Berlin/ Tel Aviv  - Mein Sohn Raphael wird bald Neun. Er ist ein kluger Bursche. Wirklich. Aber er ist auch frech. Und wie. Er liebt es mich auszulachen, wenn ich etwas auf Hebräisch nicht verstehe. Anfangs hat es ihn verwundert, dass er mir, seinem Vater, bestimmte Wörter erklären muss, die er im Unterricht durchnimmt, statt dass ich sie ihm erkläre. Doch er ist wie gesagt auch klug und versteht sehr wohl, warum es so ist wie es ist. Papa ist in seinen Augen nämlich kein richtiger Israeli, sondern eher ein Deutscher. Und deshalb kann er nun mal nicht alles auf Hebräisch wissen, wie er, ein achtjähriger Junge, der bald in die vierte Klasse aufsteigen wird.

So nennt der kleine Mann mich „Deutscher“ und ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Jedes Mal auf's Neue. Ich lache laut und aus vollem Herzen. Schließlich wurde ich während meiner 23 Jahre in Deutschland nicht ein einziges Mal „Deutscher“ genannt. Obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, das Abitur gemacht und an der Humboldt-, und Freien Universität studiert habe und 1997 für fast ein ganzes Jahr bei der Bundeswehr gedient habe.

Mehr Deutsch geht eigentlich nicht. Eigentlich. Doch wie das Leben so ist, ist es um einiges komplizierter.

Meine Eltern sind als persische Juden in den Wedding gezogen

Meine Eltern stammen aus dem Iran, sind Juden und zu allem Übel auch noch nach Wedding gezogen. So habe ich meine Jugend nicht wirklich im Deutschland der Deutschen, sondern im Deutschland der Ausländer, Migranten oder Deutschen mit Migrationshintergrund verbracht.

Nicht nur verbracht – sondern auch gelebt und vor allem überlebt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als einziger Jude unter Tausenden Muslimen hatte ich nicht immer einfache Tage. Nicht einfache Monate. Nicht einfache Jahre. Ich habe teilweise mit der Angst gelebt.

Warum? Es gab keinen wirklichen Grund. Ich habe niemandem etwas getan. Außer dass ich es gewagt habe, mich als Jude im Wedding anzusiedeln. Damit habe ich einigen Mitbewohnern schon genug getan. Sie wollten mich nicht auf „ihren Strassen“ sehen. Sie wollten mich nicht in „ihrem Bezirk“ antreffen.

Es waren harte Zeiten. Ich war doch erst dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahre jung. Was verstand ich schon vom Leben und der Welt? Was, verdammt nochmal, ging in diesen Menschen vor, dass sie mir gestern noch die Hand und zwei Küsschen auf die Wangen zur Begrüßung gegeben haben, und heute plötzlich nichts mehr? Mich plötzlich keines Blickes mehr würdigen, geschweige denn bereit sind, mir die Hand zu schütteln? Von Wangenküsschen ganz abgesehen.

Zentrale Plätze in Berlin vermeiden, um sicher nach Hause zu kommen

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Ganze zweieinhalb Jahrzehnte. Mittlerweile habe ich einen Sohn, der in wenigen Jahren so alt sein wird wie ich damals. Er wird sich aber zum Glück keine Gedanken machen müssen, wie er nach der Schule am sichersten nach Hause kommt und welchen zentralen Platz in der Gegend er lieber vermeiden sollte, um aggressiven Antisemiten nicht in die Finger zu geraten.

Ich bin 2001 aus Berlin ausgewandert, um meinen Kindern eine andere Realität zu ermöglichen. Ein Leben der Zugehörigkeit. Ein Leben als Jude. In Freiheit. Meiner damaligen Heimat Deutschland habe ich deshalb den Rücken gekehrt und 2001 ein neues Leben, fast von Null, in Israel begonnen. Mein Abenteuer hätte schiefgehen können. Doch es ist gut gelaufen. Vor kurzem habe ich mein zwanzigjähriges Jubiläum in Israel gefeiert.

Was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich in Berlin geblieben wäre? Wird Raphael es eines Tages nachvollziehen können, warum ich Berlin verlassen habe? Verlassen musste!

Während ich diese Zeilen schreibe, schlägt er schon seine Hausaufgaben auf. Der kleine Mann wird in wenigen Minuten höchstwahrscheinlich wieder ein neues Wort entdecken, das ich noch nicht kenne oder falsch aussprechen werde. Aber wenn er aus diesem Grund zumindest Spaß an seinen Hausarbeiten hat, dann ist das doch auch irgendwie eine positive Errungenschaft vom Papa. Oder etwa nicht?

Arye Sharuz Shalicar ist deutsch-persisch-israelischer Politologe und Schriftsteller.