Handy geklaut in der Berliner U-Bahn: In Mexiko ist mir sowas nie passiert

Unser Autor kommt aus Mexiko-Stadt, einer der gefährlichsten Städte der Welt. In Berlin wird er ausgeraubt. Die Spurensuche offenbart mexikanische Zustände.

Handy, Geld, Schlüssel, alles war weg. Unser Autor fährt trotzdem weiter U-Bahn in Berlin.
Handy, Geld, Schlüssel, alles war weg. Unser Autor fährt trotzdem weiter U-Bahn in Berlin.Benjamin Pritzkuleit

Als ich die Augen aufschlage, bin ich ganz allein in der Station Alt-Tempelhof der Linie U6. Ich nehme nur das Summen der weißen Lichter wahr, die die Station beleuchten. Es ist 6 Uhr morgens am Sonnabend, 2. Juli, und ich merke sofort, dass ich bestohlen wurde. Ich kann es nicht glauben, noch vor ein paar Stunden war ich so glücklich. Ich war auf dem großartigen Konzert von Frente Cumbiero, einer kolumbianischen Cumbia-Band, in Kreuzberg.

Ich fahre mit den Händen mehrmals durch meine Hosen- und Manteltaschen. Mein Handy, mein Portemonnaie und die Schlüssel sind weg. Ich habe die Wohnung gerade erst angemietet, das ist mein einziger Schlüssel. Stattdessen spüre ich unten in meiner linken Tasche einen Gegenstand, der dort nicht hingehört. Ich ziehe ihn heraus: ein lila Feuerzeug. Ich muss lächeln: Das Feuerzeug gehört nicht mir, ich habe es einer Freundin „gestohlen“, mit der ich nur wenige Stunden zuvor getanzt habe. Jetzt ist es das Einzige, was ich habe.

Aber immerhin, sage ich mir, das ist Deutschland, da hilft mir sicher jemand. Also gehe ich sofort zur Bahnhofswache. Ich klopfe mehrmals an die Tür, aber anscheinend ist niemand da. Ich gehe zur nächsten Station, aber auch dort ist niemand. Ich bin weit und breit der einzige Mensch, wie in einem Endzeitfilm. Ich will nach Hause, aber wie ohne Schlüssel in die Wohnung kommen? So langsam dämmert es mir: Keine Möglichkeit, jemanden anzurufen, kein Geld und kein Zuhause. Es ist mein dritter Tag in Berlin und ich bin schon am Ende.

Ich bin in Mexiko nie beraubt worden. Niemals

Ich kenne in ganz Berlin nur eine Person, die mir um 6 Uhr morgens die Tür öffnen würde, um mich aus dieser Situation zu retten: meine Ex-Freundin Anika. Keine ideale Lösung, aber es ist ein Notfall. Zum Glück öffnet sie die Tür. So ist sie eben, immer solidarisch.

Anika: Was ist mit dir passiert?

Ich: Ich wurde ausgeraubt.

Anika: Du wurdest nicht ausgeraubt, du bist eingeschlafen.

Ich: Ja, okay, ich schlief ein und wurde ausgeraubt.

Natürlich muss sie mir erst einmal widersprechen. I love her. Was sie aber meint, ist das, was wahrscheinlich auch jeder Leser dieses Textes denkt: Selbst schuld! Okay, ich weiß, aber gleichzeitig kann man damit keinen Diebstahl rechtfertigen.

Ich glaube, das ist es, was mich an der ganzen Situation am meisten verzweifeln ließ. Ich komme aus Mexiko-Stadt, mit mehr als neun Millionen Einwohnern eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt; die Stadt gilt international als „gefährlich“. Allerdings bin ich dort noch nie beraubt worden. Niemals.

Habe ich mich in Berlin zu sicher gefühlt?

Die U-Bahn von Mexiko-Stadt befördert täglich durchschnittlich 4,7 Millionen Menschen. Manchmal sind die Bahnhöfe so überfüllt, dass sich alle aneinanderdrängen. Wenn die U-Bahn dann endlich kommt, kämpfen die Menschen darum, einzusteigen. Die Wagen sind so überfüllt, dass die Leute oft von außen geschoben werden müssen, damit die Tür geschlossen werden kann. Wir sagen dann immer: Wir küssen das Glas der Türen.

In solchen Situationen muss man auf seine Hosen- und Jackentaschen immer achten. Wertsachen gehören nur in einen Beutel nahe am Körper. Viele tragen einen Rucksack immer vor sich auf dem Bauch. Die Realität ist, dass wir in Mexiko, ob in der Metro oder auf der Straße, immer aufpassen müssen. Vielleicht war das mein Fehler? Habe ich mich zu sicher gefühlt und aufgehört, aufmerksam zu sein?

Ein Anruf bei der Berliner Polizei: Allein im Jahr 2021 gingen bei der Berliner Polizei 4571 Meldungen über Raubüberfälle im U-Bahn-Verkehr ein, davon wurde bei 228 Gewalt angewandt. Im gesamten öffentlichen Verkehr kam es zu 10.230 Überfällen. Im gleichen Zeitraum meldete die Polizei von Mexiko-Stadt nur 1010 Raubüberfälle in der U-Bahn, davon 38 mit Gewalt, und 4075 in allen öffentlichen Verkehrsmitteln. Nach offiziellen Angaben werden in Mexiko-Stadt fast dreimal weniger Menschen ausgeraubt als in Berlin, wie ist das möglich?

Ein guter Freund erzählt mir, dass ihm das Gleiche in der Universität passiert ist. Auch er war eingeschlafen und alles war weg. Wer in den frühen Morgenstunden mit der U-Bahn fährt, sagte er mir, könne diese Menschen dabei beobachten. Sie suchen Menschen, die irgendwo sitzen und müde sind. Das ist besonders besorgniserregend für Frauen, die möglicherweise auch sexuell missbraucht werden könnten. Im Jahr 2021 meldete die Polizei 141 derartige Beschwerden in der U-Bahn.

Um fair zu bleiben: Die Zahlen aus Mexiko sind vielleicht nicht ganz korrekt, denn nur wenige erstatten eine Anzeige. In Deutschland gibt es dafür mehr Anreize. Ich musste zum Beispiel eine Anzeige erstatten, um eine Kopie der Schlüssel zu erhalten, die mir abgenommen wurden. Außerdem war das Verfahren wirklich einfach und schnell. Sie wollten nur wissen, ob ich Drogen konsumiert hatte (hatte ich nicht), und dann durfte ich gehen. Viel Hoffnung, meine Sachen zurückzubekommen, konnten sie mir allerdings nicht machen.

Mein Handy ist offenbar an der Hasenheide

Ein paar Tage vergehen, ich bekomme meine Schlüssel und kann bei Anika wieder ausziehen. Ein Freund leiht mir ein altes Handy, und so kann ich in Berlin neu anfangen. Nur aus Interesse versuche ich, über die App Find my iPhone den Standort meines Telefons zu ermitteln. Und voilà: Der blaue Punkt blinkt am Rande des Parks Hasenheide, ganz in der Nähe der U8-Station Hermannplatz. Am gleichen Tag noch gehe ich zu dem Ort.

Normalerweise mag ich es, dass in Berlin nicht alles so glatt und neu ist. Aber dieser Ort hat mich doch geschockt: Ein Hinterhof voller kaputter Bierflaschen, Spritzen, alte Kleidung, homophobe Graffiti-Sprüche – das sind nur einige der Details, die mich in diesem Viertel am meisten beeindruckt haben. Um den Eingang zu finden, frage ich den Betreiber eines nahe gelegenen Biergartens nach dem Weg. Er spricht fast kein Deutsch, aber er versteht sofort, was ich ihm sagen will. Er sagt: Dein Telefon wurde wahrscheinlich hier in dem Korridor verkauft, der den Park mit dem Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums verbindet.

Ich laufe dorthin, fühle mich wie in einer Stadt im Norden Mexikos, in der das organisierte Verbrechen alles unter seiner Kontrolle hat. Autos mit getönten Scheiben drehen ihre Runden, Menschen halten Wache, kleine Gruppen verstecken sich in den Ecken des Parks. Es ist für mich offensichtlich, dass ich in der Halbwelt gelandet bin. Ich versuche, mit einer Gruppe von Obdachlosen zu sprechen, frage sie, ob sie wissen, wo ich mein Handy zurückkaufen könnte. Aber sie drehen sich weg und möchten nicht mit mir sprechen.

Zwei Tage später schaue ich noch einmal in die App und sie zeigt mir den neuen Standort meines Telefons: Boulevard Constantin Negruzzi 363 in der Stadt Chisinau. Mein Telefon ist in Moldawien! Ich weiß nur wenig über Moldawien, der Wein soll ganz gut sein. Und offenbar ist mein Telefon gleich neben einem Gebäude namens BeerHouse. Unter den fünf Büros, die dort sind, ist auch das 2007 gegründete Deutsche Medizinische Diagnosezentrum. Ein deutsches Labor? In Moldawien? Was ist die Verbindung zur Hasenheide? Wie gut funktioniert das Verbrechernetzwerk, damit die 1500 Kilometer in so kurzer Zeit zurückgelegt werden? Soll ich mich selbst auf die Reise begeben? Was würde ich finden, wenn ich dorthin fahre?

Vor ein paar Tagen habe ich meine Freundin getroffen, der das lila Feuerzeug gehört. Ich habe es ihr zurückgegeben. Sie lacht und erzählt mir, dass dieses Feuerzeug schon viel überstanden habe: Es wurde fallen gelassen, es ist weit gereist, hatte verschiedene Besitzer. Als die Freundin vom Überfall hört, von der Hasenheide, von Moldawien, da muss sie immer lauter lachen. Ich hoffe, dass die Kräfte des Universums jetzt wieder im Gleichgewicht sind.

Ignacio Rosaslanda ist ein mexikanischer Journalist und im Rahmen des IJP-Stipendiums Austausch-Journalist bei der Berliner Zeitung.