Ausflugsziel Neu Venedig in Köpenick: Am Canale Grande von Berlin

Die anderen fahren zum Schnorcheln auf die Seychellen, zum Sangria-Trinken nach Mallorca oder zur Ayurveda-Kur nach Goa. Finden wir auch schön. Doch wozu eigentlich Anreisestress, Visaanträge und Jetlag, wenn man in Berlin genauso gut um die Welt reisen kann? In unserer Sommerserie für alle Daheimgebliebenen begeben wir uns auf eine Entdeckungstour durch die Stadt. Heute: Neu Venedig in Köpenick.

Augen auf und genießen! Wer mit Tassilo Borchardt im Boot unterwegs ist, kann gar nicht anders. Die Fahrt führt vorüber an Trauerweiden, deren Zweige durchs Wasser streifen. An Enten, die durch Seerosenteppiche schwimmen. An schicken Sommerhäusern und sattgrünen Rasenflächen. In dem Urlaubs-Idyll ist Borchardt täglich mit dem Boot unterwegs. Das Wasser fließt quasi vor seiner Haustür. Der 78-Jährige wohnt in Neu Venedig im Südosten Berlins in Köpenick.

Das Grundstück, auf dem Borchardts rotes Fachwerkhaus steht, haben seine Eltern 1931 gekauft. Damals entstand dort ein Ort für Sommerfrischler und Wassersportler. Sechs Kanäle wurden ausgehoben. Ihr Wasser, bis zu 1,30 Meter tief, umfließt seither mehrere Inseln mit 450 Grundstücken.

Freizeitoase in Köpenick

Über 13 Brücken gelangt man zu ihnen. Nicht nur dies erinnert an den berühmten Namensgeber in Italien. Wie dort hat auch Neu Venedig eine Rialtobrücke. Romantiker sollten aber nicht zu viel verlangen – die Bücke ist weder gebogen noch anmutig, sondern eine schlichte Beton-Überführung, die den Ausläufer der Müggelspree, sozusagen den Canale Grande von Berlin, überspannt.

Die Freizeitoase wurde für viele der Bewohner auch zum Zufluchtsort, erzählt Tassilo Borchardt: „Im Krieg haben wir uns unter einer Fußgängerbrücke versteckt, aus Angst vor den Bomben.“ Beim Bombardement des Kugellagerwerks im nahen Erkner hätten die Holzhäuser der Kolonie geschwankt, erzählt er. Sein jüngster Bruder kam 1943 bei einer Hausgeburt im Sommerhaus zur Welt.

Nach dem Krieg verbrachte die Familie jeden Sommer dort. Die Gemeinschaft der Wasserfreunde, ein Verein, der seit 1933 besteht, kümmerte sich schon damals um Alte und Bedürftige und organisierte Feste im eigenen Vereinsheim. Das ist auch heute noch so. Im Vereinsheim am Finkenweg erfährt man alles über die Geschichte des Gebietes. Und man kann dort preiswert essen – es gibt 16 Fleisch- und neun Fischgerichte, keines ist teurer als 10 Euro.

Nach dem 13. August 1961 kamen die West-Berliner nicht mehr auf ihre Ost-Grundstücke. Ihre Parzellen wurden vom Bezirk Köpenick verwaltet und verpachtet – an auserwählte DDR-Bürger wie Minister, Betriebsdirektoren, Parteifunktionäre und Künstler. Viele mussten nach dem Mauerfall wieder ausziehen, die Grundstücke gingen zurück an die alten Besitzer oder deren Erben. Einige stehen heute leer. Borchardt zeigt auf eine überwucherte Wiese am Ufer. „600 Quadratmeter sollen für 220.000 Euro verkauft werden, ein Wahnsinn“, sagt er.

Dauerhaftes Wohnen am Ufer ist verboten

Dazu muss man wissen, dass es in Neu Venedig zwar Strom, aber keine zentrale Wasserversorgung gibt. Der Innenbereich des Gebietes gilt seit 2004 zudem als Erholungsgebiet, die Häuser dürfen maximal 60 Quadratmeter groß sein. Dauerhaftes Wohnen ist dort nicht mehr erlaubt. Borchardt ist eine Ausnahme, da er sein Sommerhaus vor 2004 winterfest gemacht hat.

Seit Jahren beobachtet er, wie sich das grüne Idyll verändert. Im Außenbereich, am Rialtoring und entlang der Fürstenwalder Allee, gilt keine Baubeschränkung. Dort entstanden teilweise riesige Villen, die so gar nicht in die Siedlung passen. „Wildwuchs“ nennt Borchardt das. So nennt er auch eine weitere Entwicklung – die explosionsartige Zunahme des Tourismus. An manchen Wochenenden, sagt er, stauten sich die Boote mit Neugierigen auf den Kanälen. Manche kämen gar mit dem Partyfloß und wunderten sich, wenn das nicht unter den Brücken durchpasst. „Und einige Gäste können sich nicht benehmen.“ Sie legten an den Privatgrundstücken an und nutzten diese ungeniert als Picknickplatz oder gar als Toilette.

Natürlich war Tassilo Borchardt auch schon im „richtigen“ Venedig. Dort findet er den Trubel noch viel nerviger. Teuer und laut fand er es dort. Jedenfalls sei er sehr gern wieder nach Hause gekommen.