Ausstellung im Landtag Potsdam: Streit um Hitler und Goebbels

Potsdam - Fünfmal saß Altkanzler Helmut Kohl dem Maler Lutz Friedel Modell. Das ist jetzt neun Jahre her, und das Bild hängt seit geraumer Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus. Friedel ist kein unbekannter Künstler. Er hat mit seinen Werken auch immer zum Nachdenken anregen wollen. In der DDR sind seine Bilder dafür abgehängt worden, Friedel reiste aus. Nun muss der Künstler wieder befürchten, dass seine Werke der Öffentlichkeit vorenthalten werden.

Grund sind einige der 112 Porträts Friedels, die in den vergangenen Tagen im neuen Landtag in Potsdam gehängt wurden. Es ist ein Teil der Ausstellung „Ich! Meine Selbstporträts zwischen 1635 und 2003“, die rund 300 Werke umfasst, und sie zeigt Menschen, die Geschichte geschrieben haben. Neben Helmut Schmidt und Konrad Adenauer hängen auch Porträts von Hitler, Goebbels und Stalin. Und um letztere ist nun ein heftiger Streit entbrannt. Die CDU verlangt, dass die Porträts abgehängt werden.

„Das Gebäude ist ein Haus der Demokratie, Verbrecher und Tyrannen gehören nicht in ein deutsches Parlament“, sagt CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski. Er verlangt, dass die entsprechenden Bilder der Ausstellung vor dem Tag der offenen Tür am kommenden Wochenende entfernt werden. „Über die Ausstellung wird selbst schon in Amerika berichtet. Die Porträts von Verbrechern sind eine ganz schlechte Werbung für Brandenburg“, erklärt Dombrowski. Er hält die umstrittenen Porträts für geschmacklos und eine politische Entgleisung. Daher werde die CDU-Fraktion am kommenden Mittwoch die Porträts im Parlamentspräsidium thematisieren. „Künftig schmiert noch jemand Hakenkreuze an die Wand und erklärt, das sei Kunst“, sagt Dombrowski.

Gerrit Große von der Linkspartei ist auch Vorsitzende der Kunstkommission, die die erste Ausstellung im neuen Landtag beschlossen hat. „Das sind keine Porträts von Hitler und Stalin. Das sind verfremdete Selbstporträts des Künstlers“, sagt sie. So heiße das jetzt so viel diskutierte Hitler-Bildnis „Selbst als Helge Schneider als Hitler“.

Friedel habe zum Nachdenken anregen wollen darüber, was die Porträtierten letztlich geprägt habe. „Die Frage ist doch, warum ein Tyrann zum Tyrannen wurde“, sagt Gerrit Große.

Die SPD-Fraktion hält ebenfalls an den Bildern fest. „Es gibt keinen Grund, die Ausstellung umzugestalten oder abzubauen“, sagt ein Sprecher der Fraktion. Er sieht für hektische Reaktionen keinen Anlass. Auch die Grünen sind der Meinung, dass die Bilder hängen bleiben sollen. Kunst müsse provozieren, dann sei sie gut, heißt es.

Eine vierseitige Erklärung

Der Künstler Lutz Friedel, der in Schönholz-Gollenberg (Havelland) lebt und der 2012 mit dem Brandenburgischen Kunstpreis ausgezeichnet wurde, sagt, er habe schon damit gerechnet, dass es Fragen geben würde. Gerade das habe er auch erreichen wollen. „Die Leute, die die Bilder sehen, sollen die Porträts hinterfragen“, erklärt der 64-Jährige. Warum wurde jemand zum Verbrecher oder zum großen Politiker?

Lutz Friedel lehnt es ab, Werke abzuhängen. „Hitler gehört zur deutschen Geschichte und auch zur Geschichte Potsdams“, sagt er. Denn gerade in der Potsdamer Garnisonkirche habe der Tyrann am Tag von Potsdam im März 1933 den Ritterschlag erhalten. Damals gaben sich Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg in einer inszenierten Zeremonie die Hand. „Damit war Hitler in der Welt salonfähig.“

Die Ausstellung im neuen Landtag wurde vom Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) organisiert. „Ich habe die Porträts nach besten Wissen und Gewissen ausgesucht“, sagt Kuratorin Brigitte Rieger-Jähner. Sie fände es bedauerlich und auch nicht nachvollziehbar, wenn man die umstrittenen Porträts entfernen würde.

„Die Ausstellung versteht sich nicht nur als eine Straße der Besten“, erklärt die Professorin. Sie zeige Männer und Frauen in ihrer Bewundernswürdigkeit oder Schrecklichkeit. Dazu gehörten daher auch Porträts derjenigen, die die dunkelsten Epochen der Geschichte mitgeprägt hätten. „Wir verherrlichen in dieser Ausstellung keinen der Verbrecher“, sagt Brigitte Rieger-Jähner. Man könne Teile der Geschichte aber nicht einfach ausblenden. Die Menschen sollen sich Gedanken machen, wie ein Mensch zu dem habe werden können, der er letztlich geworden sei. „Der Landtag sollte doch ein Ort der Diskussion sein“, sagt die Kuratorin.

Auf vier Seiten hat Brigitte Rieger-Jähner die Auswahl der Werke für die Ausstellung begründet. Die Professorin sagt, es ärgere sie schon, dass die Kritiker der Ausstellung nicht einen Satz davon gelesen hätten. In ihrer Abhandlung zitiert sie auch den deutschen Rabbiner Nathan Peter Levison, der 1981 auf die Frage, wie man aus seiner Sicht im Nationalsozialismus den Massenmord an den Juden erklären könne: „Ich meine, dass wir der Wahrheit ins Gesicht schauen müssen, der Wahrheit, dass wir alle von Mördern abstammen, dass die Tünche, das Furnier der Zivilisation, sehr dünn ist. Es ist notwendig, dass wir das wissen und dass wir uns das vor Augen halten.“