Berlin - Ziegenschädel-Skelette schmücken die grauen Holzschränke, Stierköpfe blicken aus den Deckenbemalungen in der Dachkuppel: Der ursprüngliche Zweck des Tieranatomischen Theaters der Humboldt-Universität (HU) springt Besuchern auch heute noch ins Auge: angehenden Ärzten die Tiermedizin nahe bringen. Im Jahr 1790 stellte Architekt Carl Gotthard Langhans, der zeitgleich auch das Brandenburger Tor baute, die klassizistische Villa fertig. Bis ins Jahr 2005 diente sie tierärztlicher Forschung, dann folgte eine siebenjährige Restaurierungsphase. Am Montag feierte der Theater-Bau Wiedereröffnung.

Steil ziehen sich die weißen Ränge bis fast unter die Dachkuppel. Die Halle mutet an wie ein Amphitheater, daher das Wort „Theater“ im Namen. „Früher war der Raum ein Hörsaal. Die Sitzreihen mussten nahezu senkrecht verlaufen, damit die Lernenden gut sehen können“, sagte HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz bei der Eröffnungsfeier, an der auch Bildungsstaatssekretär Knut Nevermann teilnahm.

Denn auf einem runden Hubtisch in der Mitte der Theater-Reihen lagen Pferdekadaver, Dozenten erklärten den angehenden Roßärzten den Aufbau des Pferdekörpers direkt am Objekt. König Friedrich Wilhelm II hatte 1787 den Bau des Lehrhauses befohlen, um seine Kavallerie in Pferdekrankheiten und Tierseuchen zu schulen. Eine per Hand angekurbelte Maschine im Keller der Villa fuhr den Tisch ins untere Stockwerk, wo die rund 600 Kilogramm schweren und vor dem Gebäude geschlachteten Pferde auf die Platte gehievt wurden.

„Ein wissenschafts- und kulturgeschichtliches Juwel “

Im Jahr 1887 erhielt das Tieranatomische Theater den Status als Tierärztliche Hochschule. Von 1920 an bis zur Schließung im Jahr 2005 beherbergte das Gebäude Forschungslaboratorien der tierärztlichen Lebensmittelhygiene. So untersuchten Forscher hier infiziertes Fleisch auf die parasitären Würmer „Trichinen“, deswegen verpassten die Berliner der Villa den Kosenamen „Trichinen-Tempel“.

„Das Tieranatomische Theater ist ein wissenschafts- und kulturgeschichtliches Juwel zugleich“, sagte HU-Präsident Olbertz. „Es hat zwei Kriege überlebt. Nun verkörpert es einen unschätzbaren Wert für die HU. Einerseits durch die rund sieben Millionen Euro teure Restaurierung und den gelungenen Innenausbau, andererseits durch die neuen Zwecke, denen sich das Theater widmet.“

In Zukunft nutzt das Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik, eine interdisziplinäre Forschungseinrichtung der HU, das Gebäude. Ausstellungen, Sammlungen, Vortragsreihen und sogar Konzerte sollen das Thema Wissenschaft für ein breites Publikum inszenieren. „Hier entsteht ein Fenster aus der Universität in die Berliner Öffentlichkeit“, sagte Olbertz. „Wir zeigen, wie Wissenschaft arbeitet; wie sie vergleicht, bewertet, ordnet, misst und sammelt.“

Thematische Wechselausstellungen sollen im nächsten Jahr starten. Bereits jetzt informiert eine Sonderausstellung zur Wiedereröffnung über die Restaurierungsarbeiten, den Bauherren und die über 200-jährige Nutzungsgeschichte der Villa. Sie findet in der unteren Etage statt – genau dort, wo einst die Pferdekadaver auf den Hubtisch geladen wurden.