Berlin - Das älteste Haus von Charlottenburg steht in der Wilmersdorfer Straße Nummer 18. Das schlichte Gebäude aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts wurde vom türkischen Vorbild beeinflusst. Der einstige königliche Kammertürke Hassan stand gewissermaßen Pate dafür. Denn an dessen Unterkunft in der Schlossstraße, die heute nicht mehr existiert, sollten sich auf Wunsch König Friedrich I. alle Wohnbauten in Charlottenburg orientieren.

Der Haustyp war eingeschossig mit Giebelstuben im Dach. „Pracht war damals allein dem Schloss vorbehalten“, sagt Brigitte Jochens, die Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf. Doch schon ab 1788 änderte sich das, als das Palais der Gräfin Lichtenau gebaut wurde. „Auch der gehobene Stand begann damals, nach Charlottenburg zu ziehen.“

Spannendes zu entdecken

Jochens hat auf der Suche nach der Historie der Straße, die sich von der Otto-Suhr-Allee bis zum Adenauerplatz zieht, mit ihren Mitarbeitern in Bibliotheken und Archiven gestöbert, Einwohner- und Adressverzeichnisse durchforstet. Was sie dabei zutage förderten, ist ab Sonntag in der Ausstellung „Die Wilmersdorfer – Geschichte der Straße“ in der Villa Oppenheim, dem Bezirksmuseum, zu sehen.

„Die Wilmersdorfer ist viel mehr als nur eine Einkaufsmeile“, sagt die Museumsleiterin. „Man kann Spannendes dort entdecken.“ Wer weiß beispielsweise schon, dass Franz Kafka 1914 ein paar Tage in der Straße war, um sich den Eltern seiner Verlobten Felice Bauer offiziell vorzustellen? „Allerdings hielt die Verbindung nur vier Jahre“, erzählt Jochens. Ebenfalls 1914 verbrachte der Physiker Albert Einstein kurze Zeit bei seinem Onkel Jakob Koch in der Nummer 39, er war kurz zuvor an die Preußische Akademie der Wissenschaften berufen worden.

Andere Künstler und Prominente wohnten über Jahre in der Wilmersdorfer, wie der Architekt Egon Fröhlich, der das Ballhaus Rixdorf entwarf, der Schriftsteller Robert Walser oder der Dirigent und Komponist Leo Blech. Nicht von ungefähr – denn um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gab es zahlreiche kulturelle Einrichtungen im Zentrum des alten Charlottenburg. Darunter war die 1901 eröffnete, professionell betriebene Städtische Volksbibliothek, die erste ihrer Art im Deutschen Reich. Sie hatte die ganze Woche über, auch sonntags, von 11 bis 21.30 Uhr geöffnet und verfügte auch über gesonderte Lesesäle für Kinder und Blinde. Die Einrichtung wurde 1943 zerstört.

Nach dem Krieg machte die Straße vor allem durch ihre Geschäfte von sich reden – zu den typischen Nachkriegsbauten gehört das Stiller-Haus in der Nummer 58 mit konkav eingezogener Fassade. Charlottenburg-Wilmersdorfs Kulturstadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) hat einen besonderen Bezug zur Wilmersdorfer: „Meine Mutter hat dort 1949 einen Kolonialwarenladen eröffnet.“ Und natürlich weiß er, wie der Feinkostladen Rogacki in der Nummer 145/146 richtig ausgesprochen wird: „Hinten -tzki“. Sein Vater hat nämlich immer mit Paul Rogacki Karten gespielt.

Die Wilmersdorfer:

bis 30. Juni,

Villa Oppenheim, Schlossstr. 55.

Di–Fr 10–17 Uhr, Sa–So 11–17 Uhr.

Eintritt frei.