Wir lesen das wandfüllende Bild fast wie einen Text: Eine Nachtszene: Unter einem krüppeligen Baum, auf dem eine grüne Katze hockt, steht ein Mädchen, klein, fast verloren, neben einer massigen Frauengestalt, die ihre großen Hände um das zarte Wesen legen möchte. Das massige Weib trägt Sonnenbrille, als müsse es sich schützen vor dem, was es sieht.

Das Gesicht ist eine todähnliche Maske über dem schwerem, reich bestickten Gobelingewand. Das linken Bein hat die Frau bis zum Oberschenkel lasziv entblößt und angewinkelt. Die den linken Bildteil Dominierende ist für die Malerin Valérie Favre die antike Seherin Kassandra, das an der eigenen Vorsehung leidende Orakel. Vorn sieht man ein Kinderstühlchen, hinten den Häubchenkopf einer Amme.

Nur Gerippe

So beginnt Favres dreiteiliges Gemälde „Die Hellseherin“ von 1914/1915. Die Schweizerin, geboren 1959 in Evilard, lehrt als Professorin an der Universität der Künste Berlin. Die Welt der Gegensätze, Widersprüche und der Unruhe ist Stoff ihrer Malerei. Und auf diese Welt-Theater-Bühne kommen Bruchstücke der Kunstgeschichte ebenso wie das Theatralisch-Abgründig-luzide bei Shakespeare, der Commedia dell’ Arte wie des monumental-barocken Hoftheaterspiels. Es wimmelt nur so von Allegorien, Metaphern und Zitaten der Kunstgeschichte.

Mittig, unter einer Batterie von Lampions, wie man sie in den Berliner Freiluftbars hat, steht eine rätselhafte Gesellschaft. Hält Small Talk hinter einem Bild mit streng geometrisch-abstrakten Farbfeldern à la Avantgarde: Malewitsch, Rothko, Stella, Barnett Newman und arrangiert wie auf einem Gestell, von dem heutzutage auf dem Baumarkt Meterware, etwa Teppichbelag oder Wachstuch, verkauft werden. Einer aus der Gruppe trägt Anzug – und hat Pferdefüße, ganz wie der Leibhaftige. Ein Nächster ist nur Gerippe, überzogen mit einem mittelalterlichen Wams. Und daneben, wie seltsam: ein Seepferdchen. Es schnuffelt an der Farbe auf der Leinwand. Wieder fällt der Blick auf ein Tier, das Favre symbolhaft dazumalte, als solle damit die –herrschende – menschliche Gesellschaft an ihre Grenzsituation erinnert, ihre soziale Ordnung befragt werden. Unten, in der Bildmitte, entdeckt man den Kopf einer Meerkatze: Affen sind, wie Künstler, Narren und Selbstmörder, in Favres Kunst die Grenzgänger am Rande der Gesellschaft. Sie werden bei ihr zu absurden Helden in abstrusen Kulissen und Kostümen.

Düstere Prophezeiung

Und das Bild auf dem Marktgestell – oder ist es eine Staffelei ? – wird von rechts her von einer weißgelben Gestalt, fast wie in einem Eisbärenfell, in Augenschein genommen. Die anderen Figuren, ein barock-opulent gekleidetes Paar, Schranzen mit ensor’schen Maskenfratzen, kehrt dem Geschehen den Rücken, wendet sich frontal dem Betrachter zu.

Die Kunst als Beiwerk der Party, des Eevens? Das illustre Publikum wirkt eher gelangweilt. Wie zum Hohn oder als Drohung taucht zwischen den Mummenschanz-Gestalten der Kopf eines dieser holzeierköpfigen Wesens aus Bildern des Pittura-Metafisica-Malers Giorgio de Chirico auf. Wird Kassandras düstere Prophezeiung bald hier eindringen?

Zuerst zusammenhangslose Einzelteile bilden in diesem Triptychon bald eine atemberaubende Erzähl-Summe. Altarbildhaft ist das irdische Lebens-Theater als Trauer- wie Possenspiel auf eine Pathosformel gebracht. Malerei als Medium der Zeitkritik. Als in Farbe und Form manifestiertes Unbehagen. Valérie Favre konstruiert Blickwinkel, erreicht, dass der Betrachter Macht-Verhältnisse erkennt. Sie malt, ganz offensichtlich, wider die Ignoranz.

Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68 . Bis 6. 6. Di–Sa 11–18 Uhr. Tel.: 283 9047 www.bthumm.de