Berlin - Es gibt Orte, die wirken sehr unspektakulär und doch geschieht dort Großes, Zukunftsweisendes. Einen solchen Ort haben der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) und die Zeit-Stiftung in einem Plattenbau in Lichtenberg entdeckt und als „Bibliothek des Jahres 2011“ ausgezeichnet. „Die Anton-Saefkow-Bibliothek arbeitet so, wie viele andere Bibliotheken auch arbeiten könnten“, sagt Barbara Schleihagen, Geschäftsführerin des dbv.

Es geht also um vorbildliche Arbeit, darum, dass man kein riesiges Budget braucht, um gute Arbeit zu leisten und darum, dass eine Bücherei viel mehr sein kann, als ein Ort, an dem man sich mit Lesestoff versorgt. „Die tagtägliche Leistung der stark kundenorientierten Mitarbeiterinnen beweist, dass klassische Bildungsarbeit letztlich immer an den Bedürfnissen der Bürger orientiert ist und so entscheidend zu einer guten Lebens- und Wohnqualität im Stadtteil beiträgt“, heißt es in der Begründung der Jury.

Die Wartezeit mit Büchern verkürzen

Wer an einem x-beliebigen Nachmittag die schwere Glastür aufstößt und sich auf den nadelfilz-bespannten 1.800 Quadratmetern umsieht, bekommt eine Ahnung davon, was die Jury gemeint haben könnte. Vorbei an der Gemälde-Ausstellung der Alzheimer-Patienten des örtlichen Wohnprojekts geht es in den ersten Stock. Eingebaut zwischen die Regale mit den Kunstbänden, hat dort gerade das mobile Bürgerbüro geöffnet. Auch, wer sich nur schnell von den Rundfunkgebühren befreien lassen will, greift da schon mal zum Buch, um sich die Wartezeit zu verkürzen.

Eine Hortgruppe der benachbarten Sprachförderschule ist auf dem Weg nach draußen. Die Erst- und Zweitklässler haben sich mit der stellvertretenden Bibliotheksleiterin Christiane Bernhardt Tierbücher angesehen. In der lichten Kinder-leseecke, zu Füßen des meterlangen Bücherwurms, haben es sich jetzt Großvater und Enkel bequem gemacht, gemeinsam blättern sie in einem Bilderbuch. So würden sie jede Woche die Zeit bis zum Schwimmunterricht überbrücken, sagt der Opa. Nebenan brütet ein älterer Herr über einem Buch zur Odyssee mit vielen Illustrationen, schreibt in winziger Schrift Notizen.

Schräg gegenüber auf dem Podest mit den robusten Kissen sitzt die 17-jährige Abiturientin Lien-Phuong Ta, ihr Apple-Notebook auf den Knien, und bereitet sich auf ihre Geschichtssemesterarbeit vor. Sie wohnt um die Ecke und kommt alle zwei Wochen her. Sie fühle sich hier wohl und die Informationen aus dem Internet seien nicht immer so verlässlich. Außerdem legten ihre Lehrer wert darauf, dass man Buchquellen benutze. Auch die zwölfjährige Schillove, deren Eltern aus dem Irak stammen, nutzt die Bücherei zum Lernen. Manchmal, so wie heute, kommt sie mit ihrer Freundin nur zum Hausaufgaben machen her, und um vorn am Computer ein paar Fotos auszudrucken.

Der russische Schatz

Am Informationstresen sitzt Elvira Ullmann und sortiert gerade russische CDs. Die in Kasachstan geborene Bibliothekarin hangelt sich seit Jahren von einem befristeten Vertrag zum nächsten, aber ohne ihre Arbeit hätte es den mit 30.000 Euro dotierten Preis für die Bibliothek sicher nicht gegeben. Sie sorgt für den 3.000 Medien umfassenden russischsprachigen Bestand, der in ganz Berlin gefragt ist, der aber gerade für die vielen Russland-Deutschen in Lichtenberg ein Schatz ist. Mit ihren Sprachkenntnissen steht sie auch jenen zur Verfügung, die vorne beim Bürgeramt Schwierigkeiten mit den Formularen haben. Elvira Ullmann verfügt über einen Etat von rund 2.000 Euro pro Jahr, für den sie Bücher, CDs, DVDs und Zeitschriften kaufen kann. Sie weiß um die Vorlieben ihrer Klientel, „und ich informiere mich ständig über Neuerscheinungen“, sagt Ullmann.

Dieses Wissen darum, was die Menschen im Stadtteil interessiert und was sie sich wünschen, schlägt sich nicht nur in den Buchbestellungen nieder, sondern auch in den Lesungen, Konzerten und Bildungsangeboten der Bibliothek. Die vier Bibliothekarinnen und ihre neun Mitarbeiterinnen haben ein enges Netz gesponnen. Beteiligt sind die Wohnungsbaugesellschaften, die Schulen des Bezirks, die Volkshochschule, aber auch Künstler und Musiker aus dem Stadtteil. So entsteht ein vielfältiges Programm. „Wir sind stolz darauf, für alle etwas liefern zu können“, sagt Christiane Bernhardt. Und dazu gehören neben den 45 000 Büchern und Zeitschriften auch 18.000 elektronische Medien. Auch drei elektronische Lesegeräte, sogenannte E-Reader, wurden angeschafft. Rund 95.000 Euro beträgt der Anschaffungsetat pro Jahr. Auch das Preisgeld soll in moderne Technik investiert werden. DVD-Player, eine Wii-Spiele-Konsole und CD-Abspielgeräte – „damit man mal in die Hörbücher reinhören kann“, so Bernhardt. Auch Möbel für die neue Elektronik-Ecke sind noch drin im Etat. Schließlich sollen die Lichtenberger sich wohlfühlen in ihrer Stadtteilbibliothek.

Anton-Saefkow-Bibliothek: Anton-Saefkow-Platz 14, Mo, Di, Do, Fr 9-19 Uhr,

Mi 13-19 Uhr, Sa 9-15 Uhr.

Tel. 030/902 96 37 73.