Noch teilen sich auf der Straße Unter den Linden Autos, Radfahrer und Fußgänger den Raum. Damit könnte es bald vorbei sein.
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BerlinBobby-Cars, Kinderfahrräder, E-Bikes: Mehr Fahrzeuge durften am Sonnabendmittag auf der Tauentzienstraße im Schatten des Europa-Centers nicht fahren. Auf Initiative des Bündnisses „Stadt für Menschen“ wurde ein Abschnitt der Einkaufsmeile knapp drei Stunden lang zum Fußgängerbereich. Die Sperrung hat die Debatte über autofreie Straßen und Plätze in Berlin angeheizt. „Es wird weitere Aktionen dieser Art geben“, kündigte Bündnissprecher Matthias Dittmer an. So könnten der Hackesche Markt und Unter den Linden Flaniermeilen werden. Aus den Reihen der Grünen und der FDP kommen ebenfalls Ideen.

Es begann mit einer zweistündigen Sperrung der Friedrichstraße in der City Ost kurz vor Weihnachten 2018. Damals demonstrierte das Bündnis zum ersten Mal, wie es sich Berliner Innenstadtstraßen vorstellt: ohne Autos, dafür mit mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Inzwischen wurde ein Teil der Friedrichstraße autofrei, bis Ende Januar 2021.

Die Tauentzienstraße in der City West war nun am Wochenende Schauplatz einer weiteren Aktion des Bündnisses. Zu Beginn wurde ein grüner Teppich auf dem Asphalt ausgerollt, auf den zu armenischer Trauermusik 31 weiße Rosen gelegt wurden. Sie erinnerten an die 31 Fußgänger und Radfahrer, die seit Januar im Berliner Straßenverkehr getötet worden sind. In Helsinki und Oslo habe es 2019 keine toten Fußgänger und Radfahrer gegeben, sagte Stefan Gammelien von der Initiative Changing Cities. „Im Verkehr zu sterben, ist kein gottgegebenes Schicksal, sondern Ergebnis von Entscheidungen und Prioritätensetzungen, die den Verkehr so gestalten, wie wir ihn vorfinden.“

Es werde lange dauern, bis Berlin umgestaltet sei, gab Bettina Jarasch, Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Abgeordnetenhauswahl im nächsten Jahr, zu bedenken. „Doch es gibt einige Dinge, die wir jetzt schon machen können: autofreie Kieze, autofreie Plätze, Spielstraßen, Pop-up-Radwege“, sagte die Frau, die Regierende Bürgermeisterin werden will. Mit Blick auf den vorübergehend autofreien Tauentzien sagte sie: „Mein Traum ist es, dass es viele solcher Plätze in Berlin gibt.“

Ein Test auf dem Hackeschen Markt dränge sich geradezu auf, sagte Matthias Dittmer. Dort seien viele Fußgänger unterwegs, die derzeit kaum Platz hätten. Auch die Straße Unter den Linden eigne sich für einen Versuch – vielleicht noch in diesem Jahr. Für diese Straße sehe der rot-rot-grüne Koalitionsvertrag von 2016 ohnehin eine fußgängerfreundliche Umgestaltung vor. In einem ersten Schritt sollen Fußgänger, Radfahrer und Busse 2021 mehr Platz bekommen, kündigte die Senatsverkehrsverwaltung an.

Bobby-Cars waren am Sonnabend auf den Tauentzien erlaubt - Autos, Lastwagen und Busse nicht.
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Cordelia Koch von der Pankower Grünen-Fraktion hat eine weitere Idee. Wie wäre es, wenn der Anger in Pankow einen Tag lang Fußgängern und Radfahrern gehören würde? Wie berichtet, hat die Fraktion ein Projekt ins Leben gerufen: Stadtraum 2030 – Raum für Menschen statt für Autos. Bei Diskussionen äußerten Bürger allerdings auch Kritik an den vorgeschlagenen Umgestaltungen, berichtete Koch. So hieß es: „Wenn das so kommt, wird es zu schön hier. Dann steigen die Mieten, und ich muss wegziehen.“

Und wie sieht es mit dem Tauentzien aus? Oliver Schruoffeneger, Baustadtrat in Charlottenburg-Wilmersdorf, bevorzugt einen dezentralen Ansatz. Sinnvoller wäre es, in Wohnvierteln Bereiche für Autos zu sperren, so der Grünen-Politiker. Hauptadern wie die Tauentzienstraße würden weiterhin gebraucht, damit der Verkehr konzentriert werden kann. Ob die benachbarte Budapester Straße so breit bleiben sollte wie jetzt, sei allerdings fraglich: „Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, den Hardenberg- und den Breitscheidplatz zusammenzuführen“ – damit eine attraktive Verbindung für Fußgänger entsteht. Das Bündnis „Stadt für Menschen“ fordert dort eine Fußgängerzone.

Bitte umfahren! Am 10. Oktober war die Tauentzienstraße zwischen Ranke- und Nürnberger Straße knapp drei Stunden lang gesperrt.
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Der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt regt an, die Tauentzienstraße einige Wochen versuchsweise ganz oder auf einer Seite zu sperren. „Für eine temporäre Fußgängerzone würde sich die Adventszeit eignen, in der sehr viele Menschen dort einkaufen gehen und die Straße oft überfüllt ist“, sagte der Abgeordnete am Sonntag. Nötig sei aber, dass der  Handel anders als an der Friedrichstraße mit großer Mehrheit gewonnen werden kann und sich der Liefer- sowie Busverkehr zufriedenstellend regeln lassen.

Die Verkehrsverwaltung lobte die Aktion am Wochenende. „Wir begrüßen Initiativen aus der Zivilgesellschaft, die sich dafür engagieren, den stadtverträglichen und klimafreundlichen Umweltverbund aus Fuß-, Rad-, Bahn- und Busverkehr zu fördern“, sagte ein Sprecher. Bettina Jarasch wies aber darauf hin, dass es in Berlin auch Menschen gebe, die Angst vor Veränderungen hätten. „Weil sie befürchten, dass ihr Alltag stressiger wird“, so die Grünen-Spitzenkandidatin. „Gerade weil Veränderungen nötig sind, müssen wir mit ihnen reden.“ So viel steht fest: Die Debatte über die Mobilitätswende geht weiter.