Zu Beginn wirkte der Kleine sehr schüchtern. Ruckelnd fuhr er einige Meter, dann blieb er wieder stehen, als müsste er sich erst mal ans Umfeld gewöhnen. Schließlich gewann der Elektrobus dann doch noch an Fahrt – und der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) konnte mit ihm am Montag einen Ausflug in die Zukunft des Verkehrs unternehmen. Denn der Minibus des französischen Herstellers Navya ist ein besonderes Fahrzeug: Als autonomer Shuttle kommt er ohne Fahrer zurecht. Von 2018 an sollen vier solcher Busse an beiden Charité-Standorten in Mitte verkehren.

„Dies ist ein weiteres spannendes Pilotvorhaben zum autonomen Fahren in der Stadt“, sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), die bei der Probefahrt mit dem elektrischen Elfsitzer dabei war. Bereits seit November 2016 dreht Olli auf dem Euref-Campus am Schöneberger Gasometer nach einem festen Fahrplan seine Runden. Das Fahrzeug des US-amerikanischen Herstellers Local Motors, das bis Ende August verkehrt, ist Berlins erster autonomer Linienbus – übrigens mit Nulltarif.

Erster autonomer Linienbus

2018 breitet sich die Technik weiter aus. Auf dem Campus Charité Mitte ist eine 1,2 Kilometer lange Linie geplant, die beiden Routen auf dem Charité-Campus Virchow-Klinikum in Wedding sind 2,6 Kilometer lang. Je zwei autonome Busse mit mindestens elf Sitz- und vier Stehplätzen sollen dort im Linienbetrieb verkehren, um Personal, Studenten und Besucher zu befördern – mit Tempo 20.

„Unsere Standorte sind ein Abbild der Stadt“, sagte Charité-Chef Max Einhäupl. Der Verkehr auf den Krankenhausarealen, die zusammen 408 000 Quadratmeter groß sind, sei vergleichbar mit dem Verkehr auf öffentlichen Straßen: „Es gibt viele Fahrräder, Lkw, Pkw – und Fahrzeuge mit Blaulicht.“

„Zunächst müssen die Shuttles die Strecken lernen“, sagte Henrik Haenecke. Er ist Vorstand für Finanzen, Digitalisierung und Vertrieb der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die für den Betrieb verantwortlich sind. Auf der Straße orientieren sich die Shuttles außerdem mit Hilfe von Sensoren. Laser- und Radargeräte erfassen die Umgebung. Der Computer veranlasst Bremsmanöver, wenn es ihm nötig erscheint. Wie abrupt sie ausfallen können, mussten bereits Ollis Fahrgäste erleben. Im Navya-Bus zeigt ein Aufkleber Piktogramme herumwirbelnder Fahrgäste und warnt: „Scharfes Bremsen“.

Ab 2019 komplett autonom

Testfahrten sind für Anfang des kommenden Jahres geplant. Vom zweiten Quartal 2018 an dürfen auch Fahrgäste einsteigen. Bis zum vierten Quartal 2018 wird in in jedem Bus Personal an Bord sein, das Fragen beantwortet und bei Problemen eingreifen kann.

Im ersten Quartal 2019 soll dann der „echte“ autonome Betrieb beginnen – dann ist kein Personal mehr mit dabei. Er soll bis zum ersten Quartal 2020 dauern. Jeder Bus hat Nothalteknöpfe und eine Kamera.

Der Termin am Montag zeigte, wie es um die Zukunftsfähigkeit der deutschen Fahrzeugindustrie bestellt ist. Nicht nur der Navya kommt aus Frankreich – auch der EZ10 von Ligier, der ebenfalls präsentiert wurde, ist ein französisches Produkt. Autonomes Shuttle aus Deutschland? Fehlanzeige!

In Bayern auch öffentlich

Das Herstellerkartell, das Manipulationen in Dieselautos verabredet haben soll, war „offenbar auch ein Kartell zur Verhinderung von Elektromobilität“, sagte Pop. „Ich kenne keine serientauglichen Elektrobusse aus Deutschland.“ Auch in der Sprinterklasse, die für Handwerks- und andere Unternehmen interessant ist, gebe es keine Angebote. „Die deutsche Automobilindustrie läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren“, so Müller. Er fand es bemerkenswert, dass die Deutsche Post in Eigenregie Elektro-Lieferfahrzeuge bauen lässt, weil es kein Angebot etablierter Hersteller gebe.

Noch steht nicht fest, wer die Minibusse für das Projekt in Mitte liefern wird. Doch wahrscheinlich wird zumindest ein Teil der Flotte aus Frankreich kommen. Navya-Busse sind bereits in Sion in der Schweiz im regulären Fahrgastbetrieb unterwegs. Auch in US-Städten werden autonome E-Busse getestet. Im niederbayerischen Kurort Bad Birnbach sollen sie ab Herbst erstmals in Deutschland sogar auf öffentlichen Straßen unterwegs sein. Das ist auch in Berlin geplant: Ollis Nachfolger soll zum Bahnhof Südkreuz fahren. Genehmigt wurde das aber noch nicht.