Berlin-Mitte - Im historischen Zentrum Berlins wird ein Archäologischer Pfad entstehen, der zu bedeutsamen Orten der Berliner Stadtgeschichte führen wird. Das steht nach mehr als einem Jahrzehnt der gescheiterten Absichten, verworfenen Konzepte und mangelnden Ambitionen nun fest. 

Die Berliner Bürger haben den Verantwortlichen das Projekt durch beharrliche Neugier doch noch abgetrotzt. Das räumte am Dienstagabend Manfred Kühne, Abteilungsleiter Städtebau und Projekte in der Senatsverwaltung, ein: Die „armen, archäologisch ausgehungerten Berliner“ hätten in die Gruben der Archäologen, ob am Petriplatz, am Schloss, dem Dominikanerkloster oder an der Breiten Straße geblickt und seien immer wieder neu in Begeisterung verfallen.

Nach Ausgrabung: 25 Stationen in Berlins historischer Mitte sind geplant

Die Grabungen hatten zahlreiche überraschende Funde zutage gefördert, die unter anderem nahelegten, dass die Stadt viel früher gegründet wurde als bis dahin angenommen. Auch den ältesten Friedhof konnte man an der Petrikirche ausgraben sowie die Fundamente der Lateinschule, der ältesten Schule der Stadt.

Die Arbeit der Archäologen und das beharrliche Interesse der Öffentlichkeit an der Geschichte aus dem Untergrund bewirkten den Schub, der den alten Plan mit verbesserten Konzepten nun Wirklichkeit werden lässt – am Ende soll der Pfad 25 Stationen umfassen. Die bereits entstandenen oder in Aufbau befindlichen Stationen gehören zum Anfangsbestand: sensationell genug, aber noch lange nicht das Ende der Möglichkeiten.

Von neuen Dimensionen war am Dienstagabend im Märkischen Museum denn auch die Rede, wo sich neben Manfred Kühne („Ich bin der Bauherr des Pfades, ich muss ihn planen und finanzieren.“) weitere Akteure versammelt hatten, nämlich Michael Malliaris, Archäologe beim Landesdenkmalamt und Leiter der Ausgrabungen am Molkenmarkt, Roland Stolte als Vertreter des interreligiösen Projektes House of One am Petriplatz, der alternative Stadtführer Tobias Allers als Vertreter der jungen Generation und schließlich Matthias Wemhoff, Berliner Landesarchäologe und Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte.

Alte Zukunftspläne für Molkenmarkt zerschlagen - „coole Bar” und Wohnungen denkbar

Der wies auch gleich auf die Riesenverantwortung der Beteiligten hin und sprach von der letzten Chance, das Jahrhunderte alte Erbe Berlins dauerhaft ins Sichtbare zu holen: „Nur wir können das machen. Wenn die Gebiete erst überbaut sind, ist alles weg.“ Tatsächlich sorgen sich Sachverständige in Bürgervereinen, dass zum Beispiel am Molkenmarkt Tiefgaragen entstehen könnten, die wertvolle alte Bausubstanz, die jetzt ans Licht kommen wird, final vernichten würden.

Leidenschaftlich plädierte Matthias Wemhoff für das Sichtbarmachen der Keller des Alten Rathauses, dessen Fundamente direkt vor dem Roten Rathaus liegen. Die Baureste wurden bei der Ausgrabung vor Jahren bestens erhalten vorgefunden – so zum Beispiel die mächtige n Backsteinpfeiler, die einst ein Gewölbe trugen. In diesem hallenartigen Keller lagerte und verkaufte man Wein und Bier, der Erdgeschosssaal diente Tuchhändlern und Gewandschneidern als Kaufhalle.

Derzeit liegen die mittelalterlichen Gemäuer wieder mit Sand verfüllt unter den soeben für die U-Bahnstation hergerichteten Decken. Um das Archäologische Fenster einzurichten, muss alles aufwändig wieder aufgerissen werden. Doch am Wert gerade dieses Ortes ließ Wemhoff keinen Zweifel: „Hier kann man zeigen, was Berlin für eine Bürgerstadt war, bevor es unter die Herrschaft von Landesherren kam.“ Doch auch kleinere Zeugnisse wie Keller von Bürgerhäusern sollen Beachtung finden, schließlich seien in Berlin selbst kleine Zeugnisse wichtig. So könnte, wie Manfred Kühne anmerkte, zum Beispiel im Keller des Ermelerhauses an dessen ursprünglichem Standort an der Breiten Straße „eine coole Bar“ als besonderes archäologisches Fenster eingerichtet werden – und darüber könnten Häuser entstehen, auch mit Wohnungen, in denen der Quadratmeter 6,50 Euro koste.

Vorher war das „Quatsch” – App-Führungen durch Mitte jetzt denkbar

Es herrschte Freude angesichts der herrlichen Aussichten am Archäologischen Pfad: Roland Stolte freut sich auf die große archäologische Halle im House of One, Matthias Wemhoff auf das Archäologische Zentrum am Petriplatz mit seinem einzigartigen Konzept: Dort sollen unter anderem Funde gelagert, behandelt und beforscht werden – und zwar unter den Augen der Öffentlichkeit. Der Baubeginn steht nach langer Verzögerung endlich bevor.

Schließlich bekommt der Bauherr des Pfades auch noch seinen Sehnsuchtspartner Stadtmuseum für die inhaltliche Betreuung. Dessen Direktor Paul Spieß, Moderator der munteren Podiumsrunde, findet das auch begeisternd: „Wenn man ein so erwünschter Partner ist, kann man nicht sagen: Das machen wir nicht.“

Um das Ausmaß der Vorfreude komplett zu machen, hat auch der alternative Stadtführer Tobias Allers schon Vorstellungen. Bisher gebe es ja in Mitte kaum etwas zu zeigen, „es liegt ja alles unter Beton“, sagte er, aber das Potenzial sei enorm, denn „alles, was Leute sehen können, interessiert“. Er denkt zum Beispiel an in Länge und Inhalt flexible, gern auch App-gestützte Führungen. Senatsvertreter Kühne selber erinnerte daran, wie vor Jahren die Verwaltung, voran Straßen- und Grünflächenamt, das Projekt noch hatte scheitern lassen mit der Aussage: „So einen Quatsch machen wir nicht.“