Beste Lage neben dem Roten Rathaus: Reste der freigelegten Maschinenhalle des 1888 errichteten Elektrizitätswerks an der Spandauer Straße.
Foto: Michael Malliaris

BerlinSolch ein Grabungsfeld gab es in Berlin noch nie. Und damit ist nicht nur die schiere Größe des archäologischen Arbeitsplatzes von insgesamt 25.000 Quadratmetern gemeint oder die besondere Lage zwischen Mühlendamm und Klosterviertel im heutigen Bezirk Mitte, wo sich 800 Jahre Stadtgeschichte ballen und ein Fünftel des Territoriums der Berliner Altstadt befinden. Besonders ist auch das politische Wohlwollen, das diese Ausgrabung seit einiger Zeit begleitet.

Respekt vor dem Vergangenen

Natürlich steht im Gesetz, dass vor jedem Neubau die archäologischen Befunde im Untergrund zu untersuchen, zu dokumentieren und zu sichern sind. Doch rund um den Molkenmarkt steht eben auch der Wunsch der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, die Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit bei der Planung der Zukunft zu berücksichtigen. „Das gab es in Berlin so frühzeitig noch nie“, freut sich der Grabungsleiter Michael Malliaris, Archäologe im Landesdenkmalamt.

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Über Jahrhunderte verfuhr Berlin eher nach dem Motto: Weg mit dem alten Krempel und was Neues hingebaut – ohne Rücksicht auf das, was mal war. Für dieses Vorgehen finden sich auch auf diesem Grabungsfeld Beweise: Unmittelbar an die rückwärtige Seite des Roten Rathauses setzten die Berliner Elektrizitätswerke (Bewag) im großen Aufbau- und Modernisierungsrausch das dritte Kraftwerk der Metropole Berlin –   auf dass im Rathaus elektrische Glühbirnen erstrahlen konnten. Gewaltige Dampfmaschinen trieben mächtige Generatoren an.   Um das Fortschrittswerk Elektropolis voranzutreiben, riss man 1888 alles ab, was im Wege stand, auch das Palais Blankenfelde an der Spandauer Straße, Stammhaus einer der ältesten Berliner Familien, seit 1287 im Berliner Rat nachweisbar und über Jahrhunderte zur städtischen Führungsschicht gehörend.

Was vom ältesten Steinhaus der Stadt übrig blieb, steht nun auf einer Liste von besonderen Gebäuden, die Michael Malliaris als Kandidaten für künftige archäologische Fenster identifiziert hat. Neben dem Kraftwerk und dem Blankenfelde-Haus stehen darauf auch der Große Jüdenhof, die Zorn’sche Apotheke, in der Johann Friedrich Böttcher – der Erfinder des europäischen Porzellans – als 14-jähriger Lehrling das Goldmachen versuchte. Ebenso die Französische Kirche aus dem frühen 18. Jahrhundert und das Königliche Leihhaus. Alle die Bauten sind längst abgerissen, aber: „Für mich sind sie noch da“, sagt der Archäologe und meint die unterirdischen Teile.

Ein bürgerliches Viertel

Von der Senatsbauverwaltung hat er die Botschaft: „Grabt mal, dann sehen wir weiter.“ Das bedeutet mindestens die Einrichtung der archäologischen Fenster. Solche Blicke in die Vergangenheit werden auch im Humboldt-Forum möglich sein, wo man alte Kellergewölbe zugänglich macht – nach anfänglichem Widerstand, der mittlerweile in Stolz umgeschlagen ist.

Am Petriplatz wird man Reste der mittelalterlichen Lateinschule betrachten können. Doch in diesen Fällen fanden die Zeitzeugen erst nachträglich Berücksichtigung in den Bauplanungen. Nun sind sie von Anfang an dabei.

Wertschätzung erfahren die Archäologen auch durch die Ausstattung der Grabungsstelle: Normalerweise beauftragt das Landesdenkmalamt Fachfirmen. Wegen der „Riesenbedeutung“, wie Malliaris sagt, gräbt das Landesdenkmalamt am Molkenmarkt nun aber selbst.

Ausnahmsweise wurden dafür 16 Mitarbeiter eingestellt, die in zwei Teams zu je sieben Leute arbeiten, dazu zwei Projektleiter. Zusätzlich kommt Hilfe von vier jungen Leuten von der Jugendbauhütte Brandenburg/Berlin sowie zwei Flüchtlingen, einer Syrerin und einem Afghanen, die in Kooperation mit dem Verein „Schlesische 27“ ein Praktikum absolvieren. Auch die Finanzierung steht: Für 2020/21 stehen insgesamt 6,7 Millionen Euro bereit.

Funde am Bewag-Kraftwerk: Wozu sie einst dienten, bleibt zu erforschen. Foto: Michael Malliaris
Durch Alt-Berlin

Molkenmarkt und Klosterviertel gehören zu den ältesten Teilen Berlins. Vom Klosterviertel ist nur wenig erhalten, vor allem die Ruine der Klosterkirche. Das Franziskanerkloster geht auf das Jahr 1250 zurück. Auf dem Molkenmarkt befand sich der älteste Marktplatz Berlins. Der Große Jüdenhof wurde im 13. Jahrhundert von jüdischen Familien angelegt.
Führungen: Besichtigung des Grabungsortes jeden Freitag 14 Uhr, Treffpunkt Jüdenstraße, unterhalb des Turms des Alten Stadthauses (bitte mit festem Schuhwerk). Mögliche wetterbedingte Absagen bitte prüfen.

In den beiden abgezäunten Arealen rechts und links des Verkehrsgetöses auf der Grunerstraße heben derzeit Bagger Erdschichten ab oder räumen Schutt aus Verfüllungen alter Keller. Ein Feuerwerker in gelber Warnweste überwacht die Arbeiten, denn es werden immer wieder Munitionsreste gefunden. Auch der Trichter einer Bombe, die im Zweiten Weltkrieg auf dem freien Platz vor dem Alten Stadthaus niederging, zählte zu den Befunden, die eben auch zur Berliner Geschichte gehören.

Doch vor allem gibt es Kunde aus den wirklich alten Zeiten: zwei runde, ziegelgefasste Brunnen – ein kleinerer aus dem 18. Jahrhundert, ein später gemauerter größerer.

Daneben befinden sich zwei Kopfsteinpflaster-Flächen, die wahrscheinlich bis zum Bau der Brunnen zusammenhingen. Die Bewohner des Viertels legten den mit Feldsteinen gepflasterten Hof im 15. Jahrhundert an. In den Jahrhunderten danach entstand ein bürgerliches Viertel mit soliden Bauten. Weder Armenquartier noch Reichenzone.

Aus jener Zeit stammt auch der bisher bedeutendste Fund. Ein Holzstück macht die Archäologen glücklich. Sie fanden es in einer 50 Zentimeter hohen schwarz-roten Schicht etwa einen Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Das Band kündet von der Existenz eines Fachwerkhauses – genauer: von dem Feuer, das es vernichtete. Das Rot stammt vom verziegelten Lehm, das Schwarz vom verbrannten Holz. Bevor das nächste, nunmehr neuzeitliche Haus darüber errichtet wurde, planierte man die Brandschicht.

Weiter in die Tiefe

Das Alter des verkohlten, aber in seiner Struktur erhaltenen Holzstücks konnte im Labor bestimmt werden. Die Dendrochronologie ergab: Der Baum wurde im Jahr 1469 gefällt. Das muss nicht unbedingt dem Jahr des Hausbaus entsprechen; so ein Balken kann zuvor auch anderweitig genutzt worden sein. Doch in der Zusammenschau von Lage und Funden in der Nachbarschaft erscheint das genannte Alter wahrscheinlich. „Das ist schon eine Delikatesse“, sagt Michael Malliaris.

Doch es geht noch weiter in die Tiefe: Unter jenem Fachwerkhaus stand ein noch älteres, eines mit hölzernen Wänden. Das Baumaterial ist vergangen und nur noch als graubraune Schicht zu erkennen. Und doch liegen da gut sichtbar die Reste eines etwa sechs Meter langen und 2,50 Meter breiten Hauses aus dem 13. Jahrhundert – der Zeit, in der Berlin von der Fernhändlersiedlung zur Stadt wuchs.  Den Altersbeweis lieferte die Keramik der Bewohner.

Unter dieser ältesten Bauschicht liegt nur noch der eiszeitliche Sand, etwa 2,50 Meter unter der Geländeoberkante, und auch dieser birgt noch Informationen. Dunkle Punkte im hellen Sand zeigen, dass hier Menschen gegraben haben. Eine Archäologenweisheit wird bestätigt: „Nichts ist haltbarer als ein Loch.“

Mögliche jüdische Spuren

Auf der anderen Straßenseite, neben dem Rathaus, hat man es mit Industriegeschichte zu tun. Vom Bewag-Kraftwerk fanden sich weiß geflieste Wände, Fliesenfußböden, Eisengestelle noch unbekannten Zwecks, rostige, aufragende Träger. Fotos zeigen, dass die Bauherren ihre Kathedrale der Moderne der Architektur des benachbarten Roten Rathauses anpassten. Doch mit der Stromerzeugung war bereits 1919 Schluss, denn das Kraftwerk lieferte Gleichstrom, der nur über kurze Distanzen transportierbar ist – deshalb die Nähe zum Abnehmer. Als sich der Wechselstrom durchsetzte, diente der Bau noch als Umspannwerk, bis zum Abriss in den 1930ern.

Einige Mauern dieses Industriezeugen werden fallen, damit man weiter in die Tiefe kommt. Liegen dort, entlang der Jüdenstraße, vielleicht noch Spuren der jüdischen Bevölkerung?

Klar ist, die Ausgräber müssen sich sputen. Der Bau von Wohnungen auf dem Areal Molkenmarkt soll so schnell wie möglich beginnen. Auch die Grunerstraße soll dann über dem alten E-Werk am Rathaus entlang verlaufen. Dann ziehen die Archäologen weiter, Richtung Klosterstraße. Auch dort gilt: Tempo, Tempo.