Berlins Tierschützer liegen miteinander über Kreuz. 2008 hatten der Berliner Tierschutzverein und der Bundesverband Tierschutz mit dem Beauftragten des Senats einen Tierschutztag kreiert, den man jedes Jahr am 3. Oktober zusammen feiern wollte. Doch in diesem Jahr findet die Veranstaltung, bei der auch der Berliner Tierschutzpreis verliehen wird, ohne die größte politische Tierschutzvereinigung Berlins statt. Der Tierschutzverein und der Bundesverband, die sich zum Bündnis Tierschutzpolitik zusammengeschlossen haben, boykottieren die Veranstaltung am Sonnabend. Sie protestieren damit gegen die Politik des Senats, die ihrer Meinung nach das Tierwohl zu wenig berücksichtigt.

Gestritten wird beispielsweise um Katzen und Hunde. Von denen gibt es in Berlin eine Menge. 200.000 Katzen sollen sich die Berliner schätzungsweise halten, dazu kommen rund 100.000 gemeldete Hunde und wahrscheinlich weitere 150.000, die nicht registriert sind. Die Zahlen steigen. Deshalb will der Tierschutzverein, dass Besitzer von freilaufenden Katzen verpflichtet werden, ihre Tiere kastrieren beziehungsweise sterilisieren zu lassen. Denn Katzen vermehren sich rasant. Bei jedem Wurf kommen bis zu sechs Kätzchen zur Welt.

Der Berliner Tierschutzverein will eine solche Regelung auch aus ökonomischen Gründen. Denn Katzen, die keiner will, landen meist im Tierheim im Hausvaterweg in Lichtenberg. Das wiederum wird vom Berliner Tierschutzverein finanziert und kostet ordentlich Geld. Insgesamt rund drei Millionen Euro im Jahr. Wie Ulf Hoffmann, Pressesprecher des Vereins sagt, kommen nur rund 360.000 Euro vom Senat. Der Rest wird durch Spenden finanziert sowie durch die Beiträge der 15.000 Vereinsmitglieder, die monatlich 20 Euro zahlen. Der Tierschutzverein will also mit weniger Fundkatzen auch dem Kostendruck entgehen.

Der Senat hält eine Kastrationspflicht dagegen für wenig hilfreich. Denn Katzen sind nicht meldepflichtig – also könnte eine Kastrationspflicht nicht überprüft werden, geschweige denn könnten Verstöße dagegen geahndet werden.

Zweiter Streitpunkt sind die Hunde. Der Senat hat eine rigide Liste von gefährlichen Rassen und Kampfhunden erlassen, die in die Tiersammelstelle gebracht werden mussten und müssen. „Diese Tiere sind kaum vermittelbar“, sagt Tierschutzverein-Sprecher Hoffmann. Die Folge: Diese Hunde sind bis zu 400 Tage im Heim, verursachen Kosten, die vom Senat aber nur für die ersten 30 Tage übernommen werden. Auf den restlichen Kosten bleibt der Tierschutzverein sitzen. Kampf- und andere gefährliche Hunde sollten erst nach einer Einzelprüfung in die Tiersammelstelle gebracht werden, sagt Hoffmann. Denn nicht jedes dieser Tiere sei tatsächlich gefährlich.

Zwei neue Versuchslabore

Ein weiterer Streitpunkt sind Tierversuche. Der Tierschutzverein und der Bundesverband Tierschutz werfen dem rot-schwarzen Senat vor, dass er sich nicht an den Koalitionsvertrag hält. Laut dem sollte es in Berlin eine Einschränkung der Tierversuche geben, zudem sollten tierversuchsfreie Alternativmethoden gesucht werden. Stattdessen gebe es zwei neue Tierversuchslabore – vom Max-Delbrück-Centrum (MDC) und die Forschungseinrichtungen für Experimentelle Medizin (FEM). „Berlin ist und bleibt die Hauptstadt der Tierversuche“, so die Tierschützer.

Nach Angaben des Tierschutzbeauftragten des Senats, Horst Spielmann, wurden 2013 exakt 422 175 Wirbeltiere für Forschungszwecke eingesetzt. Dabei gab es nach seinen Angaben aber auch einen Rückgang. Im 2013 starben 27 022 Mäuse weniger als im Jahr davor. Die Einrichtung von Tierversuchsanstalten fällt nicht in seine Kompetenz – verantwortlich dafür ist das Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Die Tierschützer fordern außerdem ein Verbot von Pferdekutschen in der Innenstadt und von Zirkussen mit Wildtieren in Berlin. Doch der Senat zeige hier wenig Interesse, so ihre Kritik.