Unübersehbar Grunge-Art. Damit ist hier nicht etwa der gewisse abgerupfte Underground-Musikstil, sondern die spezielle Verarbeitung von Fotos mit Photoshop gemeint. Das Bildmaterial wird dabei alt, ein wenig überbelichtet und vor allem schmuddelig dargestellt, charmant marode, wie auf dem Flohmarkt gefunden. Den typischen Grunge-Look also hat dieses Foto, von der New Yorkerin Judy Linn aus lapidarer, schräger, wie leicht kippender Untersicht, gemacht in den frühen Siebzigern. In einem Rohrsessel, auf verschlissenen Dielenbrettern, neben einer Einkaufstüte aus Packpapier, sitzt lässig eine androgyne Gestalt.

Eindeutig aber sind die weichen Hände einer Frau. Sie trägt Schlaghosen an den langen, dünnen Beinen, an den Füßen Stiefeletten, Jackett mit Sticker am Revers, Strohhut auf den Knien. Und vor dem Gesicht, wie als Maske, ein Konterfei des Folk- und Rockmusikers Bob-Dylan. „Ich mach euch hier den Dylan“, scheint die Schabernack-Geste zu sagen.

Und fast vermeint man das Kichern hinter der Fotomaske zu hören. Die improvisierte Travestie ist ein gelungener Schnappschuss der Fotografin Judy Linn von ihrem damaligen Lieblings-Modell, der Bohème- Underground-Grandezza jener Jahre, der Punk-Ikone Patti Smith. Die beiden – Nachkriegskinder aus New York und Chicago – waren in dieser Zeit unzertrennlich. „In der Atmosphäre, die wir gemeinsam erzeugten, fühlte ich mich beschützt. Wir hatten eine geheime Geschichte, drehten unseren eigenen Stummfilm, mit und ohne Kamera“, so Patti Smith Jahre später über sich und ihre Freundin Judy.

Jugendliebe Mapplethorpe

Getroffen hatten die beiden sich in New York, als Judy Linn gerade mit dem Kunststudium fertig und zunächst noch gar nicht als Fotografin tätig war. Es war vor allem die Vorliebe für die Filme der Nouvelle Vague, für Mode, Verwandlung, Rollenspiele, die die beiden jungen Frauen teilten. Und vor der Kamera wurde dann veritabel ausprobiert, was das mit ihrer Leica erzielte Ergebnis dann so authentisch wirken lässt.

Die Galerie im Haus am Kleistpark konnte Linn für eine Schau dieser Fotos gewinnen. Erst spät hatten die alten Aufnahmen Eingang in ein Fotobuch gefunden. Und nun auch in diese erste öffentliche Berliner Schau. Patti Smith waren die Motive lange Zeit zu intim, denn neben der Dylan-Maskerade entstanden damals auch Serien aus dem New Yorker Bohème-Jahren, vibrierend von sprühender, revoltierender Aufbruch-Stimmung, knisternd aufgeladen durch die gleichsam symbiotische Liaison Patti Smiths mit dem Fotografen-Star Robert Mapplethorpe, der 1989 an Aids starb. Das waren Jahre voller Armut, in dürftigen Dachstuben-Behausungen, dazu Selbstzweifel, aber auch von enthemmter Sinneslust, Kreativität und der Suche nach entgrenzten, radikalen Ausdrucksformen. So wird in Linns-Aufnahmen auch eine vergangene, noch immer nachwirkende Ära lebendig. Sie fotografierte Patti Smith also schon, bevor diese berühmt wurde, vor dem Durchbruch-Album „Horses“, zusammen mit dem damals noch ganz milchgesichtigen Mapplethorpe; verliebt, halbnackt, nackt, zärtlich, traurig, ruppig, übermütig, melancholisch. „Patti war inspirierend, weil sie so schlau war. Sie war unglaublich intelligent, belesen und interessant“, berichtet die bis zur Weisheit gereifte, nunmehr am renommierten Vassar College lehrende Judy Linn heute. „Patti hatte Spaß daran, sie spielte mit mir, es gab also eine beidseitig erdachte Geschichte. Ich gab ihr die Abzüge, und sie war echt glücklich. Das Ganze fand vor der Musik statt. Auftritte zu fotografieren hat mich nie interessiert.“

Der Zufall als Stilmittel

Linns wichtigstes Stilmittel ist der Moment des Zufalls, in dem die Kameralinse einen anderen Blick auf die Welt ermöglicht. Das belegt, neben dem Foto mit Dylan-Maske und vielen „Patti and friends“- Motiven von 1969-1976 auch all die anderen Bildserien in der Räumen am Kleistpark, Zyklen von Straßenszenen im schon damals maroden Detroit, die sensiblen Porträts von Kindern, die rätselhaften Stillleben, etwa schmelzender Schnee, Nippes, Pelze, Hüte – und geheimnisvolle Interieurs, von Autowracks, verfallenden Häusern, verschachtelten, wüsten Wohnungen. Irgendwie sind das alles Gleichnisse für das irdische Werden und Vergehen .

Lynn will mit der Fotografie dasselbe, was auch Maler, Bildhauer darstellen möchten: Schönheit, Verletzlichkeit, Brüchigkeit, Sehnsucht.

Wenn man die fotografische Technik beherrsche, sagt sie, dann denke man nicht mehr darüber nach. Mit der Kamera in der Hand müsse man vorbereitet sein, aber gleichzeitig offen für neue Entdeckungen. Sonst würde es nur tote Kunst. Für sie ist der Zufallsmoment der Beste. Zufall sei Perfektion, das, was man am Anfang hasst und am Ende liebt.

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6-7. Bis 15. März 2015. Di–So 10–19 Uhr. Eintritt frei. Tel.: 90 277 6964. Internet: www.hausamkleistpark.de