Knappes Angebot, zu wenig Beratung: Das Drama um die Berufsausbildung in Berlin

Schulabgänger haben es in Berlin seit jeher schwerer, eine passende Azubi-Stelle zu bekommen. Die Lage hat sich etwas gebessert. Gut ist sie nicht.

Der Beruf des Tischlers gehört zu den fünf beliebtesten Ausbildungsberufen im Berliner Handwerk.
Der Beruf des Tischlers gehört zu den fünf beliebtesten Ausbildungsberufen im Berliner Handwerk.dpa/Felix Kästle

Bundesweit läuft es in Sachen Berufsausbildung offenbar sehr gut. Die Entwicklung zum Bewerbermarkt habe sich fortgesetzt, sagte Andrea Nahles, die seit August die Bundesagentur für Arbeit führt, zur Wochenmitte und nannte Zahlen. Demnach konnten die insgesamt 422.400 jungen Menschen, die im vergangenen Ausbildungsjahr in Deutschland einen Beruf erlernen wollten, aus 546.000 Ausbildungsplätzen wählen. Nahles’ Schlussfolgerung: „Noch nie seit der Wiedervereinigung waren die Chancen auf eine Ausbildungsstelle so gut.“

Dass die Realität in Berlin indes eine ganz andere ist, belegen Zahlen, die am Donnerstag veröffentlicht wurden. So hatten sich nach Angaben der hiesigen Arbeitsagenturen zwischen Oktober 2021 und dem diesjährigen September dort genau 20.902 Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz gemeldet. Ihnen standen in diesem Zeitraum allerdings nur 15.016 betriebliche Ausbildungsplätze zur Verfügung. Vier Bewerber auf drei Stellen also. Das ist das Gegenteil von Bewerbermarkt und guten Chancen.

Dabei hat sich die Situation in Berlin insbesondere nach dem dramatischen Einbruch des Ausbildungsplatzangebots während der Corona-Pandemie bereits verbessert. So kamen im vergangenen Jahr in den Betrieben tatsächlich mehr als 1000 Ausbildungsplätze neu hinzu. Das ist ein Plus von 7,4 Prozent. Dennoch hatten Ende September 3135 Bewerber in Berlin noch keinen Ausbildungsplatz. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass zugleich 1502 Azubistellen in Berlin nicht besetzt werden konnten. Das waren 390 mehr als im Jahr zuvor.

Wenngleich es in Berlin neben den betrieblichen Ausbildungsplätzen noch zahlreiche Lehrstellen in den Oberstufenzentren gibt, bleibt die Lage prekär. „Auf dem Berliner Ausbildungsmarkt besteht weiterhin eine deutliche Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage“, sagt Alexander Fischer, Staatssekretär für Arbeit in der Senatssozialverwaltung. Es sei nicht hinzunehmen, dass so viele junge Menschen ohne berufliche Perspektive bleiben.

IHK: Lehrstellenlücke nicht zu erkennen

Zustimmung kommt von der Berliner Arbeitsagentur-Chefin. „Wir brauchen mehr Praktika, eine bessere Berufsorientierung insbesondere in den Gymnasien und mehr betriebliche Ausbildungsplätze“, sagt Ramona Schröder und verweist dabei auch auf den drängenden Nachwuchsbedarf. In den nächsten zehn Jahren, so sagt sie, werde etwa jeder fünfte Beschäftigte in Berlin in Rente gehen. Auch Nele Techen, Vize-Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin, fordert mehr Engagement der Unternehmen. Trotz des beklagten Fachkräftemangels würden noch immer „viel zu wenige von ihnen“ Ausbildungsplätze anbieten.

Obwohl auch Berliner Unternehmer in Konjunkturumfragen tatsächlich regelmäßig den Fachkräftemangel mit an erster Stelle nennen, wenn sie nach Hemmnissen für weiteres Wachstum befragt werden, bewertet man die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in der hiesigen Wirtschaft etwas anders.

Eine Lehrstellenlücke ist auf dem Berliner Ausbildungsmarkt nicht zu erkennen“, sagt Stefan Spieker, Vizepräsident der IHK. Das Problem sei, dass Bewerber nicht besser mit den noch freien Ausbildungsstellen zusammengebracht  werden können. Spiekers Vorschlag: Ausbildungsbotschafter, um Ausbildungsberufe erlebbar zu machen. Die Berliner Wirtschaft stehe als Partnerin für eine konzertierte Ausbildungsoffensive zur Verfügung.

Thoralf Marks, der bei den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg das Referat Ausbildungspolitik leitet, sagt, dass der allergrößte Teil der Betriebe das Thema Ausbildung ganz oben auf dem Zettel habe. Trotzdem müsse eine Menge geschehen, damit das System zukunftsfähig wird. „Wir brauchen eine bessere Schulqualität und eine intensivere und frühere Berufsorientierung für die jungen Menschen“, sagt Marks.

IHK-Mann Spieker unterstützt das mit Zahlen aus Umfragen unter Unternehmern, die junge Menschen selbst ausbilden. Danach seien rund 90 Prozent der Unternehmen mit der Berliner Schulpolitik unzufrieden. 59 Prozent der Ausbildungsbetriebe benennen die mangelhafte Schulqualität als größtes Hemmnis für die Zukunftsfähigkeit der dualen Ausbildung. Laut Spieker biete über ein Drittel der Berliner Ausbildungsunternehmen bereits heute Nachhilfe für ihre Auszubildenden an. Und: „28 Prozent der Ausbildungsunternehmen sagen, dass sie mehr ausbilden würden, wenn es in der Ausbildung bessere Instrumente gäbe, die Unternehmen bei der Schließung von Bildungslücken unterstützen.“

Wie drängend das Problem ist, zeigt übrigens auch die jüngste Berliner Arbeitslosenstatistik. Dort stieg die Zahl derer, die sich in der Altersgruppe zwischen 15 und 20 Jahren im Oktober als arbeitslos registrieren ließen, um 536 auf 4275. Begründung laut Arbeitsagentur: „Es handelt sich um Jugendliche, die keine Ausbildung begonnen haben und ab dem 1. Oktober als arbeitslos registriert wurden.“ Die Arbeitslosenquote dieser Altersklasse stieg im Oktober in Berlin auf 12,9 Prozent.