht anders als in einem deutschen Stahlwerk, von 8 bis 16 Uhr. Nagibulla verdiente genug zum Leben und war stolz, dass ausgerechnet er, der Gehbehinderte, einen festen Job hatte. Die Sache hatte aber einen Haken: Die Taliban betrachten Leute wie ihn als Verräter. Leute, die für die Ungläubigen arbeiten. Für die alkoholtrinkenden Ausländer.

Zwischen 8 und 16 Uhr, also im Dienst, war Nagibullas Leben sicher. Sobald er das Lager der Bundeswehr verließ, war sein Leben in Gefahr. Wohnen musste er in der Stadt. Obwohl er versuchte zu verheimlichen, dass er für die Bundeswehr arbeitete, fanden es Nachbarn und Vermieter heraus. Er wurde bedroht und musste mehrfach umziehen. Wie oft genau, erinnert er nicht. „Zwanzigmal ist zu viel, zehn zu wenig“, sagt er.

Nun passiert in diesen Tagen in Afghanistan gerade das, was schon in Vietnam und im Irak geschah: Die fremden Militärmächte ziehen sich zurück und hinterlassen ein unbefriedetes Land. 2014 sollen die ISAF-Truppen abziehen. Die afghanischen Mitarbeiter, die derzeit unersetzlich für das ausländische Militär sind, die Kontakte zu Einheimischen herstellen und dabei oft ihr Leben riskieren, haben Angst davor. Angst vor Vergeltung. „Wir sind für die Taliban die Stimmen und die Gesichter der Feinde“, sagt Nagibulla.

Was wird passieren, wenn ihre Arbeitgeber weg sind? Die Amerikaner, Kanadier und die Franzosen lassen ihre Mitarbeiter angesichts unkalkulierbarer Risiken nicht zurück. Sie nehmen sie auf. Die Deutschen sperren sich dagegen. Vor drei Wochen haben sie lediglich angekündigt, dass 182 ihrer rund 1 600 afghanischen Mitarbeiter ein Visum erhalten werden. Doch Nagibulla glaubt nicht daran. „Im Moment sind das schöne Worte“, sagt er. „Wann wollen die die Leute rausholen? Ich glaube erst daran, wenn der erste mir hier auf der Straße begegnet.“

Sein Freund Gul Mohammad zum Beispiel, dem ebenfalls eine Mine das Bein zerfetzte und der im Einsatz mitansehen musste, wie sich ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Nagibulla hat mit ihm telefoniert. Gul gehört nicht zu den 182 Leuten. „Er hat auch von niemand anderem gehört, der dabei ist ist“, sagt er. Nagibulla habe darauf seinen ehemaligen Leutnant in Masar-i-Scharif angerufen, „der weiß auch von keinem.“

An einem anderen Tag sitzt Nagibulla in schwarzer Trainingskleidung auf dem Sofa in seiner Wohnung in Hennigsdorf. Vor ihm stehen frischer Tee, getrocknete Erdbeeren und Kuchen, neben ihm liegt eine Dokumentenmappe.

Darin befindet sich auf wenigen Seiten sein Leben: Papiere aus Krankenhäusern, Zeugnisse der Bundeswehr. Und sein Pass. Es ist ein deutscher Pass. Er ist aber nicht dunkelrot, sondern mittelblau und in der Ecke oben links befinden sich zwei schwarze Balken. Es ist ein Flüchtlingspass. Nagibulla hat sich um politisches Asyl in Deutschland bemüht und es erhalten. Er hatte das Glück, wie er es sieht, dass sich sein Bein 2008 wieder entzündete. In Afghanistan gab es keine Möglichkeit es zu retten, aber ein Bundeswehrarzt organisierte als Privatmann für ihn eine Operation in Deutschland. Hier stellt er einen Asylantrag. So kam er über das Auffanglager Eisenhüttenstadt schließlich nach Hennigsdorf am Stadtrand von Berlin. Hier wohnt er nun und arbeitet als Nachbarschaftshelfer.

Fühlt er sich eigentlich von der Bundeswehr im Stich gelassen? „Ja“, sagt er. Ich habe ihnen drei Jahre lang geholfen. Ich habe alles gemacht, ob es gut oder schlecht war. Jetzt sagt uns die Bundeswehr, wir gehen, ihr müsst selbst zusehen, wie ihr zurechtkommt. Tschüss.“

An diesem Morgen war Nagibulla bei Schülern des Puschkin-Gymnasiums in Hennigsdorf. Er wollte ihnen zeigen, wie ein politischer Flüchtling aussieht. „Ganz normal, nicht furchterregend, wie manche Leute denken.“ Schwarze Haare, breites Kreuz, tiefe Kerben im Gesicht. 1,70 Meter groß, 65 Kilo schwer, das linke Bein dünn und verdreht von einer Kinderlähmung, das rechte Bein amputiert. Sein deutsch ist fast fehlerlos. Er hat seine Geschichte erzählt.

„Geboren wurde ich in der Stadt Zabul, am 1.1.1987. So steht es in meinen Papieren, aber das haben nur die deutschen Behörden so zugeordnet. Denn bei uns weiß keiner genau, wann er geboren wurde. Zabul liegt zwischen Kabul und Kandahar. Meine Eltern sind Bauern, ich habe eine ältere Schwester und einen älteren Bruder. Sie sind verheiratet und haben Kinder. Meine Mutter ist gestorben, als ich klein war. Mein Vater hat wieder geheiratet. Alle werden meinetwegen bedroht und beschimpft. Aber was soll man machen? Als Kind bin ich auf eine Landmine getreten. Ich bin dann nach Kabul gebracht worden, weil in unserer Provinz die medizinische Versorgung unmöglich war.“

Nagibulla hat seine Operationen aufgehört zu zählen

Nagibulla erzählt diese Geschichte so regungslos, als würde er von einem fremden Kind berichten, das von seinen Eltern getrennt wurde. Das in Kabul anfangs die Sprache nicht verstand, weil dort Dari gesprochen wird, seine Muttersprache aber Paschtu ist. Das nur bis zur 7. Klasse in der Schule war, das später Jahre voller Schmerzen hinnehmen musste, zahlreiche Operationen. Wie viele? Er hat aufgehört zu zählen. Was die Schüler am meisten erstaunt, erklärt eine Lehrerin, sei, „dass die Bundeswehr sogar jugendliche Einheimische, die in Deutschland altersgemäß schulpflichtig wären, als Sprachmittler für sich arbeiten lässt“.

In der Wohnung unter Nagibulla wohnt Abdul Aziz Schirmohammad. Er ist 25, auch seine Beine sind verkrüppelt. Mudschaheddin haben ihn mit einem Gewehr beschossen, als er als kleiner Junge Ziegen hütete. Als nächstes erinnert er, wie sich im Krankenhaus Ärzte über ihn beugten und ihm die Beine abnehmen wollten. Auch er kam mit einer Hilfsorganisation nach Deutschland, wurde operiert, lernte deutsch. Als er mit zwölf zurückgeschickt wurde, waren die Taliban an der Macht. Schon auf dem Weg in sein Heimatdorf nordöstlich von Kabul, Taliban-Gebiet, allein im Auto mit einem Fahrer und zwei Koffern, rasierten ihm die Taliban die Haare ab, zerschnitten seine westliche Kleidung, seine Fotos und zerstörten seinen Walkman. Er schaffte es auf die deutsche Schule in Kabul. Danach lernte er Orthopädietechniker bei einer deutschen Firma, später wurde auch er Übersetzer bei der Bundeswehr. Dort traf er Nagibulla. Sie wohnten eine Zeit zusammen. Als Schirmohammad eine neue Hüfte brauchte, half Nagibulla ihm von Deutschland aus, nach Hennigsdorf zu kommen.

Schirmohammad steht auf seinen dürren Beinen im Gang der Asylberatung Hennigsdorf, als er davon erzählt. Es ist zehn Uhr morgens, es ist voll. Zur Zeit kommen mehr Flüchtlinge als sonst zur Beratung, auch aus Afghanistan, „weil die Lage dort gefährlich ist“, sagt die Asylberaterin Simone Tetzlaff. Schirmohammad ist fast jeden Tag hier, um anderen zu helfen. Er hat vor einigen Monaten die Aufenthaltsgenehmigung bekommen, aber da seine Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt wird, geht er gerade wieder zur Schule. In Lichtenberg. Zwei Stunden dauert der Schulweg pro Richtung.

Dreimal in der Woche trainiert er im Sportforum

Vor einigen Tagen hat auch Schirmohammad mit Gul Muhammad in Masar-i-Scharif telefoniert. Es sei gerade schlimm, habe Gul erzählt. An dem Tag seien sechs Leute erschossen worden. Einer von ihnen war Schirmohammads Onkel. Auch einer seiner Brüder wurde schon erschossen. Von den Taliban. Weil der auch er für die Ausländer gearbeitet hatte. Nach dem Tod seines Bruders hat er dessen Frau geheiratet und seine zwei Kinder angenommen, so, wie es in Afghanistan üblich ist. Er versucht sie nach Deutschland zu holen.

Rahim Nagibulla wollte sich trotz seiner Versehrtheit mehr bewegen als nur runter zum Supermarkt und wieder zurück. Seine Beraterin Simone Tetzlaff vermittelte ihn an den Paralympischen Sportclub in Berlin. Nun trainiert er dreimal in der Woche im Sportforum Hohenschönhausen. Sein Oberkörper sieht so ausgeformt aus wie der vom Turner Fabian Hambüchen. Seine Handflächen sind schwielig und tief eingerissen. Das stört ihn aber nicht. Was ihn zermürbt, ist die lange Anfahrt. S-Bahn, Straßenbahn, Bus und zurück. Er könne nicht umziehen, sagt er, „es ist schwer, eine andere Arbeit und Wohnung zu finden“.

Er hofft jetzt auf eine beschleunigte Einbürgerung. Das ist prinzipiell möglich. Sportler werden in Deutschland ganz schnell eingebürgert, wenn sie dann für Deutschland starten, wie zum Beispiel der Mittelstreckenläufer Homiyu Tesfaye aus Äthiopien. Er bekam den Pass im Juli, zwei Jahre zuvor war er als Flüchtling gekommen. Aber er hat kein Handicap wie Nagibulla. Der ist seit vier Jahren hier.

Nagibulla ist mit seinem Leben trotz der Verletzungen „jetzt sehr, sehr zufrieden“. Und wenn er einen Wunsch freihätte? Dann würde er Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich gerne mal vom Lager der Bundeswehr in Masar-i-Scharif zur Blauen Moschee mit dem Taxi fahren lassen, das dauere eine halbe Stunde. Nur einmal raus aus dem Lager. „Dann soll er mir sagen, wie er sich fühlt.“