Dr. Hermann Simon ist der Direktor des Centrum Judaicum. Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage 2013 und des Themenjahrs „Zerstörte Vielfalt“ eröffnete er jetzt eine Ausstellung – kuratiert von Clemens Maier-Wolthausen –, die sich mit dem Versuch der Überlebenden des Holocaust, ein neues Leben aufzubauen, beschäftigt.

Herr Simon, bei Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 lebten in Berlin über 160 000 Juden. Von ihnen erlebten 8 000 im Mai 1945 die Befreiung. Wie haben diese überlebt?

Die meisten dieser 8 000 Menschen überlebten dank ihrer nichtjüdischen Ehepartner, Väter oder Mütter, die sie vor der Deportation schützten. Wir gehen davon aus, dass davon knapp 1 500 in Verstecken überlebten. Die genaue Zahl kennen wir aber nicht.

Welche Überlebensmöglichkeiten gab es?

Das war sehr vom Glück und von Zufällen abhängig. Viele Betroffene berichteten, dass es Situationen gab, die auch hätten schief gehen können. Grundsätzlich war es für Frauen leichter als für Männer wegen der Wehrpflicht. Man musste nach Möglichkeit jung sein. Und krank durfte man nicht werden.

So wie Ihre Mutter, die ebenfalls untergetaucht war?

Ja, mit Anfang 20. Ihre Eltern verstarben vorher eines natürlichen Todes. Sie war danach quasi nur für sich selbst verantwortlich.

Wie muss man sich ihre Entscheidung, unterzutauchen, vorstellen?

Als sie sich im Juni 42 dazu entschloss, liefen schon die ersten Deportationen. Und obwohl man nicht alle Einzelheiten kannte, ahnte man, dass das Ganze ein schreckliches Ende nehmen würde. Spätestens da hatte sich meine Mutter gesagt: Nicht mit mir, ich will leben.

Sie entzog sich der Deportation?

Bei ihr war das anders: Die Gestapo kam im Juni 1942 und wollte sie verhaften, weil sie durch ihr Verhalten aufgefallen war. Dann ist sie getürmt.

Wer hat ihr geholfen?

Es waren viele, besonders erwähnen möchte ich eine Kommunistin. Diese tapfere Frau hieß Trude Neuke. Sie hat sie dann irgendwohin vermittelt: Mal eine Woche da, mal eine Woche dort. Letztlich überlebte sie mit falschen Papieren, unter anderem auch im Artistenmilieu.

Welche Anlaufstellen gab es nach dem Krieg für überlebende Juden in Berlin?

Zunächst bildeten sich um die Synagogen, auch hier in der Oranienburger Straße, verschiedene Anlaufstellen, wo man sich registrieren lassen konnte. So entstanden „Listen der Überlebenden“, die später auch in der Emigranten-Zeitung Aufbau gedruckt wurden.

Wie reagierte die Umwelt auf die Überlebenden?

Manche standen ihnen aus Scham ablehnend gegenüber. Manche wollten nicht glauben, dass diese Verbrechen überhaupt möglich waren. Unsere Leute hatten es nicht leicht, insbesondere bei den Behörden. Dort saßen ja die selben Sachbearbeiter wie vorher. Die ganze Bürokratie lief zunächst so weiter. Interessant ist, dass in dieser Übergangszeit immer noch die alten Kennkarten galten, die mit dem „J“ abgestempelt waren.

Dennoch haben sich viele dazu entschlossen, im „Land der Henker“ zu bleiben. Warum?

Viele haben ja auch überlebt, weil ihnen geholfen wurde und hatten dies – wie auch meine Mutter – nicht vergessen. Viele hatten Angst vor einer ungewissen Zukunft. Und auswandern? Wohin denn? Viele hatten auch nicht mehr die Kraft für einen Neuanfang.

Wie war das bei Ihrer Mutter?

Sie hat immer wieder betont, dass viele Berlinerinnen und Berliner „nee“ zur Nazidiktatur und zum Morden gesagt haben und ihr halfen. Nachdem sie drei Jahre lang untergetaucht war, war sie danach einfach nur froh, endlich wieder eine eigene Wohnung zu haben. Und auch, wenn es nicht ihr eigenes Bett gewesen ist, in dem sie schlief, war es doch ihr eigener Fußboden und ihr eigenes Wasser aus der Leitung. Hinzu kam, dass sie als anerkanntes Opfer auch gewisse Privilegien hatte: Sie konnte studieren, bekam bessere Lebensmittelkarten.

Ab wann wurde man als Opfer des NS-Regimes anerkannt?

Das ging relativ schnell. Die Anträge auf Anerkennung gab es bereits im Spätsommer 45.

Bekamen Juden auch schnell ihren Besitz zurück?

Nein, das meiste war ja weg oder andere haben sich ihn angeeignet. In der Regel haben die meisten bei Null angefangen. Es sei denn, sie haben in einer sogenannten Mischehe überlebt und wurden zudem nicht ausgebombt.

In Ihrer Ausstellung porträtieren Sie Menschen, die aufgrund ihres Bleibens den Grundstein für ein neues jüdisches Leben in Berlin legten. Gibt es darunter auch berühmte Persönlichkeiten?

Wir porträtieren ganz absichtlich unbekanntere Überlebende. Einer, den jeder kennt, ist Hans Rosenthal, der ohne Frage ganz wichtig ist. Hans Rosenthal ist eine Figur, die über die Mauer hinweg durch seine Sendungen wirkte. Ich glaube, dass über seine Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof in der Heerstraße auch im damaligen Westberliner Fernsehen berichtet wurde. Und das wurde auch im Osten gesehen. Rosenthal, der übrigens in einem Versteck in Berlin überlebte, hat seine Zugehörigkeit zur Jüdischen Gemeinde weder verschwiegen, noch vor sich hergetragen. Es war eine selbstverständliche Komponente seines Lebens.

Wie beurteilen Sie heute das jüdische Leben in Berlin?

Aufgrund der Geschichte kann man schon sagen, dass ein besonderes Augenmerk auf uns gerichtet ist. Wir sind Bürger dieses Landes – gleichberechtigt, gleich verpflichtet.

Ist Antisemitismus heute noch ein spürbares Problem?

Ach Gott ja, das Gros der Bevölkerung ist natürlich nicht antisemitisch. Aber es wird immer in diesem Land – wie in jedem anderen Land – Antisemiten geben.

Ist es also immer noch wichtig, dass man jüdische Einrichtungen, wie Ihre, schützt?

Wenn die Sicherheitsbehörden dieses Landes meinen, man müsse sie schützen, kann ich nicht sagen: Das ist Unsinn. Hier ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste, wie man so schön sagt.

Wie bewerten Sie solche Übergriffe wie letztes Jahr auf Rabbiner Daniel Alter?

Das war eine schreckliche, zu verabscheuende Geschichte. Viel wichtiger als dieser Angriff ist aber die Reaktion, die Daniel Alter erfahren hat. Danach hatte er ungeheuere Zustimmung bekommen. Diese Welle der Solidarität zeigt doch, dass dieser Angriff nicht Mainstream ist und dass die Leute eben nicht weggucken.

Wenn Sie das jüdische Leben heute in Berlin betrachten, auch das, was gerade innerhalb der Jüdischen Gemeinde passiert, die tief zerstritten ist – was denken Sie, kann man von Ihrer Ausstellung lernen?

Unsere Vorgänger hatten mit ganz widrigen Umständen zu kämpfen. Kaum jemand konnte sich damals vorstellen, dass auch nur ein einziger dieser befreiten jüdischen Menschen bleiben würde. Wenn ich all diese Leute sehe, die wir in unserer Ausstellung zeigen: Erich Cohn, Fritz Selbiger, den Denny Gottlieb und viele, viele andere, die nach der Befreiung hier alles aufgebaut haben, dürfen wir dieses Erbe nicht durch Querelen aufs Spiel setzen. Wir müssen alles tun, um diese Gemeinde im Kern zu erhalten. Mit dieser Ausstellung möchte ich zeigen, dass Probleme – auch, wenn man denkt, dass sie unlösbar sind – letzten Endes gelöst werden können.

Das Gespräch führte Wolfgang Altmann

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„Bleiben?! Juden im befreiten Berlin“ bis 5. Januar 2014. Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, Mitte. Öffnungszeiten: siehe www.centrumjudaicum.de/das-haus/besucherinformation. Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 2,50 Euro