Für heutige Radfahrer wäre es ein Horror-Katalog der Verbote. Vor 117 Jahren war die Straße Unter den Linden für Zweiräder noch gesperrt, auch die Friedrichstraße, der Alexanderplatz und der Spittelmarkt. Diese Bereiche und einige mehr sind rot als verboten markiert – auf einem der ersten Fahrrad-Stadtpläne der Welt. Der „Neue Radfahrer-Plan von Berlin“ von 1897 ist eines der vielen Meisterwerke des Kartografen Julius Straube, den eine Ausstellung im Landesarchiv jetzt aus der Vergessenheit geholt hat.

„Wir wissen nicht, wie Straube ausgesehen hat“, sagt Andreas Matschenz, Leiter der Kartenabteilung im Landesarchiv. Ein Porträtbild von Julius Straube ist nicht überliefert, und auch was nach seinem Tod 1913 aus dem Unternehmen wurde, verliert sich irgendwann im Dunkel der Geschichte. Nur ein paar biografische Details sind bekannt. Zum Beispiel, dass ihm die Begeisterung für Karten und Pläne nicht in die Wiege gelegt wurde.

Straube wurde 1832 in der Dresdener Straße 52 geboren, als fünftes von zehn Kindern eines Schlachters. Es muss aber ein Talent in ihm geschlummert haben. Spätestens mit 15 begann der Junge aus dem Arme-Leute-Viertel Luisenstadt eine militärkartografische Ausbildung – und der Aufstieg begann. Schon im Alter von 17 Jahren taucht sein Name gedruckt auf einer Karte auf. Mit 26 wird er Unternehmer.

Je nach Belag

Eine mysteriöse Geschichte aus Berlin, die Experten fasziniert. Doch noch interessantester finden Matschenz und sein Mitstreiter Gerd Heinemann von der Stiftung Stadtmuseum Berlin Qualitäten, die sich auch dem Laien sofort erschließen. „Ich höre immer wieder: Sind die Pläne schön!“ sagt Heinemann. „Die Farben, die Typografie, die gute Lesbarkeit, die klare Gestaltung!“ Kartografie als Kunst: Hier war der umtriebige Berliner ein echter Pionier.

Wer Straubes Plan für Radfahrer von 1897 anschaut, weiß sofort Bescheid. Wo die Straßen mit Holzklötzen oder damals schon mit Asphalt gepflastert waren, wo minderwertiger Straßenbelag das Fahren vermieste – mit wenigen Blicken lässt sich das feststellen. Der Radler-Plan dokumentiert auch, wie zügig der Unternehmer Straube auf neue Entwicklungen reagierte. Als die ersten „Jünger des Velocipeds“ durch Berlin kurvten und Pferde scheu machten, reagierte die Polizei 1881 mit einem Radfahrverbot für die ganze Stadt. Doch als die Hochräder von den heute noch gebräuchlichen Niederrädern abgelöst wurden und immer mehr Berliner in die Pedale traten, mussten die Ordnungshüter den Rückzug antreten.

Von 1884 an wurde das Fahrverbot gelockert. „Die Fahrradfahrer erhielten als neue Verkehrsteilnehmer viele Rechte“, so Benjamin Huth vom Deutschen Technikmuseum, der sich mit Straubes Fahrradplan befasst hat. Dass die Straße Unter den Linden und der Schlossplatz 1897 für Zweiräder tabu waren, lag wahrscheinlich an einem berühmten Anwohner: Der König wollte offenbar keine Zweiräder vor seiner Tür. Auch mit anderen Neuerungen bewies Straube unternehmerischen Spürsinn. Er gab Netzpläne der Straßenbahnen heraus, Spezialkarten der Telegrafenleitungen und der Postbezirke. Als immer mehr Berliner ins Grüne und aufs Wasser drängten, brachte Straube die ersten touristischen Pläne auf den Markt: Wanderkarten für den Grunewald oder Wassersportführer mit dem Titel „Hip, Hip, Hurra!“.

Nach Straubes Tod ging es mit seinem Kartografie-Imperium zu Ende, andere Verlage drängten es an den Rand. Lange Zeit schlummerte sein Kartenschatz in den Sammlungen. Nun wird dieser Schatz gezeigt. Die Ausstellung im Landesarchiv dauert noch bis zum Jahresende. Am 25. November präsentieren Andreas Matschenz, Gerd Heinemann und Benjamin Huth ihr Projekt in der Buchhandlung Schropp (20 Uhr, Hardenbergstraße 9a).