Berlin-Tiergarten, ein schöner Sommermorgen, vor neun Monaten. Judith und Thomas Richter brechen zur Arbeit auf. Sie sind gut beschäftigte Architekten Anfang vierzig, seit Jahren glücklich verheiratet. Ihnen geht es gut, sehr gut sogar, nur wünschen sie sich schon lange und inzwischen dringend ein Kind.

7792 Kilometer entfernt isst Sonali mit dreißig Kindern im Mutter-Teresa-Kinderheim in Colombo zu Mittag. Sonali wünscht sich dringend Eltern. Sie ist viereinhalb Jahre alt und wurde gerade an den Augen operiert. Endlich kann sie besser sehen, aktiver am Leben im Heim teilhaben. Das kleine Mädchen wurde nach der Geburt von seiner Mutter im Krankenhaus zurückgelassen, die Eltern sind unbekannt. Sonalis Chancen, in Sri Lanka adoptiert zu werden, stehen aufgrund ihrer Augenkrankheit schlecht.

Sicherheit und Kontinuität

Durch Vermittlung des Berliner Vereins Eltern für Kinder erfahren das Architekten-Paar und das Kind im Spätsommer des vergangenen Jahres voneinander. Zu diesem Zeitpunkt haben Judith und Thomas schon die längste Etappe des aufwendigen Verfahrens hinter sich, das die Behörden bei einer internationalen Adoption vorsehen. Sie haben sich vom Jugendamt auf ihre Eignung prüfen lassen und ihre wirtschaftliche Situation offengelegt. Eine Reihe von Fragen müssen sie den Beamten beantworten: Können sie ein sicheres Heim und Kontinuität bieten? Haben sie Zeit, sich um das Kind zu kümmern? Trauen sie sich zu, im Familienalltag eventuelle Gewalterfahrungen oder eine Behinderung des Kindes zu bewältigen? Die intensive Vorbereitung stellt den künftigen Eltern klar vor Augen, was sie sich vorgenommen haben.

Als die beiden Sonali im August auf einem Foto zum ersten Mal sehen und vom Verein über ihre Lebensumstände informiert werden, ist ihnen sofort klar: „Das ist sie. Das ist unsere Tochter.“ Aufgeregt vor Freude schieben sie an diesem Abend ihre Fahrräder von Charlottenburg nach Hause und stellen sich erstmals ein Leben mit Sonali vor. Zweifel an ihrer Entscheidung für eine internationale Adoption haben sie nicht. Es gibt Beispiele glücklicher Familien, die auf diesem Weg zusammengekommen sind. Vor allem aber gibt es, wenn man über 40 Jahre alt ist, kaum einen anderen Weg, Eltern zu werden. Die Inlandsadoption ist in Deutschland ausgeschlossen, wenn die Eltern über 40 sind.

In den Wochen vor der Reise kämpfen sich Judith und Thomas durch Berge von Papier. Die Frage der Krankenversicherung ist zu klären, ein Kitaplatz zu organisieren. Beglaubigungen und Überbeglaubigungen von Geburts- und Heiratsurkunden, die gesamte Geschichte ihrer Familien muss offiziell bestätigt werden. Die Behörden in Sri Lanka wollen außerdem sehen, wie die Familie in Deutschland lebt. Liebevoll erstellt das Paar ein Fotobuch mit Bildern von der Familie, der Wohnung, der Stadt. Auch Sonali bekommt ein solches Buch, damit sie vorbereitet ist. Nebenbei richten Judith und Thomas das Kinderzimmer her und planen die fünfwöchige Abwesenheit von der Arbeit. Sie erteilen Kontenvollmachten, übergeben Projekte an Kollegen. Schaffen Raum für das Familienleben. Nach der Rückkehr werden sie weniger arbeiten als zuvor. Thomas hat bei seinem Arbeitgeber sieben Monate Elternzeit genommen.

Anfang November ist die Anspannung mit Händen zu greifen. „Wie bei einem Sprung vom Zehnmeterbrett“, sagt Thomas bei einem Gespräch, zwei Tage vor dem Abflug. Es ist ein Sprung ins Ungewisse; das Leben des Paares sowie des Kindes wird sich von Grund auf ändern. Aber werden Sonali und ihre Eltern sich überhaupt mögen? Intuition und Glück sind auch vonnöten, damit die erste Begegnung gut verläuft.

Ein enges Netz von Vorschriften

Alles andere regelt ein enges Netz von Vorschriften: Die Haager Konvention zur internationalen Adoption gibt den Rahmen vor, auf den sich 1993 eine Reihe von Staaten geeinigt hat. Es geht darum, Rechtssicherheit zu gewährleisten, das Wohl des Kindes zu schützen und jeden Verdacht auszuschließen, es könne um wirtschaftliche Interessen der leiblichen Eltern oder gar des Herkunftsstaates gehen. Zu den Voraussetzungen auf Seiten des Heimatlandes gehört, dass das Kind keine leiblichen Eltern hat oder dauerhaft keinen Kontakt, dass die Eltern der Adoption aus freien Stücken zustimmen und es außerdem nicht gelungen ist, das Kind in einer Familie im Land unterzubringen. Die gesundheitliche und soziale Eignung der Eltern und ihre Möglichkeit, ein dauerhaftes Zuhause zu bieten, sind die Bedingungen auf der anderen Seite. Um all dies sicherzustellen, müssen die Eltern das komplizierte Verfahren durchlaufen, das mit der Adoption nicht abgeschlossen ist. Die meisten Herkunftsländer fordern Integrationsberichte, die regelmäßig an die Behörden zu übermitteln sind. Die Vorkehrungen der begleiteten Adoption kosten viel Zeit und Geld: Investitionen, die notwendig erscheinen für das Gelingen eines folgenreichen Schritts.

Nicht alle Adoptionswilligen halten sich an dieses Verfahren. Erik Baus, Vorsitzender des Berliner Vereins Eltern für Kinder, schätzt, dass auf die circa 280 sogenannten begleiteten Auslandsadoptionen pro Jahr in Deutschland – also Adoptionen, die in dieser Art vorbereitet sind – ungefähr dieselbe Zahl an unbegleiteten Adoptionen kommt. Italien, Spanien und Frankreich vermitteln zehnmal so viele internationale Adoptionen. Dort sind die Anforderungen etwas lockerer; insgesamt jedoch sind die Zahlen rückläufig. Baus führt das vor allem auf die Fortschritte in der Reproduktionstechnologie zurück.

Beginn des Familienlebens

Am 4. November landen die Richters in Colombo. Judith meldet in einem Zwischenbericht aus Sri Lanka, wie gut es sei zu erleben, woher das Kind komme, wie gut auch, dass man Zeit habe, sich kennenzulernen. In Sonalis Fall sind alle Beteiligten sofort entzückt voneinander, aber es braucht etwas Zeit, sich aneinander zu gewöhnen. Die Eltern sind beeindruckt von der zupackenden Fürsorge der Ordensschwestern, auch erschüttert von der großen Armut in der Umgebung des Heims. Vier Wochen lang besuchen Judith und Thomas zweimal täglich Sonali im Heim. Dann erst wird ein richterlicher Termin angesetzt. Eltern und Kind erscheinen vor dem Familienrichter in Mount Lavinia, in einem bürokratischen Akt wird Sonali zur Tochter des Ehepaars Richter und erhält deren Nachnamen. Es ist der Moment, in dem für die Eltern mit einem Mal und – nach all den Vorbereitungen doch irgendwie plötzlich – das Familienleben tatsächlich beginnt: mit allen Freuden, aller Verantwortung, allen Pflichten, aller Fürsorge. War es ihnen bis zu dieser Stunde nicht erlaubt, das Kind aus dem Kinderheim mitzunehmen, wohnt Sonali jetzt mit Judith und Thomas in ihrer Unterkunft in Mount Lavinia. Es ist das Haus der Repräsentantin des in Berlin ansässigen Vereins Eltern für Kinder, die die Adoptionen vor Ort betreut.

Bis zur Abreise erleben sie aufregende Tage: Sonali sieht zum ersten Mal das Meer, zum ersten Mal steckt sie die Füße in den Sand und wundert sich, wo ihre Zehen geblieben sind. Zwischendurch Behördengänge: Die Familie muss noch auf Pass und Visum warten, ehe sie die Heimreise nach Deutschland antreten kann.

Endlich machen sie sich zu dritt auf den Weg nach Hause. Ein langer Flug und Landung in Berlin Mitte Dezember. Sonali öffnet und schließt die Balkontür in der Wohnung. „Kalt, warm, kalt, warm“, sagt sie, noch auf Singhalesich. Sie bewegt sich nun in diesem Land, wo es draußen kälter ist als drinnen, das Essen komisch schmeckt, und die Leute eine seltsame Sprache sprechen. Silvester wird sie fünf Jahre alt. Sie hat den ersten Schnee gesehen. Sie hat die Familien ihrer Eltern kennengelernt. Im Kinderheim in Sri Lanka hat sie im Schlafsaal geschlafen, mit 30 Kindern Tag und Nacht zusammengelebt, jetzt ist sie Einzelkind. Die vorsichtige Kennenlernphase ist vorbei, die Eltern müssen nun anfangen, der Tochter ihre Regeln zu vermitteln. Jeden Tag wird Sonali ruhiger, jeden Tag wird ihr das Essen ihrer Eltern vertrauter. Bald wird Sonali stundenweise in die Kita gegenüber gehen. Aber vorher steht noch eine weitere Augenoperation an.

Die Namen der Beteiligten sind von der Redaktion geändert worden.