Brandenburg/Havel - Aus dem Untergrund geholtes Material, trickreich verfestigt und in die Höhe gestapelt – das Bauen mit Ziegeln hat etwas Urtümlich-Mystisches. Das, was eben noch Boden war, auf dem Wälder standen, Menschen gingen oder Feldfrüchte wuchsen – wird zu Kirchen, Burgen, Palästen, Brücken, Wohnhäusern. Lehm wird durch Menschenwerk Leben eingehaucht. Er leuchtet in der Farbe der jeweiligen Region, gibt ihr ein je eigenes Gesicht. Welcher Baustoff wäre ortsverbundener als dieser?

„Gebrannte Erde“ heißt die Ausstellung, die das Archäologische Museum Brandenburg im Kloster St. Pauli zeigt – selbst ein herausragendes Beispiel märkischer Backsteinarchitektur, 1286 erbaut, nach 2002 vollständig und wunderbar wiederhergestellt – unter Verwendung extra in der Region angefertigter Ziegelsteine im Klosterformat. Die Ausstellung führt durch 900 Jahre, zeigt Aufstiege und Niedergänge des Bauens mit Backstein und fängt die Aufmerksamkeit vor allem durch die Verquickung von Informationen über den Abbau, das Handwerk, das Geschäft mit den schließlich entstandenen Bauten in der Region.

Inspiration Oberitalien

Wie sähe Berlin ohne Brandenburger Backstein aus? Gar nicht vorstellbar. Bis sich Beton und Stahl durchsetzten, wären Feldsteine sowie Holz und Lehm für Fachwerk die einzig verfüg- und bezahlbaren Baumaterialien gewesen. Es gibt eben hierzulande kein Gestein wie Granit. Dass die in der Antike – in Ägypten, im Zweistromland (Ischtar-Tor im Pergamonmuseum) und natürlich in Rom und seinen Provinzen – längst bekannte Technologie über die Alpen fand und ihren Siegeszug durch die Regionen südlich der Ostsee antreten konnte, haben wir Barbarossa zu verdanken: Als dieser, Friedrich I., römisch-deutscher König, 1154/55 nach Italien zog, um sich zum Kaiser krönen zu lassen, hatte er deutsche Fürsten im Gefolge, denen angesichts der prächtigen Backsteinbauten oberitalienischer Städte wie Ravenna die Augen übergingen. Dort war die antike Technologie des Ziegelbaus und Brennens bewahrt worden.

Dirk Schumann, einer der drei Kuratoren der Ausstellung, vermutet, dass die Fürsten umgehend versuchten, Ziegler samt Fachwissen für ihre Region anzuwerben und mitzunehmen. Wie wäre es sonst erklärbar, dass die ab 1184 entstandene Zisterzienserkirche in Dobrilugk, einer der ersten märkischen Backsteinbauten, den Kirchen von Cremona so ähnelt? Endlich hatten die auf Repräsentation und Machtfestigung bedachten Fürsten, was sie für die gewünschten Großbauten brauchten: künstliche Steine. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wuchsen überall – in Brandenburg, Niedersachsen, Holstein, Dänemark und so fort – Bauten in die Höhe. Man nehme nur den Dom in Brandenburg (ab 1165), den Dänenturm bei Stolpe (um 1200), das Zisterzienserkloster Lehnin (ab 1180), erste Grablege der askanischen Landesherrn, und knapp hundert Jahre später das Kloster Chorin mit seiner verfeinerten, hochgotischen Architektur – mit krabbenbesetzten Giebeln und üppigen Schmuckblenden. Dort entstand eine der am reichsten gestalteten und am ausgewogensten proportionierten backsteingotischen Kirchenfassaden.

Die Vorzüge des Backsteins erwiesen sich als enorm: Die Ziegel konnten in unmittelbarer Nähe der Baustelle hergestellt werden, in großen Mengen, in Normgröße oder als Spezialform. Der Rohstoff lag bereit. Die Steine ermöglichten schnelles und sorgfältiges Bauen – Umplanen während des Mauerns nicht ausgeschlossen. Profile und Schmuckformen ließen sich mit wenig Aufwand in beliebiger Art und Menge, zum Beispiel durch Hohlformen und Schablonen erzeugen.

Im Norden errichteten in den reichen Hansestädten bald auch Bürger repräsentative und Schutzbauten in Backstein, erst gotisch, später im Stil der Renaissance: Man sehe nur Lübecker Rathaus und Holstentor, das Stralsunder Rathaus. In Lüneburg erstaunen die prächtigen und raffinierten Privathäuser. Die Städte sind stolz darauf.

Ähnliches gab es auch in Berlin. Landesarchäologe Matthias Wemhoff weist gern darauf hin, dass sich die frühen Berliner Patrizier stolze Wohnsitze in Backstein gönnten. Nicht zu vergessen die beiden Berliner Klöster der Franziskaner (ab 1250) und der Dominikaner (etwa ab 1297). Letzteres sah St. Pauli in Brandenburg ähnlich. Überall auf dem Lande arbeiteten Ziegeleien, Lehm fand sich praktisch allerorten. Häufig entwickelten sich Ziegeleien im Besitz von Städten oder Klöstern, auch Bauern brannten Ziegel für den Bau des eigenen Hofs oder als Zuverdienst. Die Produktpalette wuchs: Kienspanhalter, Bodenplatten, Röhren.

Reformation und Dreißigjähriger Krieg führten zum Niedergang des Backsteinbaus. In den Niederlanden allerdings pflegte man die Vorliebe weiter, dort bewahrten die Ziegler- und Baumeister die Kunst. Von dort aus konnte das Wissen im 17. Jahrhundert wieder nach Deutschland einwandern. In Potsdam zeugt das Holländische Viertel von der Rückkehr. Friedrich der Große musste beim Bau des Neuen Palais in Backstein erfahren, was Wissensverlust für die Qualität bedeutet: Die verwendeten heimischen Ziegel waren so schlecht, dass die Fassade rot verputzt werden musste – die Fugen zeichnete man weiß nach.

Schinkel erkennt das Potenzial

Solch einer Peinlichkeit beugte Karl Friedrich Schinkel vor. Als er nach 1822 mit der Planung der Friedrichswerderschen Kirche begann – Kronprinz Friedrich Wilhelm hatte ihn nach einer Italienreise zu einem Backsteinbau im Mittelalterstil gedrängt – nahm er umgehend Verbindung zu der seit 1817 existierenden Königlichen Ziegelei in Joachimsthal und deren Leiter Joachim Menzel auf. Der Zieglermeister lieferte hochwertige Steine und beriet Schinkel „was ziegeltechnisch ging“, wie Karl-Heinz-Graffenberger, Mitkurator der Ausstellung, sagt. Die für ihre Zeit avantgardistische Bauakademie mit ihrem reichen Fassadenzierrat verlangte ausgefeilte Zieglerkunst.

Und dann brach das Zeitalter des industriellen Bauens an. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kannte die Expansion Berlins kein Halten mehr – für Zehntausende Mietskasernen waren Abermilliarden Ziegel herzustellen. Strangpresse und Hoffmannscher Ringofen ermöglichten Massenproduktion. Fortschreitende Normierung vereinfachte Planung und Bau. Durchgesetzt hatte sich der sogenannte Einhandziegel – der Maurer konnte ihn mit einer Hand greifen und aufsetzen. Die Kelle lag in der anderen. Der Transport erfolgte meist per Schiff – nicht zufällig heißt es „Berlin ist aus dem Kahn erbaut“. Karl-Heinz Graffenbergers Nachforschungen ergaben, dass laut Adressbuch von 1901 in der Region 885 Ziegeleien arbeiteten. Dazu kamen etwa 200 im Besitz des Berliner Ziegelbesitzervereins. Es war ein Riesengeschäft.

Über die Bedingungen für die Arbeiter, viele davon Kinder, welche Krankheiten sie plagten, informiert die Ausstellung, wie auch über die Ziegelei im KZ Sachsenhausen – ein wahrhaftes Todeskommando. Es reicht also nicht, diesen Text gelesen zu haben, man muss hinfahren. Zumal nur im Paulikloster die Schaustücke, Leihgaben von 19 Gebern aus fünf Bundesländern zu sehen sind und nur dort die Atmosphäre der Backsteinhalle erlebbar wird.

Und wer sich fragt, ob nach der Ära von Beton und Glas die gebrannte Brandenburger Erde als Berliner Baustoff schlechthin eine neuerliche Renaissance erleben könnte, möge zunächst bei einer Backsteintour – vom Roten Rathaus zur Oberbaumbrücke, vorbei am Märkischen Museum, Dutzenden Kirchen – Fühlung aufnehmen mit der Wärme der Steine. Dass Schinkels Bauakademie bald wiederersteht, scheint gewiss. Auch der Siegerentwurf für das Museum der Moderne setzt kühn auf Backstein: Birkenwerdersche Gelbe.

Gebrannte Erde.Neun Jahrhunderte Backstein in Brandenburg und Berlin. Bis 5. März, Di bis So 10-17 Uhr, montags geschlossen. Archäologisches Landesmuseum Brandenburg, Neustädtische Heidestraße 28, 14776 Brandenburg/Havel. Im Rahmen des Themenjahres „Handwerk zwischen gestern und übermorgen“.