Berlin - Berlin steht vor einer verkehrspolitischen Weichenstellung. Soll das U-Bahn-Netz erweitert werden – oder setzt die Stadt weiter auf den Ausbau der Straßenbahn? Im Senat reifen Ideen, wo neue U-Bahn-Strecken entstehen könnten. Doch Beobachter fragen sich, wie die Bauvorhaben finanziert werden sollen. „Wenn diese teuren Ideen umgesetzt würden, gäbe es für andere Projekte, etwa bei der Straßenbahn, im Regionalverkehr oder der S-Bahn, kein Geld mehr“, gab ein Planer zu bedenken. Berlin sei auf Zuschüsse des Bundes angewiesen,

Ein jahrzehntealter Streit könnte wieder hochkochen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg auch Berlin daran ging, eine autogerechte Stadt zu planen, geriet die Straßenbahn unter Generalverdacht. Sie sei ein Verkehrshindernis, hieß es. Und so wurde das unterirdische Schienennetz ausgebaut, während die „Elektrische“ im Osten Berlins vom Alexanderplatz verschwand und in West-Berlin unter dem Jubel vieler Bürger 1967 sogar ganz eingestellt wurde.

240 Millionen Euro pro Kilometer

Heute gibt es nur ein U-Bahn-Neubauprojekt: die Verlängerung der U5 in Mitte. Wenn die Strecke zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor Ende 2020 fertig ist, stellt sich die Frage, ob Bauleute und Planer Anschlussaufträge erhalten. „Berlin konkurriert mit Städten wie München, wo in die U-Bahn investiert wird“, sagte ein Insider. „Gibt der Senat jetzt kein Signal für weitere Strecken, droht die Abwanderung. Es dürfte schwierig werden, später wieder neue Kapazitäten aufzubauen.“

Ein Kilometer U-Bahn kostet jedoch einen dreistelligen Millionenbetrag, bei der U5 sind es 240 Millionen Euro. Ein Kilometer Straßenbahn ist ab zehn Millionen Euro zu haben. Trotzdem gibt es im Senat Stimmen für den U-Bahn-Ausbau – obwohl Kritiker das für unrealistisch halten. In der Senatskanzlei ist man für neue Strecken; auch Staatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) hält dies in der wachsenden Stadt für sinnvoll. Dabei sieht der Koalitionsvertrag keine neue U-Bahn, sonder n viele neue Straßenbahntrassen vor. Bei der SPD und im Westen der Stadt hat die Tram aber nicht nur Fans.

Drei Machbarkeitsstudien

Mit Hochdruck wird in der Senatskanzlei und der Grundsatzabteilung der Verkehrsverwaltung an einem Plan gearbeitet. Die Berliner Morgenpost berichtete, dass die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) drei Machbarkeitsstudien in Angriff nehmen sollen.

Die U6 soll einen Abzweig zum Flughafen Tegel erhalten, wo nach dem Ende des Luftverkehrs die „Urban Tech Republic“ entsteht – mit Wohnungen, Gewerbe und Forschung. Für die U7 soll eine Verlängerung von Rudow zum Bahnhof Schönefeld geprüft werden. Die U8 könnte ins Märkische Viertel fahren. „Keine Bestätigung, kein Dementi“, sagte Matthias Tang, Sprecher der Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) am Sonntag.

„Alle Projekte sind am Stadtrand und tragen nichts zur Netzverknüpfung bei“, entgegnete Christfried Tschepe vom Fahrgastverband IGEB. „Vorteile hat die U-Bahn nur in der dicht bebauten Innenstadt. Am Stadtrand muss die Erschließung durch Straßenbahn und Bus mit kürzeren Halteabständen erfolgen.“

Offenbar gehe es darum, Wünsche aus der Koalition zu befriedigen und Kritiker am Tram-Kurs ruhigzustellen, so ein anderer Beobachter. Er berichtete, dass die Dreierliste noch nicht der letzte Stand ist. Die Verlängerung der U7, für die sich vor allem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) eingesetzt hatte, würde durch locker bebaute Wohngebiete führen und weit vor dem BER enden. Damit der von Staatssekretär Kirchner favorisierte U6-Abzweig in Tegel das für mehrere tausend Wohnungen vorgesehene Kurt-Schumacher-Quartier erschließen kann, wären enge Kurven nötig.

Mit der U7 ins Falkenhagener Feld

Nach Informationen der Berliner Zeitung werden im Senat auch andere Erweiterungen diskutiert. Eine Idee sieht vor, die U7 über Rathaus Spandau hinaus in die Großsiedlung Falkenhagener Feld zu verlängern.

Und dann sind da noch zwei Projekte aus Michael Müllers Prüfliste vom Juli 2017, von denen heute nur noch wenig zu hören ist. Danach sollte die Verwaltung untersuchen, ob die U1 zum Adenauerplatz führen kann – doch schon damals wurde davor gewarnt, dass das Ärger mit Kudamm-Anliegern geben könnte. In Pankow sollte die U2 erweitert oder die U9 dorthin erweitert werden – doch letzteres wäre sehr teuer.

Die neuen Pläne finden nicht überall Zuspruch

„U-Bahn-Planungen, die womöglich in weiter Ferne liegen, jetzt zu diskutieren, halte ich nicht für zielführend“, sagte Matthias Dittmer von der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Grünen. „Das Straßenbahnnetz soll erweitert werden. Darauf sollten sich auch die nicht ausreichend vorhandenen Planungskapazitäten der Senatsverwaltung konzentrieren.“

Dagegen kritisierte der frühere Flughafen-Chef Hans-Henning Romberg, weiterhin verkehrspolitisch aktiv, den Kurs pro Straßenbahn: „Ein Gleistransportmittel, das anderen Platz wegnimmt, ist kein gutes Transportmittel. Es müssen U-Bahnen gebaut werden, wie in München, Peking, Shanghai, Hongkong.“