Berlin - Im Frühsommer des Jahres 2002 entdeckt der Bielefelder Teppichfabrikant Thomas Trenkamp etwas Ungewöhnliches. Auf dem Dachboden einer alten Weberei im thüringischen Münchenbernsdorf, die Trenkamp nach der Wende übernommen hatte, stößt der neue Besitzer bei einem Rundgang durch den Speicher der Fabrik auf einen dunklen Verschlag. Dahinter liegen zusammengebundene Teppiche.

Neugierig wickelt Trenkamp die erste Rolle aus. Es ist ein roter handgewebter Teppich mit dem Porträt von Lenin, dem Panzerkreuzer „Aurora“, dem Symbol der Oktoberrevolution im Jahr 1917, sowie einem Wasserkraftwerk und Stromleitungen (Elektrifizierung!), einer Rakete und der Fahne der Sowjetunion mit Hammer und Sichel.

Ein Mitarbeiter der Fabrik erzählt dem neuen Chef nur unwillig, was es mit den Teppichen auf sich hat, warum sie die Kollegen nach der Wende offenbar achtlos auf dem Dachboden versteckt haben. Trenkamp bekommt, wie er sagt, nur „sperrige Antworten“. An die sozialistische Produktion und vom Staat verordnete Aufträge will sich offenbar niemand mehr gern erinnern.

Doch der gebürtige Rheinländer ist begeistert von seinem Fund. Auf dem Dachboden lagern 32 Wandteppiche, mit politischen Motiven aus der Geschichte der DDR und der Sowjetunion, mit den Porträts von Lenin, Marx und Wilhelm Pieck, hergestellt zwischen 1955 und 1989 zu allen möglichen Anlässen, Jubiläen, Geburts- und Jahrestagen. „Für mich waren die Teppiche von Anfang an und vor allen Dingen Kunst. Sie sind gelebter Sozialismus“, sagt der politisch aufgeschlossene Unternehmer aus Bielefeld. Erstmals wird der sozialistische Wandschmuck nun öffentlich zu sehen sein. Am 8. Dezember eröffnet die Ausstellung im Aedes Architekturforum auf dem Gelände des Pfefferbergs in Prenzlauer Berg.

Teppich als Gastgeschenk

Nun sind handwerklich aufwendig hergestellte Wandteppiche nicht erst seit Bestehen der DDR ein Ausdruck politischer Macht und zeige-freudigem Luxus. Seit dem 19. Jahrhundert haben sich auch Architekten wie Gottfried Semper, Adolf Loos und Le Corbusier mit dem Wandteppich im architektonischen Kontext beschäftigt.

Seit dem 4. Jahrhundert demonstrierten die Herrschenden in aller Welt mit solchen Wandverzierungen ihre kirchliche und höfische Macht. Und sie zeigten ihre Wertschätzung, wenn sie ihren Gästen solche Handarbeiten als Geschenk mit auf den Heimweg gaben. Im Nationalsozialismus schmückten Wandteppiche die wichtigsten Bauten des NS-Regimes.

Und so ließ später auch die Partei- und Staatsführung der DDR zu allen wichtigen Staatsereignissen solche Schmuckware in ihren drei staatlichen Webereien anfertigen, unter anderem in Münchenbernsdorf. Auf den Teppichen fand man, ähnlich wie auf Plakaten, Motive vom sozialistischen Kampf, von der Befreiung vom Faschismus, von der Revolution und dem Sport. Häufig wurden die Köpfe von Marx, Engels Lenin oder von Pieck abgebildet.

Anlässe waren etwa der 60. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, der 30. Jahrestag der Befreiung (mit dem Ehrenmal in Treptow), das Nationale Jugendfestival, das Deutsche Turn- und Sportfest sowie die Weltfestspiele 1973. Die größten Teppiche sind knapp zwei Meter breit oder hoch. „Die Teppiche dienten als Geschenke für befreundete Parteien in den kommunistischen Ländern und für herausragende Persönlichkeiten von SED und DDR-Regierung“, sagt Wieland Poser, Professor für Modedesign an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. „Als übergeordnete Farbe kam vor allem Rot, als die Farbe des Kommunismus, zum Einsatz.“ Poser hat als Jugendlicher in der Weberei Münchenbernsdorf gearbeitet.

Aufwendige Webtechnik

Bei den gefundenen Wandteppichen handelt es sich um Belegexemplare. Möglich, dass auch Unikate dabei sind. Trenkamp lobt die „aufwendige Webtechnik und die hohe Entwurfsqualität“. Die Motive erinnerten ihn an die Leipziger Schule, eine Strömung moderner Malerei in den 1970er- und 80er-Jahren. Die Teppiche seien in sehr guter Qualität. „Niemals hätte ich sie zusammengerollt liegen gelassen.“

In Kooperation mit dem Aedes Architekturforum hat Trenkamp die Ausstellung vorbereitet. Aedes-Direktorin Kristin Feireiss sagt, die zum ersten Mal gezeigten Arbeiten von hoher Kunstfertigkeit und handwerklichem Können seien „spannende Studienobjekte für weitere Recherchen“. So hofft Thomas Trenkamp, dass sich frühere Mitarbeiter der Weberei, die solche Werke webten, bei ihm melden und auch Besitzer solcher Teppiche.

Zeitgeschichte ist das jetzt, nicht mehr Propaganda.

Ausstellung „Zwischen Kunst und Politik: Wandteppiche aus der DDR von 1955 bis 1989“, Aedes Architekturforum, Christinenstr. 18, 8. 12. 2016–19. 1. 2017, Die–Fr 11–18.30 Uhr, So–Mo 13–17 Uhr, Eintritt frei.