Berlin - Von Cottbus über Dresden und Karl-Marx-Stadt bis nach Magdeburg – den Weg machte Michéle Weisbach als Kind viele Hundert Male. Nicht in der Realität, sondern auf dem Spielbrett: „Überholen ohne einzuholen“, hieß das Gesellschaftsspiel, inspiriert von einem Zitat von Walter Ulbricht, das die Strategie zusammenfasste, mit der man die wirtschaftliche Überlegenheit des Ostens über den Westen erreichen wollte. Inzwischen ist Weisbach aus dem Kindesalter raus und lebt tief im Westen – doch „Überholen ohne einzuholen“ hat ihn begleitet: Heute spielt er das Brettspiel mit seinen Kindern in Köln.

Wie gehen Menschen, die 1989 im Osten geboren wurden, heute mit der Erinnerung an den Staat um, der bei ihrer Geburt schon vor seinem Ende stand? Was bleibt bei den Jüngeren von der DDR? Diese Fragen wirft die Ausstellung „Kinder der Wende“ im DDR-Museum auf, die am Freitag eröffnet wird. In gut 20 Vitrinen zeigt die kleine Ausstellung ganz private Exponate heute 28- und 29-Jähriger. Sie haben sich auf eine Ausschreibung in einer Zeitschrift und den sozialen Netzwerken gemeldet, wollten ihre Kindheits-Geschichten also gerne teilen.

Repräsentativ sei diese Auswahl keinesfalls, gibt Kurator Stefan Wolle bereitwillig zu. Er versteht sie als „schönen und wichtigen Kontrapunkt“ zum Bild des düsteren, sich abschottenden Ostens, das in der Berichterstattung seit den Demonstrationen in Chemnitz seit Monaten dominiert. „Es gibt auch andere Biografien in Ostdeutschland“, sagt Wolle. Und viele junge Köpfe, für die die alte Grenze nicht mehr existiere.

Der brave Soldat Schwejk

Die Ausstellung verfolgt ein seltenes partizipatorisches Konzept: Die 16 Protagonisten durften ihr Erinnerungsstück selbst auswählen. Auf einer Tafel an der Vitrine erzählen sie in wenigen Sätzen seine Geschichte.

Dabei wird rasch klar: Die DDR ist nicht tot, auch nicht für die, die sie in der Realität gar nicht mehr kennengelernt haben. Zumindest nicht ganz. Teile von ihr leben weiter, schlummern auf Dachböden, werden immer wieder in die Hand genommen und innerhalb von Familien weitergereicht.

Eine explizit politische Dimension haben diese Erinnerungen nur selten. Rafael Löfflers Großvater saß wegen unbotmäßiger Karikaturen drei Jahre lang in Bautzen. Sein Beitrag zur Ausstellung: eine Figur des „braven Soldaten Schwejk“, ein Schelm – und in Tschechien ein Symbol für den Widerstand durch Witz und Ironie. Ein Verwandter brachte die Puppe in den 60er-Jahren aus Prag mit. Inzwischen ist sie Teil der Familiengeschichte.

Bubikopf-Puppen mit handgenähten Wollkleidern

Häufiger aber stehen in den Vitrinen Gegenstände und Fotografien, die Alltag zeigen, das Leben zu Hause, die ein Gefühl von Heimat und Kindheit vermitteln. Alt sind die Gegenstände, aber nicht vergessen, im Gegenteil: Da ist ein Schwarz-Weiß-Foto von Uroma im 311er-Wartburg, von der Enkelin auf dem Dachboden gefunden und als Holzschnitt künstlerisch verewigt. Da ist der Mixer der Marke AKA polyfix, den schon Großmutter benutzte – und mit dem die Enkelin noch heute Teig nach Familienrezept schlägt.

Weisbachs „Überholen ohne einzuholen“ ist nicht das einzige Spielzeug, das noch im Einsatz ist: Die Dresdnerin Caroline Kaule, die inzwischen in Potsdam lebt, hat ihrer Tochter für die Ausstellungszeit das Buch „Vom Jochen, der nicht aufräumen wollte“ und eine Puppe mit Bubikopf abgerungen, mit der auch sie schon spielte – das weiße Wollkleid handgenäht von der Großmutter.

Die Rolle der Großeltern

Überhaupt: die Großeltern. „Sie spielen eine ganz zentrale Rolle bei der Erinnerung an die ehemalige DDR“, so Wolle. Mit den Enkeln redeten viele eher über Geschichte, auch die eigene Lebensgeschichte, als mit den eigenen Kindern. Mit-Kurator Sören Marotz bestätigt diesen Eindruck: Die Eltern seien häufig zu beschäftigt gewesen, die Brüche zu verarbeiten, die die Wende in ihr Leben brachten – sie hätten nach Arbeit suchen, sich ein neues Leben aufbauen müssen. Diese Brüche hätten indirekt auch die heute 29-Jährigen erlebt.

Gelegenheit zum Austausch mit der gesamten Familie werden Besucher wohl bei der Ausstellungseröffnung am Freitag, dem 29. Jahrestag des Mauerfalls, haben. Einige der Protagonisten wollen laut Kurator Marotz dann nämlich auch ihre Angehörigen mitbringen. Und auch miteinander wollen die 16 weiter Kontakt halten: Sie sind jetzt durch eine Whatsapp-Gruppe verbunden – und wollen das Projekt auf irgendeine Weise weiterführen und die Erinnerung lebendig halten.