Berlin - Vor fünf Jahren erklärte die Weltgesundheitsorganisation beruflichen Stress zu einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts. Der Burnout, das Gefühl des Ausgebrannt-Seins, ist zum Massenphänomen geworden.

„Eine Modediagnose“ so kürlich ein Ärzteblatt. Eine eindeutige Definition des Begriffs existiert in der Medizin bis heute nicht. Was sich dahinter verbirgt, ist oft eine Depression, gepaart mit physischen und psychischen Symptomen.

Burnout aber klingt besser als Depression, weniger nach persönlicher Schwäche, sondern mehr nach einem Leiden, das gerade die Helden unserer Leistungsgesellschaft befällt. Denn: Vor dem Ausbrennen steht das Brennen. Man hat alles gegeben – bis zur totalen Erschöpfung.

Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst bietet dem Problem mit der Ausstellung „a burnout case?“ eine künstlerische Perspektive. Im Fokus steht nicht das Individuelle, sondern der gesellschaftliche Zusammenhang. In einer offenen Ausschreibung wandte sich die Projektgruppe an Künstler und Aktivisten. Elf ausgewählte Arbeiten sind zu sehen. Und schon deren Architektur von Peter Behrbohm und Markus Bühler nimmt das Thema auf.

Gleich anfangs steht ein großes weißes Polstermöbel mit Hängeregistern und Buchablagen – Zwitterwesen zwischen Großraumbüro und einer Sofaliegewiese. Das Gebilde spielt symbolisch mit einer aus dem Ruder geratenen „Work-Life-Balance“, in der es zwischen Arbeit und Privatem keine Grenze mehr gibt. Büromails werden auch am Strand beantwortet, private Kontakte beruflich genutzt. Die Arbeit ist Lebensmittelpunkt, null Entspannung.

Dann stößt man auf die „Burnout-Box“ der Architektin Gesa Glück – frei nach Henry David Thoreaus Buch Walden. Ein Zufluchtsort, auf das Notwendigste reduziert: 95 Zentimeter breit, ein Meter 85 lang, 85 Zentimeter hoch, gefertigt aus Holzbrettern. Thoreau schlug den Lesern seiner Abhandlung über ein Leben in der Wildnis eine solche Kiste als reale Option für ein Dasein in Freiheit vor. Wirkliche Selbstbestimmung finde man, indem man sich reduziere. Glück nimmt die These auf, setzt sie um: die Bauanleitung ist zum Mitnehmen.

Andere Interpretationen des Themas befassen sich mit prekären Arbeitsbedingungen, medialer Dauerberieselung, Erfolgsdruck schon bei Kindern oder ständiger Empfangsbereitschaft.

Das beeindruckendste Exponat aber stammt von der Japanerin Kaoru Hirano. Sie trennt vor Ort täglich stundenlang Kleidung in Fäden auf, knüpft daraus ein Spinnennetz. Eine mühselige, monotone Arbeit, die Momente der (Selbst-)Zerstörung mit Kontemplation vermengt. Handlung wie Ergebnis sind freilich völlig nutzlos, ergeben so aber ein Sinnbild für den Zwang zur Lohnarbeit wie auch für den Burnout selbst. Und der Ausweg? Die Schau gibt viele Denkanstöße, die Antwort lässt sie offen.

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK), Oranienstraße 25. bis 14.10.2012, So–Mi 12–19 Uhr, Do–Sa 12–20 Uhr.