Oranienburg - Auf dem Foto ist ein Junge zu sehen, vielleicht 16, 17 Jahre alt. Über den Schultern trägt er eine alte Zeltplane gegen Kälte und Regen. „Dieses Bild hat mich am meisten erschüttert“, sagt Sabine Sieg am Freitag. Der Junge sei so voller Leben und sie, die Betrachterin, wisse, dass sein Schicksal längst besiegelt gewesen sei.

Der Junge wurde ermordet, kurz nachdem dieses Foto entstand. Der Name des Jungen ist nicht bekannt. Er ist einer jener 10.000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Herbst 1941 in das Konzentrationslager Sachsenhausen kamen und dort innerhalb kurzer Zeit auf perfide Art umgebracht wurden.

Sabine Sieg ist die Kuratorin der neuen Sonderausstellung namens „Die Exekutionen müssen unauffällig im nächstgelegenen Konzentrationslager durchgeführt werden“. Sie wird am Sonntag in der Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg (Oberhavel) eröffnet. Der Name der Exposition ist ein Zitat aus dem Einsatzbefehl Nr. 9 von Gestapo-Chef Heinrich Müller.

Der größte Massenmord

Darin ordnete er an, sowjetische Kriegsgefangene zu selektieren und zu ermorden – nicht nur völkerrechtswidrig, sondern auch gegen das Kriegsrecht. „Es war die größte Massenmordaktion im KZ Sachsenhausen“, sagt Günter Morsch, der Leiter der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Die Ausstellung soll das Schicksal dieser Kriegsgefangenen ins Gedächtnis rücken.

Die Schau zeigt erstmals die vollständige Serie von 68 Fotos, die von den Kriegsgefangenen unmittelbar vor der Erschießung gemacht wurden.

Die Fotos sind lebensgroß auf „Voile“ gedruckt, einem gazeartigen Stoff, und von beiden Seiten sichtbar. Sie hängen in Reihen in dem Ausstellungsraum, so dass man den Eindruck bekommt, auf Augenhöhe einer riesigen Menschenmenge zu begegnen, erklärt der Ausstellungsmacher Detlef Weitz. Dazu gibt es Berichte von überlebenden KZ-Häftlingen über die Kriegsgefangenen, Propagandamaterial der Nazis, den Einsatzbefehl Nr. 9 sowie die Geschichte von der Rettung der Fotos. Ein tschechischer Häftling hatte die Negative 1945 beim Todesmarsch aus dem KZ geschmuggelt.

Zwei SS-Leute fotografierten die ausgezehrten Soldaten bei der Ankunft im KZ. Die Kriegsgefangenen kamen aus den Stammlagern der Nazis, sie hatten nur noch Lumpen an und tagelang nichts gegessen. Die SS-Beamten aus Berlin hatten nach Morschs Angaben den Auftrag, die „vertierten Slawen“ für Propagandazwecke aufzunehmen. Nicht einmal für die Namen der Menschen hätten sie sich interessiert.

Bis zum 15. November 1941 dauerte die Mordaktion an den Kriegsgefangenen, dann brach Fleckfieber aus. Es habe dann einen Wandel bei der Art der Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener gegeben, sagt Morsch. „Von nun an hieß es Vernichtung durch Arbeit.“

Sabine Sieg erzählt erschütternde Details aus der Mordmaschinerie im KZ Sachsenhausen. Manche der sowjetischen Kriegsgefangenen seien zunächst froh gewesen, als sie die Baracken von Sachsenhausen gesehen hätten, sagt sie. In den Stammlagern hätten die Männer in Erdhöhlen leben müssen.

Musik übertönte die Schüsse

Doch die Ernüchterung folgte bald: In den Baracken gab es weder Betten noch Schränke. 2 000 Soldaten wurden in einen Bau gepfercht, der für 400 Menschen ausgelegt war. Die Fensterscheiben waren mit Farbe versehen. Abends wurden die Gefangenen mit Lastern abgeholt, angeblich, um sie für einen Arbeitseinsatz zu untersuchen. In einer Baracke mussten sie sich entkleiden. Einer nach dem anderen wurde zu einer als Messlatte getarnten Genickschussanlage geführt. Laute Marschmusik sollte die Schüsse übertönen. Das Blut wurde sofort mit Wasser weggespült.

Morsch erzählt, dass sich in Sachsenhausen 35 freiwillige SS-Männer gemeldet haben, um die sowjetischen Gefangenen zu erschießen. Sie seien mit Sonderurlaub belohnt worden, mit Orden, Geldprämien und Urlaub in Italien. Nur einer von ihnen, Wilhelm Schubert, sei in Bonn wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Nur einer verweigerte das Schießen.

Für den Gedenkstättenleiter ist die Ausstellung auch ein Plädoyer dafür, in Berlin-Tiergarten – und damit an einer zentralen Stelle in der Hauptstadt – endlich einen Erinnerungsort zu schaffen, an dem dieser Massenmord an den slawischen Völkern präsent sei.