Es gibt viele populäre Buslinien in Berlin. Da ist die 100, die so viele Highlights abdeckt, dass man das Gefühl hat, durch einen Baedeker zu fahren. Da ist ihre bescheidenere Schwester, die M29. Durch viele verregnete Sonntage hat sie uns kutschiert, als die Kinder noch klein waren, auf ein Eis zum Kudamm und zurück. Der Einstieg am Hermannplatz erhöht die Chance auf die Plätze oben vorne. So wird man für ein paar Euro zum Premium-Fahrgast. Zu tragisch-komischer Berühmtheit hat es die M41 gebracht, der „Bus, der im Rudel“ fährt, wie es in dem Lied heißt, das „Die wartenden Fahrgäste“ 2014 als Single herausbrachten. Lange kommt keiner, dann gleich drei. Der TXL fällt schon durch seinen nummernlosen Namen aus dem Rahmen und hatte Jahrzehnte lang die vornehme Aufgabe, Menschen zu einem Flughafen zu bringen, der weder an das S- noch an das U-Bahn-Netz angeschlossen war.

Was mit Musik beginnt, kann nur gut werden

Diese Linien haben eine Freundin und ich nicht vor Augen, als wir uns zum Busfahren verabreden. Sie lässt sich genauso gern wie ich von den nervenstarken Fahrerinnen und Fahrern durch die Stadt chauffieren. Nirgends fühlt man sich mehr als Gast, was die Leistungen der anderen Öffentlichen nicht schmälern soll. Aber allein die Möglichkeit, beim Einstieg „Guten Tag“ zu sagen, vermittelt ein Gefühl von Privatheit. Ein bisschen wie beim Taxifahren, nur eben in Gemeinschaft mit anderen. Von denen man nicht weiß, in welchen unbekannten Ecken von Berlin ihre Reise endet. Die wollen wir kennenlernen, die Stationen in den Außenbezirken und kleinen Adern der Innenstadt. „Peripherie-Erfahrung“ nennt die Freundin ersteres, „Nischen-Erkundung“ nenne ich die Alternative.

Beginnen werden wir nun doch mit einer stolzen Zahl. Überwältigt von den Möglichkeiten schlug die Freundin vor, einen Startpunkt genau zwischen unseren Wohnungen zu wählen. Aus ihren Berechnungen ergab sich die Linie 300 von der Philharmonie zur Warschauer Straße. Warum nicht? Was mit Musik beginnt, kann nur gut werden. Die Peripherie läuft uns nicht weg. Sollte sie es doch versuchen, fahren wir ihr mit dem Bus hinterher. Dafür sind wir vorbereitet, denn um die Zeit bis zur ersten Fahrt zu überbrücken, schickten wir uns über Monate Videoschnipsel von immer neuen Routen. Eine Minute Bäume, Fassaden, Bushäuschen. Seitdem trage ich immer ein Stück bewegtes Berlin mit mir herum. Auch Abschnitte der 100 und der M29 sind dabei. Die M41 fehlt. Vermutlich kam sie nicht.