Die Zwischenrufe aus dem Publikum, das an diesem Freitag im Schwurgerichtssaal 700 sitzt, sind laut zu hören. „Sie haben ja keine Ahnung“, ruft jemand. Dann folgt ein lautstarkes „Oh, man“. Ein Pfiff ertönt, als der Vorsitzende Richter Peter Schuster bei einem der Angeklagten von einem Geständnis redet, das von Reue getragen gewesen sei. Schuster muss mehrmals seine Urteilsbegründung unterbrechen und für Ruhe sorgen.

Die sieben Männer auf der Anklagebank gehören zu einer bosnischen Großfamilie, die Männer im Publikum zu einem anderen Familienclan. An diesem Freitag geht vor der 40. Großen Strafkammer nach 76 Verhandlungstagen ein Mammutverfahren zu Ende. Rund 60 Zeugen wurden gehört.

Tumult im Gerichtssaal

Es ging in diesem Verfahren um die tödliche Fehde zweier bosnischer Großfamilien im Dezember 2015 im Wedding, bei dem ein Mann starb und drei weitere Männer lebensgefährlich verletzt worden. Die Opfer waren Verwandte der Männer, die der Richter immer wieder auffordern muss, nicht zu stören.

Peter Schuster verhängt an diesem Tag gegen drei der Angeklagten hohe Haftstrafen. Ferid R., ein 44-jähriger Mann mit Zopf, muss wegen Totschlags und versuchten Totschlags für 13 Jahre hinter Gitter. Seinen ein Jahr jüngeren Bruder Zaim R. schickt die Kammer für elf Jahre ins Gefängnis. Ferids 23-jährigen Sohn Muradif R. verurteilen die Richter zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren und sieben Monaten. Zwei weitere Mitglieder der Familie kommen wegen gefährlicher Körperverletzung mit einer Geldstrafe von jeweils 1350 Euro davon. Zwei Angeklagte spricht der Vorsitzende Richter frei.

Er machte sich über die Verletzten lustig

Der Richter erklärt in seiner Urteilsbegründung, dass der Anlass für den tödlichen Streit auf offener Straße ein „an sich harmloser Vorfall“ gewesen sei. Am 12. Dezember 2015 hätten sich Angehörige der eigentlich seit langem befreundeten Familien in einer Sportbar getroffen. Dabei habe ein angetrunkenes Mitglied der Familie R. einen Angehörigen der Familie H. mit einer Wasserflasche beworfen – „aus einer Laune heraus“, wie der Richter sagt. Beim zweiten Wurf sei das Glas zersprungen, dass der Beworfene in seiner Hand gehalten habe. Die Scherben hätten ihm die Hand zerschnitten. Die Verletzungen seien so erheblich gewesen, dass der Verletzte in ein Krankenhaus gebracht und später noch einmal operiert werden musste.

Der Flaschenwerfer soll sich noch Tage später über den Verletzten lustig gemacht und sich allenfalls halbherzig entschuldigt haben. Daraufhin begannen die Beschimpfungen. Die Männer beider Familien hätten sich „aus vollen Rohren bis zum Anschlag beleidigt“, sagt Schuster. Am ersten Weihnachtsfeiertag verabredete man sich telefonisch zu einem Treffen vor einem Café in der Hochstädter Straße in Wedding – zu einer Aussprache.

Voll schuldfähig

Der Richter sagt, dass die Geschädigten unbewaffnet gewesen seien, eine körperliche Auseinandersetzung jedoch nicht ausgeschlossen hätten. Die Mitglieder der Familie H. hätten dagegen eine scharfe Waffe und Messer zu dem Treffen mitgebracht. „Die Angeklagten entschlossen sich, die Geschädigten fertigzumachen“, sagt Schuster. „Spätestens am Tatort fing einer an und die anderen machten mit.“

Am Ende des kurzen Tatgeschehens war ein 31-Jähriger tot – ein Schuss hatte ihn getroffen, ein Messerstich die Hauptschlagader verletzt. Der Mann verblutete auf offener Straße. Drei weitere Opfer – 36, 44 und 56 Jahre alt – erlitten durch Messerstiche lebensgefährliche Verletzungen. Einer von ihnen ist seitdem teilweise gelähmt. Ihm erkannte das Gericht ein Schmerzensgeld von 12.000 Euro zu.

Das Gericht hält die Verurteilten für voll schuldfähig. Auch eine Tat im Affekt könne man ausschließen, urteilt der Richter. Die Kammer würdigte die Tat jedoch nicht als Mord, wie es in der Anklage stand. Das Mordmerkmal der Heimtücke entfalle, da auch die Geschädigten mit einer körperlichen Auseinandersetzung gerechnet hätten, begründet Schuster.

Kaum Zeugenaussagen

Auch das Merkmal der niedrigen Beweggründe liege nicht vor. Schließlich habe es im Vorfeld schwerste Beleidigungen von beiden Seiten gegeben. Es habe sich um einen hochemotionalen Konflikt gehandelt, den die Geschädigten auch befeuert hätten.

Der Richter muss am Ende zugeben, dass das Gericht vieles nicht habe aufklären können. „Wir bedauern, dass Zeugen nicht zeitnah vernommen wurden“, sagt Schuster. Dass hätte vielleicht Licht ins Dunkel bringen können. Das Gericht geht davon aus, dass noch weitere Angehörige der Familie R. an der Tat beteiligt waren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.