Berlin - Ihre Blicke sind ernst und konzentriert. Geradezu eindringlich schauen diese Leute, auch die Knaben, uns an. Ihre dunkelhäutigen schönen jungen Körper sind mit farbigen, geometrischen Mustern verziert oder in bunte Tücher gehüllt. Der Schmuck zeigt, zu welchem Stamm sie gehören. Ihr Zuhause ist das Omo-Tal im Süden Äthiopiens, wo sie seit Jahrzehnten nach ihren Traditionen und Riten leben.

Der österreichische Künstler und Fotograf Mario Marino hat sie in diesem Frühjahr getroffen und porträtiert, weit ab von all jenen afrikanischen Gegenden, die eher vom Westen geprägt wurden, erst durch die wechselnden Kolonialherrschaften und heute von der modernen, global vernetzten Welt. Eine Auswahl der am Omo-Fluss entstandenen Fotografien ist nun in der Galerie Brockstedt zu sehen.

Menschen mit Festschmuck

Für die Aufnahmen all dieser Menschen im Festschmuck reiste Marino mit seinem Fahrer drei Tage lang von Addis Abeba knapp 800 Kilometer in den Süden. Auf zumeist unbefestigten Straßen bahnten sie sich ihren Weg durch Plastikflaschenberge und „T-Shirtland“ in die noch – man glaubt kaum, dass es das noch gibt – unberührte Natur des Omo-Tals.

„Obwohl ich mich zwei Monate lang auf meine Reise vorbereitet habe, war ich überrascht über die lange Fahrt“, erzählt Marino. Jeden Tag trafen sie auf einen anderen Stamm. Mitten zwischen den Hütten wurde eine faltbare Fotowand aufgestellt, vor die Marino die Menschen platziert hat. Einzige Lichtquelle war die Sonne. Dabei sind insgesamt 600 Porträts von Angehörigen sieben unterschiedlicher Stämme entstanden.

Durch einen Zeitungsartikel, der von den Schädelfunden in der Region um den Omo berichtete, ist Marino auf das Omo-Tal aufmerksam geworden. Die Schädel sind vermutlich über 160.000 Jahre alt – Forscher sehen hier die „Wiege der Menschheit“. Marino war jedoch nicht von den Schädelfunden beeindruckt, sondern von den dort lebenden Menschen, die es so vermutlich in ein paar Jahren nicht mehr geben wird. Denn nicht nur die Globalisierung bedroht die Lebensweise von Völkern wie Karo, Mursi und Hamar. Der Bau des größten afrikanischen Staudammprojekts Gibe III droht das Ökosystem und damit den Lebensraum im Omo-Tal stark zu verändern.