Berlin - Lenin sieht aus, als ob er schläft. Da liegt er nun, der 3,9 Tonnen schwere Schädel aus rotem Granit, seitlich abgelegt auf einem dunkelgrauen Podest auf der Zitadelle Spandau. „Wir stellen ihn so aus, wie wir ihn in der Erde gefunden haben“, sagt Andrea Theissen, die Chefin der Zitadelle. Nichts ist geschönt, aus dem Kopf ragen noch die vier Stahlbolzen, die beim Abriss des Denkmals 1991 auf dem Platz der Vereinten Nationen in den Stein getrieben wurden, bevor die Einzelteile des 19 Meter hohen DDR-Monuments im Köpenicker Forst verscharrt und entsorgt wurden. Auch die Beschädigungen an einem Ohr und am Bart sieht man deutlich.

Statuen aus drei Jahrhunderten

Mit welcher Beachtung die Bergung Lenins im September international verfolgt wurde, darüber ist Andrea Theissen noch heute erstaunt. Und sie wird nicht müde, immer wieder klarzustellen, dass sie keine Lenin-Ausstellung zeigt, sondern eine über politische Denkmäler in Berlin in den letzten drei Jahrhunderten.

„Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ – so lautet der Titel. Am Mittwoch wurde die Ausstellung mit einem Festakt eröffnet. Ab Freitag dürfen sich die Besucher die hundert Denkmäler aus Kaiserzeit, Weimarer Republik, der Zeit des Nationalsozialismus sowie der jüngeren Vergangenheit ansehen. Es sind Skulpturen, die teils seit Jahrzehnten aus dem Stadtbild verschwunden waren. Eingelagert und versteckt in Magazinen und Depots, aber auch aus politischen Gründen von Berlins Straßen und Plätzen entfernt.

Die große Multimedia-Reportage zum Lenin-Denkmal in Berlin:

Dazu zählen die überlebensgroßen Skulpturen der 750 Meter langen Siegesallee im Großen Tiergarten, denen ein großer Teil der neuen Ausstellung gewidmet ist. 26 der ehemals 32 Denkmäler aus Marmor von brandenburgisch-preußischen Kurfürsten und Königen sind erhalten, ebenso die dazugehörenden 40 Büsten.

Damit sich die Besucher besser vorstellen können, wie die Anlagen gewirkt haben, haben die Ausstellungsmacher von Staab-Architekten eine Gruppe um König Friedrich I. (1657–1713) mit einer neun Meter langen halbrunden Sitzbank nachgebildet. Der Raum ist abgedunkelt. Vor den Wänden sind Stoffbahnen gespannt, auf die Bäume gemalt sind. Simuliert wird so ein Sommertag im Jahr 1907. Aus Lautsprechern ist Vogelgezwitscher zu hören, auch Pferdegetrappel, dann wieder ein Gewitterguss. Eine gute Inszenierung, die man auch sitzend auf der Marmorbank erleben kann. Ja, die Exponate dürfen berührt werden. Mit Ausnahme einiger Leihgaben des Deutschen Historischen Museums. Einige Figurengruppen stehen dicht beieinander, andere haben viel Freiraum. „Ich bin dankbar, dass die Architekten alles so wunderbar gelöst haben“, sagt Andrea Theissen. Die Denkmäler würden mit all ihren Spuren gezeigt – auch mit abgeschlagenen Händen und Köpfen.

Als Ausstellungsort wurde auf der Zitadelle das 114 Meter lange ehemalige Magazingebäude restauriert. Dort wurde eine neue Bodenplatte mit Heizung eingebaut, die die tonnenschweren Skulpturen trägt. Das freigelegte Mauerwerk wurde mit einer dünnen weißen Schlämmschicht übertüncht. Die fehlenden Decken wurden nicht ergänzt, so dass die Räume über acht Meter hoch sind. Etwa 15 Millionen Euro haben Sanierung und Ausstellung gekostet. Eine Million mehr als geplant, die nun der Bezirk zahlt. Finanziert wurde das Projekt aus Lottomitteln und EU-Fördermitteln.

Die Ausstellung scheut sich auch nicht, Denkmäler aus der Nazizeit zu präsentieren. Etwa den Zehnkämpfer, eine Bronzeskulptur, die Adolf Hitler dem Reichssportminister 1937 zu dessen 50. Geburtstag geschenkt hatte.

Andreas Nachama, der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, bezeichnet die Ausstellung als „historisches Museum der anderen Art“. Denn sie verdeutlicht, „wie eine Gesellschaft mit Zeugnissen umgeht, die politisch in einer anderen Epoche nicht mehr opportun sind und zur Seite gestellt wurden, vergraben wurden“, so Nachama.

Dazu gehört auch Lenin. Der Senat hatte sich zeitweise gesträubt, dass der Kopf ausgegraben wird. Andrea Theissen blieb hartnäckig: „Lenin ist ein Symbol der DDR-Denkmalkultur und dem Umgang in späterer Zeit. Er gehört hierher.“

Enthüllt, Berlin und seine Denkmäler: Zitadelle Spandau, Am Juliusturm. Ab Freitag täglich 10–17 Uhr, Eintritt zur Zitadelle: 4,50 Euro, erm. 2,50 Euro. 1. Mai: Tag der offenen Tür, freier Eintritt.