Jeder kennt die Kulturbrauerei an der Schönhauser, den Schöneberger Gasometer, die ehemalige Kindl-Brauerei in Neukölln oder auch die Zitadelle Spandau. Alles imposante, stadtgeschichtlich bedeutende Bauwerke, die zu Recht beliebt sind. Doch Berlin hat noch viel mehr zu bieten: Die Stadt ist voller Industriedenkmäler, die ihrerseits allesamt spannende Geschichten zu erzählen haben.

Viele Industriebauten kennt man vom Vorbeifahren, andere wiederum sind echte Geheimtipps – zumindest außerhalb ihrer Kieze. Die meisten Industriedenkmäler werden heute für Kunst und Kultur genutzt, oder es haben sich Restaurants, Start-ups, Händler eingemietet.

Wo Sie fünf der spannendsten Industriedenkmäler finden, was Sie dort erwartet und wie Sie hinkommen, erzählen wir Ihnen hier. Und so viel sei vorab verraten: Nicht nur oben an der Spree riecht Berlin nach Backsteinen und Benzin …

1. Schöneberg: Biotop an der Malzfabrik

Erholungspark, natürliches Biotop, Eventlocation, Kreativzentrum – und wunderschöne alte Klinkerfassaden, die vor allem durch markante Metallhauben auf den vier Schloten geadelt werden. Das knapp 50.000 Quadratmeter große Gelände der ehemaligen Schultheiß-Malzfabrik ist auf sehr vielen Ebenen beeindruckend. Die Schlote, sogenannte Darrhauben, waren einst wichtig für die Malzproduktion, heute sind sie nur noch Dekoration. Viele Start-ups haben sich hier niedergelassen, Kreative und Künstlerinnen (aktuell mehr als 80 Mietparteien), Nachhaltigkeit wird großgeschrieben.

Mit dem Bau dieser riesigen Mälzerei wollte Schultheiß im letzten Jahrhundert sicherstellen, dass die Qualität seiner gebrauten Biere konstant gut bleibt. Und das ging eben nur, wenn man jeden Produktionsschritt in der Hand hat, ihn nicht outsourct oder auf Zulieferer angewiesen ist. Gebaut wurde das Ensemble während des Ersten Weltkriegs, und das binnen drei Jahren (Architekt: Richard Schlüter). Zu dem Komplex gehören neben der reinen Produktionsstätte auch Pferdeställe, ein Waggonschuppen sowie ein herrschaftliches Verwaltungsgebäude.

Den Zweiten Weltkrieg und die Teilung Berlins hat die Mälzerei, einstmals die größte ganz Europas, mehr oder weniger gut überstanden. Sie ist ein Zeugnis Berliner Geschichte und der hiesigen Industriekultur des 20. Jahrhunderts. Wer das hautnah erleben und erspüren möchte, kann sich zu einer Führung anmelden. Diese werden zweimal pro Monat (alle 14 Tage samstags) für 17,50 Euro pro Person angeboten. Das Parkgelände samt Biotop und Strand sind frei zugänglich.

Wann, wo, wie? Bessemerstraße 2–14, 12103 Schöneberg. Vom U-Bahnhof Alt-Tempelhof (U6) sind es etwa zehn Minuten zu Fuß. Öffnungszeiten: montags bis freitags von 7 bis 21 Uhr, samstags 9.30 bis 15 Uhr, sonntags geschlossen.

2. Spandau: Autos gucken in einer Munitionsfabrik

Direkt an der Havel befindet sich die Motorworld Manufaktur, ein 43.000 Quadratmeter großes Gelände, auf dem sich alles ums Auto dreht. Vier neue Hallen sind entstanden, weitere werden folgen, aber inmitten des Areals stehen auch Teile einer alten preußischen Munitions- und Gewehrfabrik, die Ende des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Später, vor rund 100 Jahren, zog die damals namhafte DKW Automobilfabrik ein – es entstand ein echter Auto-Produktions-Hotspot. Ab den 1960er-Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrtausends fertigte Bosch hier Antennen, dann lag das Areal lange brach.

2012 übernahm die Motorworld Group das Grundstück, baute Werkstätten und Ausstellungsräume. Einmal im Monat, an jedem 1. Sonntag, findet von 11 bis 13 Uhr das sogenannte markenoffene Motorcafé statt. Jeder, der sein Vehikel herzeigen möchte oder selbige bestaunen will, ist willkommen, vom Oldtimer über den getunten Neuwagen bis zum Bike. Es gibt Snacks und Getränke, der Eintritt ist frei.

„Wesentlich für das Projekt ist das Nebeneinander von alten und neuen Gebäuden. Die denkmalgeschützte ‚Alte Härterei‘ ist ein Zeugnis dafür, dass das Areal schon in der Kaiserzeit industriell genutzt wurde. Ihre Sanierung konnte bereits abgeschlossen werden, die Inbetriebnahme erfolgte 2019. Sie wird seitdem unter anderem von lizensierten Händlern der Marken Lamborghini und Aston Martin genutzt“, steht auf der Bezirks-Website spandau-bewegt.de. In der Härterei, zu erkennen an den Schrägdächern, wurden früher Getriebe produziert.

Insgesamt gibt es fünf sanierte denkmalgeschütze Industriegebäude aus der Zeit der Munitions- und Gewehrfabrik. Von außen sind alle zu besichtigen, auf dem Gelände kann man sich frei bewegen. Innen gibt es verschiedene Geschäfte rund um Mobilität, die man auf Nachfrage besuchen kann.

Wann, wo, wie? Zitadellenweg 30-70, 13599 Spandau. Vom U-Bahnhof Haselhorst (U7) kommt man in wenigen Minuten hin. Die Showrooms in der alten Härterei sind montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

3. Kreuzberg: Schlemmen im Abspannwerk

Der Bau erinnert ein bisschen an eine Kirche, aber hinter den dicken Backsteinmauern verbarg sich einst eines von insgesamt 40 städtischen Abspannwerken: Direkt am Paul-Lincke-Ufer (damals Kottbusser Ufer) gelegen, war das Abspannwerk Teil der Infrastruktur, die den Kiez ab den 1920er-Jahren mit elektrischem Licht versorgte und wurde alsbald mit dem Spitznamen „Kathedrale der Elektrizität“ versehen. Abspannwerke reduzieren die in Kraftwerken generierte Elektrizität, sodass sie unter anderem auch in Privathaushalten nutzbar ist.

1989 wurde das zwischen 1926 und 1928 errichtete Werk (Architekt: Hans Heinrich Müller) stillgelegt und denkmalgerecht saniert. Heute residiert dort das ziemlich schicke Restaurant Volt, das vornehmlich mit saisonalen und regionalen Produkten arbeitet. Ein Fünf-Gänge-Menü kostet 89 Euro, vegan 76 Euro. Versprochen: Auch das Auge kann hier genießen, weite Blickachsen, hohe Decken und raffinierte Arrangements auf dem Teller sei Dank.

Wann, wo, wie? Paul-Lincke-Ufer 21, 10999 Kreuzberg. Der nächste U-Bahnhof ist Schönleinstraße (U8), der Fußweg beträgt etwa 600 Meter. Das Restaurant ist von dienstags bis samstags zwischen 19 und 23 Uhr geöffnet.

4. Schöneweide: Sonnen auf der Leuchtfabrik

Egal, ob Sie mit dem Auto, Fahrrad oder mit dem Boot anreisen: Das „Sonnendeck“ hat für jedes Gefährt ein Parkplätzchen, also auch einen eigenen Bootsanleger, falls Sie über die Spree kommen. Die Location wirbt mit der längsten Sonnenterrasse Köpenicks, traumhaften Sonnenuntergängen und Party ohne Ende. Trinken, essen, quatschen, Aussicht genießen – alles geht.

Nun hat Berlin wirklich viele schöne wassernahe Hotspots, aber nirgends ist so viel time to shine wie am „Sonnendeck“. Denn die Bar ist Teil der Leuchtenfabrik, einem imposanten gelben Klinker-Ensemble, das Ende des 19. Jahrhunderts als Lampenfabrik Frister errichtet wurde: „Die Frister AG gründet 1897 die Fabrik direkt an der Spree. Bis 1916 füllt die größte Lampenfabrik Europas das Areal zwischen Wilhelminenhofstraße und Spree. Die verschiedenen Bauabschnitte sind an der Fassade sichtbar. Zur Straße hin sind die Fenster abgerundet, die Backsteine farbig gestaltet. Zum Fluss hingegen ist die geradlinige Architektur der Moderne um 1916 erkennbar“, wird auf der Berliner Industriekultur-Seite erklärt.

Und weiter heißt es dort: „In den 1920er-Jahren arbeiten 900 Beschäftigte bei Frister. Elektrisch betriebene Beleuchtungskörper sowie Kronleuchter und Tischlampen verlassen täglich die Fabrik. Das Unternehmen ist erfolgreich und nach dem Ersten Weltkrieg einer der größten Lampenhersteller Europas.“

Es folgten Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, Mauerbau und DDR, mit Höhen und Tiefen, zwischendrin der Konkurs, viele verschiedene Eigentümer, ein Hin und Her, andere Gewerke, neue Unternehmenszweige, nach dem Mauerfall kamen Künstlerinnen und Kreative. Heute gibt es neben dem Sonnendeck noch jede Menge andere Gewerbe und Dienstleister auf dem Gelände, ebenso Freizeit- und Kulturangebote.

Wann, wo, wie? Edisonstr. 63, 12459 Schöneweide. Vom S-Bahnhof Schöneweide (S8, S9, S45, S 46) sind es gute 20 Minuten zu Fuß. Geöffnet ist das „Sonnendeck“ täglich ab 11 Uhr, sonntags gibt es nur Brunch in der Zeit von 10 bis 15 Uhr.

5. Wedding: Der älteste U-Bahn-Tunnel

Fast hundert Jahre lang wurden am Humboldthain elektrischen Geräte, Eisenbahnzubehör, Maschinen, Motoren und schweres Gerät gefertigt. Noch heute beeindrucken die riesigen Hallen, auch wenn dort längst nicht mehr produziert wird, sondern Gewerbetreibende und Forschung ein neues Zuhause gefunden haben.

Die Allgemeine Electrizitäts Gesellschaft (AEG) wurde 1883 von dem Ingenieur Emil Rathenau, Vater des berühmten Walters, gegründet. Zunächst, 1888, gibt es die Apparatefabrik an der Ackerstraße (Architekt: Franz Schwechten), ein paar Jahre später, 1894, kommen neue Flächen hinzu: In dem Karrée Brunnenstraße, Gustav-Adolf-Straße, Volta- und Hussitenstraße entsteht eine richtige Fabrikstadt (Architekt: Peter Behrend und andere), indem AEG bauen, montieren, produzieren lässt. Damals war das Unternehmen ein weltweit führender Konzern.

1984 schließt AEG den Standort am Humboldthain – und damit auch die für den Normalbürger nicht zugängliche U-Bahn-Verbindung zum Firmen-Gelände an der Ackerstraße. An der Brunnenstraße ist vom einstigen Prunk nicht mehr viel zu sehen, außer das Beamtentor, durch das einstmals die leitenden Angestellten zur Arbeit schritten. Der AEG-Tunnel hingegen ist erhalten geblieben und kann sogar besichtigt werden. Die Berliner Unterwelten bieten Touren an.

Ans eigentliche U-Bahnnetz ist der 295 Meter lange AEG-Tunnel nicht angeschlossen, gilt aber als ihr Vorläufer. Gebaut wurde die unterirdische Röhrenbahn 1894 nach Londoner Vorbild. In dem Tunnel verkehrten Bahnen zwischen den beiden Industriestandorten, beförderten Personen ebenso wie Lasten. Heute gilt der AEG-Tunnel als ältester U-Bahn-Tunnel Deutschlands.

Wann, wo, wie? Voltastraße 5-6 (Hof neben Treppe 12.1), 13355 Gesundbrunnen. Erreichbar über den U-Bahnhof Voltastraße (U8). Wer den U-Bahn-Tunnel besichtigen möchte, muss Tour A bei den Unterwelten buchen (Preis: 15 Euro, Dauer: 90 Minuten). Termine sind im Online-Kalender des Anbieters einsehbar.