Alles begann verheißungsvoll. Im Jahr 1980 zogen Bao Bao und Tjen Tjen in den Zoologischen Garten. Zwei tollende junge Pandabären, ein Männchen und ein Weibchen, dazu bestimmt, den Berlinern putzigen Panda-Nachwuchs zu schenken. In Bonn regierte damals Helmut Schmidt, in Peking Hua Guofeng, der die Tiere als Staatsgeschenk nach Deutschland schickte. Die West-Berliner standen in Scharen vor dem Gehege, sie waren verliebt. Bao Bao und Tjen Tjen waren es nicht. Auf Pandabären-Nachwuchs warteten die gespannten Zoobesucher vergebens.

Bao Bao kam in den Ruf eines stadtbekannten Sexmuffels. Nachdem Tjen Tjen schon 1984 an einer Infektion gestorben war, reiste er bis nach London, wo er sich mit einem Weibchen paaren sollte. Statt seinen Mann zu stehen, biss er seiner Partnerin ein Ohr ab. Als er zurück in Berlin war, schickte China eine neue Bärin als Leihgabe. Sie hieß Yan Yan. Zu Deutsch: die Schöne. Doch auch diesmal funkte es nicht. Immer noch kein Nachwuchs. Ein Drama.

Nach dem Tod von Yan Yan, die niemals Mutter geworden war, blieb Bao Bao allein zurück, alt und träge, endlich ließ man ihn in Ruhe, ein anderer Star lief ihm den Rang ab. Die Menschen strömten nun zum Eisbären Knut. Auch den sollte Bao Bao überleben. Erst 2012 starb er mit 34 Jahren. Ein biblisches Alter für einen Panda.

Jetzt – fast drei Jahre später – wird Bao Bao doch wieder mit Yan Yan vereint. Präparatoren des Museums für Naturkunde Berlin haben aus den Überresten der Tiere zwei lebensechte Dermoplastiken gemacht. Ab Montag werden sie sechs Monate lang in der Ausstellung „Panda“ zu sehen sein. Dazu gibt es Geschichten rund um die schwarz-weißen Bären, über ihre Entdeckung, Lebensweise und Anatomie, aber auch über ihre Sexfaulheit.

Bao Baos lahme Libido hatte nämlich nichts mit der Berliner Luft zu tun. Nach Aussagen des damaligen Zoo-Direktors Jürgen Lange war der Bär auch keineswegs zeugungsunfähig. „Sein Sperma war astrein“, sagte Lange damals. Viele andere Zoos kennen das Problem: Weibliche Pandabären haben nur einen einzigen Eisprung pro Jahr, nur drei bis fünf Tage sind sie fruchtbar – ein winziges Zeitfenster zur Fortpflanzung. Dazu sind sie auch noch wählerisch. In Gefangenschaft vermehren sie sich äußerst selten auf natürliche Weise, weil die Auswahl an Partnern zu beschränkt ist. Meist ist nur ein weiterer Artgenosse des anderen Geschlechts verfügbar. Passt der nicht, gibt’s keine Pandabärchen.

In China ist es jedoch in den vergangenen zehn Jahren gelungen, in staatlichen Forschungsstellen mehrere Hundert Pandabären zu züchten. 20 Jahre habe es zunächst gedauert, die nötigen Techniken zu entwickeln und die Gewohnheiten der Tiere genau zu erforschen, berichten Wissenschaftler vom Forschungszentrum zum Schutz der Pandas in Peking.

Vieles haben sie ausprobiert, selbst Viagra und Brunftgegrunze vom Video als Panda-Porno. Mit den Männchen machten sie Übungen, die die Hüft- und Beckenmuskulatur stärken sollten. Verhaltensforscher studierten die Körpersprache der Weibchen so genau, dass sie mittlerweile die fruchtbare Phase exakt erkennen können. Mittlerweile wird jedoch überwiegend künstliche Besamung eingesetzt. So ist man nicht mehr auf die Launen eines Bao Bao angewiesen.

Für China ist der Panda das Nationaltier, ein Wahrzeichen wie für Frankreich der Eiffelturm. Die Tiere werden auf Münzen geprägt, bei den Olympischen Spielen waren sie Maskottchen. Neben Drachen benutzen chinesische Behörden und Firmen immer wieder Pandas als Wappentiere. Seit den 50er-Jahren nutzte das Land die Bären, die jeder sympathisch findet, auch für diplomatische Zwecke. Helmut Schmidt war nicht der einzige Politiker, der mit Pandas beschenkt wurde. Auch Nikita Chruschtschow, George Pompidou und Kim Il Sung bekamen sie als Staatsgeschenke überreicht. Als Richard Nixon 1972 als erster US-amerikanischer Präsident Peking besuchte, schenkte ihm Mao Zedong das Panda-Paar Ling Ling und Hsing Hsing. Zwischen 1957 und 1993 verteilte die kommunistische Regierung zwecks Beziehungspflege 24 Tiere an neun verschiedene Länder. Vor ein paar Jahren endete die Panda-Diplomatie. Heute verleiht China die Tiere nur noch zu Zuchtzwecken – gegen hohe Gebühren. Von einer Million US-Dollar pro Tier ist die Rede. Jeder in China geborene Pandabär ist Staatsbesitz.

Im vergangenen Jahr kamen im Chimelong-Safaripark in der südchinesischen Stadt Guangzhou sogar sehr seltene Panda-Drillinge zur Welt. Sie mussten zunächst in den Brutkasten. Neugeborene sind schwach und blind und benötigen ständige Aufmerksamkeit, doch die drei überlebten. Weniger erfolgreich waren dagegen Versuche, gezüchtete Pandas auszuwildern. Auf sich alleine gestellt in freier Natur, überleben sie nicht.

Jeder neugeborene Panda ist ein besonderes Ereignis, denn die Zahl der noch existierenden schwarz-weißen Bären ist äußerst gering. In freier Natur leben sie nur auf drei winzigen Flecken der Weltkarte in den Bambuswäldern Zentralchinas. Die Provinzen Sichuan, Gansu und Shaanxi sind ihre letzten Refugien. 1939 stellt die Volksrepublik China die Großen Pandas unter gesetzlichen Schutz. Sie durften nicht mehr gejagt werden. Ein ebenso großes Problem aber war die Zerstörung ihres Lebensraums, die weiter voranschritt. Bergwälder wurden in großem Stil abgeholzt, um die Fläche landwirtschaftlich zu nutzen. Die Pandabären wurden voneinander abgeschnitten, lebten auf zerstückelten Waldinseln und fanden nicht mehr zueinander.

Erst ab den 80er-Jahren gab es Fortschritte. Gemeinsam mit der Naturschutzorganisation WWF richtete China Schutzgebiete ein – mittlerweile sind es 62 Reservate, die heute etwa zwei Drittel der freilebenden Pandas beherbergen. Waldkorridore sollen die voneinander isolierten Bären wieder zueinanderführen. Gab es Schätzungen zufolge Anfang der 80er-Jahre nur noch rund 1?000 Pandas, verzeichnen die neuesten Zählungen immerhin wieder 1600?Tiere. Weiterhin steht der Große Panda aber auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten.

„Bei den Pandas scheint sich die Zahl der freilebenden Tiere offenbar auf sehr niedrigem Niveau stabilisiert zu haben“, sagt Volker Homes, Leiter Artenschutz beim WWF Deutschland in Berlin. „Das gibt Hoffnung, zeigt aber auch, wie aufwendig und teuer es ist, eine dem Untergang geweihte Art zu bewahren.“

Der WWF führt den Panda als Markenzeichen in seinem Logo. Das tapsige Tier, das die meiste Zeit des Tages Grünzeug mampfend im Gestrüpp auf seinem Hintern hockt, wurde zu einem Popstar des Artenschutzes, einer Art Ikone für die Verletzlichkeit der Natur, ähnlich wie heute der Eisbär für den Klimawandel steht. „Der Panda ist weit mehr als eine bedrohte Art, er ist ein Symbol, wie wir Menschen mit der Natur auf unserem Planeten umgehen“, sagt Volker Homes.

Auch als Forschungsobjekte sind Pandas interessant, denn sie haben ein besonderes Verdauungssystem, das als Vorbild für die Herstellung von Biosprit dienen könnte. Bakterien in ihrem Darm wandeln das Pflanzenmaterial, das sie fressen, in energiereiche Zuckerverbindungen um, berichten Forscher an der Mississippi State University, die darin ein Modell sehen, das der Mensch künstlich nachahmen könnte, um Pflanzenreste und Holz effektiver in Biosprit zu verwandeln. Im Zoo von Memphis sammelten die Wissenschaftler ein Jahr lang den Kot zweier Pandabären und untersuchten ihn eingehend. Sie fanden darin einige zuvor unbekannte Mikrobenarten der Gattungen Bacteroides und Clostridium, die sich als besonders gute Umwandler von Zellulose erwiesen. Sie zersetzten besonders effektiv sehr stabile Zellulosebestandteile in Stängeln, harten Gräsern und Hölzern.

Eigentlich fehlt den Pandas die genetische Ausstattung, um sich von Pflanzen zu ernähren. Zoologisch gehören Pandabären zu den Raubtieren, also zu den Fleischfressern (Carnivoren), und haben den für diese typischen langen Darm. Irgendwann in ferner Vergangenheit müssen sich die Tiere das Fleischfressen abgewöhnt haben. Die Verdauung der Pflanzenkost ist durch ihre Vergangenheit aber deutlich weniger effizient als bei typischen Pflanzenfressern. Um seinen Kalorienbedarf zu decken, muss der Panda täglich besonders große Mengen an Bambus konsumieren. Zwei Drittel seines Tages verbringt er deshalb mit dem Fressen und pflegt einen recht gemütlichen, energiesparenden Lebensstil mit vielen Schlaf- und Ruhepausen.