Berlin - Der Händedruck fest, die Statur kräftig, die Stimme laut. David L. tritt sehr bestimmt auf, wenn er Besuchern seinen Arbeitsplatz zeigt – sein Auftreten passt zu diesem extra-herben Arbeitsplatz. Der 33-Jährige, der darum bittet, seinen vollständigen Namen nicht zu veröffentlichen, arbeitet im Knast. Er ist Justizvollzugsbediensteter im Gefängnis Moabit.

Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit ist ein verschachtelter Gebäudekomplex aus vier Einzelhäusern, das älteste ist 130 Jahre alt. Das Alter fällt besonders auf, wenn man den Bau vergleicht mit dem modernsten Berliner Gefängnis, der mauerlosen JVA Heidering bei Großbeeren, die voriges Frühjahr eröffnet wurde: Gut, Moabit ist nicht Mandelas Robben Island, aber es hat dicke Mauern, fahle Wandfarben, viele Gitter, unzählige Treppen und Gänge, zwischen den Etagen sind Netze gespannt. Es gibt Zellen, in denen Inhaftierte nur kurz untergebracht werden, weil sie für einen längeren Aufenthalt nicht mehr zumutbar sind. Überall ist es laut, von irgendwoher hallen Schritte, Türen schlagen, Gitter scheppern, Stimmfetzen klingen nach. Es ist kein Ort für zarte Seelen, ein bestimmtes Auftreten wie das von David L. hilft .

977 Männer aus 50 Ländern

Dennoch brauchen L. und seine Kollegen Hilfe bei der Arbeit. Derzeit sitzen in Moabit 977 Inhaftierte ein, bis zu 1100 dürften es sein. 471 von ihnen sind Untersuchungshäftlinge, die auf ihren Prozess warten. Der Rest verbüßt kurze Strafen, etwa für notorisches Schwarzfahren oder das Fahren ohne Führerschein.

340 Angestellte arbeiten in Moabit. Jetzt sollen es wieder mehr werden, nach einer Zeit der Unterbesetzung. Aktuelle Zahlen ergeben, dass die Justiz 2013 im zweiten Jahr in Folge mehr als 30 Prozent weniger Nachwuchs eingestellt hatte als in den jeweiligen Vorjahren.

Am 31. Januar endet die Bewerbungsfrist für 40 Azubis (Männer wie Frauen), die im Mai beginnen. Ende Februar endet die Frist für den zweiten Durchgang. Und die Perspektiven sind gut. So wurde der letzte Lehrgang, der voriges Jahr fertig wurde, komplett übernommen und verbeamtet. Das Einstiegsgehalt liebt bei etwa 1830 Euro brutto.

Dafür sind die Arbeitsbedingungen anspruchsvoll. Die Frühschicht beginnt um sechs. „Erst machen wir Lebendkontrolle“, sagt David L., alle Zellen einer Station werden geöffnet, die Gefangenen angeschaut. Auf einer Station liegen bis zu 45 Männer. Danach geht es Schlag auf Schlag: Frühstück, Gefangene zur Arbeit bringen, Mittagessen, den Freigang auf dem Hof beaufsichtigen, Inhaftierte zum Arzt begleiten. „Es ist laufintensiv“, so David L. , jeder Schritt wird protokolliert.

Zufällig im Gefängnis

„Ich bin zufällig im Gefängnis gelandet“, erzählt er. Nach Abitur und Bundeswehr habe er einiges ausprobiert, sogar gekellnert. „Kurz vor der Verzweiflung habe ich mich hier beworben“, sagt er. Er ist im 7. Jahr dabei. „Ich habe es nie bereut.“ Er möge seine Arbeit, vor allem der Umgang mit Menschen, und seien es Dealer, Räuber oder Mörder.

„Es ist wichtig, respektvoll und doch distanziert mit jedem umzugehen“, sagt David L. „Nicht wie früher, hierarchisch und von oben herab. Willkür und Schikane gehören nicht zu unserem Job. Aber es muss auch nicht zu ernst und steif sein. Wir wollen ein möglichst entspanntes Verhältnis.“ Dennoch bleiben Aggressionen nicht aus, so wurden in einem Jahr elf Tätlichkeiten gegen Kollegen registriert, die Zahl der Tätlichkeiten der Gefangenen untereinander liegt weit höher. Man müsse eben versuchen, zu mäßigen, sagt L. Und doch bestimmt auftreten. Viele Gefangene nennen die Bediensteten „Meister“. Immer noch besser als „Wärter“ oder „Schließer“ – Begriffe aus alten Zeiten, die längst schon nicht mehr stimmten, sagt L.

Was so einfach klingt, bleibt notwendigerweise eine Herausforderung. Deshalb werden Angestellte mit Lebenserfahrung und Menschenverstand bevorzugt, auch Ältere (das Höchstalter für Azubis ist 40!), junge Heißsporne gibt es genügend – es sind meist die auf der anderen Seite der Gitter.

Und die Verwaltung sucht Angestellte mit Migrationshintergrund. Im Knast sitzen Inhaftierte aus 50 Nationen. Da kann es nur helfen, dass jemand wie Serhat A. in Moabit arbeitet. Der türkischstämmige, 45-jährige frühere Politologie-, Soziologie- und Publizistikstudent („Aber ohne Abschluss“) begleitet die Häftlinge zu ihren Anwälten – und hilft auch mal als Dolmetscher aus. Noch, sagt Serhat A., gebe es nur wenige Kollegen mit ausländischen Wurzeln. Das müssten mehr werden. „Wir müssen uns der Realität anpassen.“ Draußen wie drinnen.