New York - Es ist still in dem kleinen Ausstellungsraum im ersten Stock des Leo Baeck Instituts in New York, beinahe andächtig und das, obwohl ein halbes Dutzend Besucher die Galerie bevölkern. Die Geschichten, die hier erzählt werden, verschlagen den Menschen die Sprache, es wäre kaum möglich, irgendetwas Angemessenes zu sagen. Small Talk verbietet sich.

Da ist etwa die Geschichte der Familie Freudenberg, die von 1889 bis 1934 am Werderschen Markt in Berlin das Modehaus Herrmann Gerson betrieb. Es war das älteste und angesehenste Bekleidungshaus der Stadt. Bis die Nazis kamen.

Bis 1936 war die gesamte Großfamilie Freudenberg aus Deutschland geflohen. Der Besitz am Werderschen Markt wurde zwangsversteigert und schließlich von der Hitler Regierung selbst zu einem Bruchteil seines Wertes aufgekauft. Ab 1939 zog dann die Reichskriminalpolizei, einer Einrichtung der SS, die mit ihrem forensischen Labor nicht selten bei der Verhaftung von jüdischen Deutschen und Dissdenten half.

Ein Teil der Familie Freudenberg schaffte es nach Palästina. Der Familienzweig Mayer emigrierte nach Belgien und in die Niederlande. Rudi Mayer floh von Belgien nach Argentinien. Regina Freudenberg flüchtete sich 1941 nach der Besetzung Belgiens in den Freitod. Helene Freudenberg  befand sich im letzten „Verlorenen Transport“ von Bergen Belsen nach Theresienstadt und starb von russischen Soldaten bei Tröbitz befreit, an den Folgen der unmenschlichen Behandlung, in einem Lazarett in Riesa.

Das gestohlene Herz

Die New Yorker Ausstellung „Stolen Heart“ – das gestohlene Herz -, die in dieser Woche eröffnet, erzählt fünf solcher Schicksale von jüdischen Berliner Familien in erschütternder Ausführlichkeit. Noch weitaus schwerer zu verdauen, als diese Geschichten ist jedoch die größere Geschichte dahinter. Wie der Titel der Ausstellung schon verrät, wird gezeigt, wie dem öffentlichen Leben Berlins durch Enteignung, Vertreibung und Ermordung seiner jüdischen Bürger das Herz heraus gerissen wurde.

In Berlin Mitte, dem Gebiet, auf das die Ausstellung sich konzentriert, gehörten 1933 225 der rund 1200 Immobilien jüdischen Familien – beinahe ein Fünftel.  Doch die Zahlen geben nur unzureichend wieder, wie zentral das jüdische Leben für das Leben der Stadt war.

Das wird anhand der Einzelschicksale weitaus greifbarer. Da waren Einrichtungen wie das Modehaus Gerson am Werderschen Markt oder das Bekleidungshaus der Familie Gadiel in der Konigsstrasse, das Damenmode für „Übergrößen“ anbot. Da war die Jacquier und Securius-Bank an der Stechbahn 1 mit drei jüdischen Partnern, darunter Alfred Panofsky, der 1938 über England in die USA floh, wo er 1973 starb.

Und da war die Künstlerin Eugenie Fuchs, Miteigentümerin eines Hauses am  Schloßplatz, in den 20er Jahren eine stete Präsenz im Berliner Kunstbetrieb, die noch im französischen Exil von den Nazis geschnappt wurde und in Auschwitz ums Leben kam.

Fünf Familien im Fokus

Die Ausstellung, die 2013 bereits im Berliner Stadtmuseum zu sehen war, konzentriert sich bewusst auf die Geschichten dieser fünf Familien. „Was in Berlin gezeigt wurde, der stadtgeschichtliche und städtebauliche Aspekt, die Methoden der Gestapo- das alles interessiert das amerikanische Publikum nicht zu sehr“, sagt Frank Mecklenburg, Forschungsdirektor am Leo Baeck Institut in New York. „Hier will man eher wissen, was mit den Familien passiert ist und was mit ihrem Besitz passiert ist.“

In der Restitutionsfrage, daraus macht die Ausstellung keinen Hehl, haben die deutschen Behörden bislang peinlich versagt.  Gerade einmal 15 der 225 Grundstücke restituiert. In den anderen Fällen wurden Entschädigungen gezahlt, die dem Verlust nicht annähernd angemessen waren und das meist erst nach einem zähen bürokratischen Ringen.

So schließt die Ausstellung mit einer ganz konkreten Forderung: „Die geraubten Grundstücke gehören heute der Stadt Berlin und es ist ihre Verantwortung, das verlorene Erbe der Berliner Juden zu ehren, die hier gelebt und gearbeitet und alles verloren haben.“

Diese klare Restitutionsforderung hängt nicht zuletzt mit der Entstehungsgeschichte der New Yorker Ausstellung zusammen. Initiatorin war die Psychiaterin Joanne Intrator, Erbin eines Hauses an der Wallstrasse, das ihrem Großvater von Nazis gestohlen wurde. Intrator ist eine der wenigen, die vor einem deutschen Gericht eine Restitution erzielen konnte. Der lange, komplizierte Weg zu ihrem Recht habe sie jedoch „zornig und bitter gemacht“.

Intrator hat aus der Erfahrung kein gutes Bild des heutigen Deutschland mit zurück nach New York genommen. Besuchern der Ausstellung wird es ähnlich ergehen. Und angesichts der Tatsachen ist es ausgesprochen schwierig, sie von etwas anderem zu überzeugen.