Spitzbart, Knopfaugen und Zipfelmütze. Hunderte Sandmännchen-Spielzeug-Figuren unterschiedlicher Größe, Ausführung und Erscheinungsform werden in einer Ausstellung in Erkner gezeigt.
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ErknerWenn Heidrun Wilkening eine der Sandmann-Figuren in die Hand nimmt, leuchten die Augen der Film- und Fernsehwissenschaftlerin. „Ist der nicht goldig“, fragt sie und nimmt ein Exemplar vorsichtig aus dem Karton. „Der dürfte aus den 1960er Jahren stammen“, sagt die Kuratorin der Sandmann-Spielzeug-Ausstellung, die am Mittwoch (17 Uhr) im Heimatmuseum Erkner (Oder-Spree) eröffnet wird.

Der Ausstellungsort ist bewusst gewählt. Stammte doch der Sammler Gerhard Wilski, dem die rund 250 Figuren gehörten, ursprünglich aus Erkner. „Allerdings war er bereits als Kind mit seiner Familie in den Westen gegangen, weit vor der Geburtsstunde des Sandmanns, der gerade 60 geworden ist“, sagt Hans Hoffmann, Vorsitzender des Heimatvereins Erkner. Der Bezug sei eher weitläufig. „Doch jeder hat den Sandmann gern im Fernsehen geschaut, insofern ist das Thema wunderbar“, meint der Hobbyhistoriker. Die Figur sei gewissermaßen ein Symbol für die Kindheit in der DDR, ergänzt Wilkening, die aus Neuruppin stammt.

Mischung aus „wissendem Erwachsenen und kindlicher Ausstrahlung“

Da Wilski gute Erinnerungen an seine Kindheit in Erkner hatte, habe er zur Wendezeit auf Flohmärkten mit dem Sammeln der Sandmann-Puppen begonnen, erzählt sie. Die Mischung aus „wissendem Erwachsenen und kindlicher Ausstrahlung“ sei es, fasziniere auch sie, erzählt die Kuratorin. Bereits in den 1990er Jahren hatte sie als Mitarbeiterin des Filmmuseums Potsdam-Babelsberg mit der Figur zu tun – allerdings mit der aus dem Fernsehen. Gemeinsam mit Sandmann-Forscher Volker Petzold, Autor des Buches „Das große Ost-West-Sandmännchen-Lexikon“, begann sie, die Entstehungsgeschichte der populären Figur aus dem DDR-Kinderfernsehen aufzuarbeiten.

Hölzerne kleine Sandmann-Figuren sind in einer Ausstellung im Museum zu sehen.
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Und die glich einem Ost-West-Wettlauf. Hatten die Ost-Fernsehmacher doch 1959 davon erfahren, dass im Westen an einer Sandmann-Figur für das Kinderfernsehen gearbeitet wird. Die Ost-Trickfilmfigur flimmerte dann einige Tage früher über den Bildschirm und ist inzwischen deutschlandweit bei Kindern beliebt. Die erste Lizenz des Deutschen Fernsehfunks Berlin ging laut Sandmännchen-Expertin Wilkening bereits 1960 ins thüringische Sonneberg an eine traditionsreiche Puppenfirma, die es bereits vor 1945 gab. Sie und auch andere Manufakturen wurden in der DDR verstaatlicht und zum volkseigenen VEB Vereinigte Sonneberger Spielzeugbetriebe unter dem „Sonni“-Logo zusammengefasst.

Sandmann als Exportschlager

„Das Sandmännchen wurde zum Exportschlager, der Produktionsbedarf war groß“, sagt die Wissenschaftlerin. Gerhard Behrendt, künstlerischer Urheber der Figur, gestaltete deshalb ab 1963 gemeinsam mit dem Spielzeugmacher Erich Schönherr aus dem Erzgebirge eigene Puppen. Das sei nur ein Beispiel für weitere Betriebe, die in der DDR Sandmann-Figuren herstellten. „Es gab die Lizenzvergabe, aber auch viele Wildproduktionen – spätestens, als jeder Industriebetrieb auch Konsumgüter produzieren musste“, deutet Wilkening an.

„Ich habe mich in diese Vielfalt der Puppen verliebt. Keine sieht haargenau aus wie die andere“, bekennt die 60-Jährige, die die Sammlung bereits dreimal ausgestellt hat. Unterschiede gibt es sowohl bei den verwendeten Materialien der Köpfe, über die Gestaltung der Kleidung, Stiefel oder der Mimik bis hin zum Bart – kurz, lang, manchmal gar keiner. Nicht mit jeder Version ließ sich tatsächlich spielen. „Einige waren nur zum Hinstellen in der Wohnzimmer-Vitrine gedacht. Andere ließen sich hingegen biegen oder konnten als Aufziehpuppen sogar laufen“, erklärt die Ausstellungsmacherin.

Geschichte der DDR-Spielzeugindustrie

Nach dem Tode Wilskis 2010 hatte sich dessen Witwe an Wilkening gewandt, weil sie die Sammlung ihres Mannes nicht einfach wegwerfen oder verkaufen wollte. Die Wissenschaftlerin, inzwischen nach Köln gezogen, begann sich näher mit den Spielzeug-Figuren und damit auch mit der Geschichte der DDR-Spielzeugindustrie zu befassen. Wenn sie die Figuren nach dem Ende der Schau in Erkner am 1. März zusammenpackt, will sich Wilkening noch intensiver mit der Industrie-Historie befassen und ein Buch über ihre Sandmännchen-Erkenntnisse schreiben. „Da sind noch so viele Fragen offen. Die große Vielfalt kann ich mir bis heute nicht erklären. Welcher Fernseh-Sandmann tatsächlich Vorlage für die Puppenproduktion war, weiß ich noch nicht“, deutet sie an.

Heidrun Wilkening, Kuratorin der Sandmann-Spielzeug-Ausstellung, zeigt im Heimatmuseum zwei Figuren.
Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB 

Die Figuren-Sammlung erzähle gut 60 Jahre deutsche Kultur-Geschichte, meint Wilkening. Insofern sei die Schau in Erkner keine Ausstellung nur für Kinder. Auch heute noch wird der Sandmann ihren Recherchen nach als Spielzeug produziert. Die Lizenzen haben inzwischen jedoch überwiegend Firmen in Baden-Württemberg und Bayern.