Berlin - Der Stein ist eine Sensation. Mit dem Spielstein, der aus dem Geweihende eines Rothirschen gefertigt wurde, haben Ur-Berliner möglicherweise Backgammon gespielt. Der Stein ist groß, er hat immerhin einen Durchmesser von 4,5 Zentimetern. Und er zeigt ein Vogelmotiv. „Vielleicht soll es eine Großtrappe darstellen“, sagt Jörg Schümann. Der Archäologe gräbt seit dem Herbst vergangenen Jahres mit seinen zwölf Kollegen an der Breiten Straße in Mitte nach den Ursprüngen von Berlin und Cölln. Den Auftrag hat er vom Landesdenkmalamt. Stolz erzählt Schümann, dass der Spielstein auf die Zeit um 1200 datiert werden kann. Also auf eine Zeit vor der offiziellen Stadtgründung Berlins im Jahr 1237.

Würfel, Tonkrüge und Medizin

Sensationell ist der Fund auch deshalb, weil in Deutschland bislang nur zwei weitere derartige Spielsteine gefunden worden sind – einer in Spandau, ein anderer in Haldensleben bei Magdeburg. Auch Würfel wurden in der Breite Straße auf der Parzelle 18 in rund drei Meter Tiefe ausgegraben. Es gibt Hinweise, dass dort Horn verarbeitet wurde, im Laufe der Jahrhunderte ein Kürschner namens Ackermann ansässig war und vermutlich auch ein Apotheker, weil Tonkrüge und Flaschen ausgebuddelt wurden, in denen einmal Medizin aufbewahrt wurde.

Der Spielstein aus Horn aber zählt zu den bedeutsamen Ausgrabungen, weil dazu auch ein Rohling gefunden wurde. „Wenn man sagen könnte, hier war eine Fertigungsstätte, wäre das phänomenal“, sagt Schümann. Dem wollen die Archäologen weiter nachgehen.

Bis Ende August haben sie dafür noch Zeit. Nachdem bereits Teile des ehemaligen DDR-Bauministeriums an der Ecke Petriplatz abgerissen wurden, haben die Denkmalpfleger entlang der Breiten Straße jetzt die Kellerreste von alten Bürgerhäusern freigelegt. Insgesamt acht Parzellen konnte man dabei erforschen, jede ist rund 15 Meter breit und 60 Meter lang. Dazu zählen auch die Grundstücke des Kaufhauses von Rudolph Hertzog und des Ermeler-Hauses, das Mitte des 18. Jahrhunderts im Rokoko-Stil errichtet wurde und zu den schönsten der Stadt zählte. In den 1960er-Jahren wurde es von der DDR bei der Neugestaltung des Zentrums an das Märkische Ufer versetzt.

Wo Außenstehende einfach nur dicke Mauern aus Feld- und Backsteinen sehen, erkennen Archäologen wahre Schätze. So wurde auf Parzelle Nummer 18 ein Komplex von Latrinen und Abfallgruben entdeckt. Anhand des Hauses Nummer 15 und seiner Kellermauern können die Wissenschaftler exemplarisch die Geschichte Berlins erzählen.

Unter dem Fußboden befindet sich ein mittelalterlicher Holzkeller, das Mauerwerk aus dem 15. Jahrhundert ist an seinem großen Ziegelformat zu erkennen. Die teilweise erhaltenen Gewölbe stammen aus dem 17. Jahrhundert, die Umbauten aus der Kaufhaus-Zeit im 19. Jahrhundert. Das Haus, in dessen Hof ein vermutlich mehr als 500 Jahre alter Feldsteinbrunnen freigelegt wurde, ist zudem eng mit der preußischen Königsfamilie verbunden. Der Unternehmer Splittgerber, Heereslieferant von Friedrich dem Großen, kaufte es um 1720 und gründete dort die erste Bank Preußens. 1861 erwarb Rudolph Hertzog das Gebäude, um ein Kaufhaus darin einzurichten.

Wie Landesarchäologe Matthias Wemhoff sagt, werden die beiden Parzellen sowie die Grundmauern des Ermeler-Hauses als archäologische Fenster erhalten bleiben. Das haben Senat und die Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft DSK vereinbart. Werden die Grundstücke verkauft – vorgesehen ist dort der Bau von Stadthäusern, an deren Fassaden die historische Parzellierung erkennbar sein soll – wird der Erhalt der Keller in den Verträgen verankert. Ob sie für die Öffentlichkeit begehbar sein werden, ist aber unklar.