Noch kümmert sich der Senat vor allem um Notunterkünfte. Jeden Tag muss er neue provisorische Bleiben für Flüchtlinge finden. Leere Bürohäuser, Hotels, Fabriken, Flughafenhangars, Turnhallen, und bald sollen am Rande des Tempelhofer Feldes Traglufthallen aufgebaut werden, vielleicht sogar auf der Neuköllner Seite. Es gibt kaum noch Tabus, will die SPD/CDU-Koalition wie versprochen alle Menschen vor Obdachlosigkeit schützen.

Die nicht minder wichtige Frage ist: Wo leben sie, wenn das erste Registrierungsverfahren vorüber ist? Während sie auf Asyl warten, was bekanntlich viele Monate dauern kann? Sporthallen, da sind sich im Prinzip alle einig, sollten niemandem lange zugemutet werden. Doch in Berlin herrscht Wohnungsnot, und Flüchtlingsheime sind ebenfalls rar.

Der Senat hatte deshalb beschlossen, so schnell wie möglich zu bauen. In Eigenregie. Zusätzlich zum ohnehin geplanten Wohnungsneubau der städtischen Gesellschaften will das Land Unterkünfte für rund 24.000 Asylsuchende errichten. Dafür sind gut 600 Millionen Euro notwendig, hat Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) ausgerechnet – und die Summe in die noch laufenden Etatgespräche eingebracht.

An diesem Donnerstag nun wird es konkret. Um 11.30 Uhr läuft eine Frist für alle Bauunternehmen ab, die sich an diesem Megaprojekt beteiligen wollen. Die ersten sogenannten Lose wurden europaweit ausgeschrieben, damit viele Firmen mitbieten und so der Preis möglichst niedrig gehalten werden kann. Schließlich geht es um Steuergelder, in dieser ersten Tranche um Bauaufträge für 80 Millionen Euro. Es geht aber auch um Tempo und Masse, wie Bausenator Andreas Geisel (SPD) der Berliner Zeitung sagte. Spätestens im Sommer nächsten Jahres sollen mehrere tausend Flüchtlinge in die ersten neuen Gemeinschaftsunterkünfte einziehen.

500 Menschen pro Standort

Das Wort „Leichtbauweise“, mit dem die Neubauten anfangs beschrieben wurden, trifft es allerdings nicht. Es sei denn, man versteht leicht als einfach, also als das Gegenteil von Kompliziertbauweise. Die „Modularen Unterkünfte für Flüchtlinge“ – Mitarbeiter der Bauverwaltung nennen sie kurz „MUF“ – werden aus Betonfertigteilen errichtet. Ein Wohngebäude oder „Grundmodul“ soll drei bis fünf Geschosse haben und bis zu 75 Menschen Platz bieten.

Das Gebäude kann auf vier Module erweitert werden, damit pro Standort bis zu 500 Flüchtlinge unterkommen können. Im ersten Schritt seien zehn Standorte geplant, sagte Geisel, wollte aber nicht verraten, welche Grundstücke der Senat dafür ausgesucht habe. Zunächst müsse die Ausschreibung formal beendet sein, also feststehen, welche Firma oder welche Firmen für die ersten Generalaufträge infrage kämen. Zu jedem Standort gehört ein Flachbau, in dem Räume für Beratungen, Schulungen oder Freizeitangebote eingerichtet werden sollen.

Die Gebäude sollen deutlich langlebiger sein als die Containerbauten, die Sozialsenator Mario Czaja (CDU) für Flüchtlinge errichten ließ. In der Ausschreibung ist von einer Nutzungsdauer von bis 100 Jahren die Rede. Zunächst werden die Häuser ausschließlich für Flüchtlinge gebraucht, doch perspektivisch stünden sie auch anderen Wohnungssuchenden zur Verfügung, heißt es im Senat, seien es Studenten, Senioren oder Familien. Im Inneren der Modulbauten könnten die Wohnungsgrößen flexibel und mit wenig Aufwand verändert werden.

Das Gebäudekonzept wurde laut Geisel in enger Abstimmung mit dem Finanzsenator und auch mit Integrationsexperten entwickelt. Im Erdgeschoss sollen Wohnungen für Familien entstehen, in den Etagen darüber Gemeinschaftsunterkünfte, also Einzelzimmer, getrennte Sanitärbereiche für Männer und Frauen sowie Aufenthaltsräume und Küchen. Die Standards sind modern und vor allem zweckgerecht. Die Zimmer sollen Fußbodenheizungen und spezielle Lüftungssysteme erhalten, auch weil die Erfahrung lehrt, dass Geflüchtete anfangs große Sorge um ihr spärliches Eigentum haben. Sie trocknen ihre Kleidung lieber im eigenen Zimmer anstatt in gemeinschaftlichen Waschräumen.